Stand: 24.01.2017 09:37 Uhr

Depressionen durch negative Nachrichten?

von Claudia Sarre

Tragödien, Terror, Tod. Fast jeden Morgen weckt uns der Radiowecker mit unheilvollen Nachrichten. Noch während wir versuchen, das morgendliche Chaos zu bewältigen, wird unser Hirn schon mit Berichten über Kriege, Gewalt und Verbrechen geflutet. Mit zum Teil dramatischen Auswirkungen auf Körper und Geist, erläutert Neurowissenschaftlerin Maren Urner vom Internetportal "Perspective Daily": "Nicht nur aufgrund des Negativfokus, sondern auch aufgrund dieser Informationsflut geraten viele Menschen in einen Stresszustand. Kurzzeitiger Stress ist etwas, was biologisch sehr sinnvoll ist, weil es uns zum Beispiel beim Überleben hilft. Wenn wir aber dauerhaft in diesen sogenannten chronischen Stresszustand gelangen, dann ist es sowohl für den Körper als auch für die Psyche sehr, sehr schlecht."

Resignation durch Negativberichterstattung

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"Journalismus muss auch Lösungen aufzeigen"

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Sehr, sehr schlecht heißt konkret: Stress kann zu einem geschwächten Immunsystem führen, zu Bluthochdruck und Schlafstörungen, aber auch zu Depressionen und Antriebslosigkeit.

Natürlich beeinflusst dies wiederum auch unser Denken und Handeln, erklärt der Medienwissenschaftler Tobias Hochscherf von der Fachhochschule Kiel: "Was man beobachten kann, ist, dass durch die durchweg negative Berichterstattung eine gewisse Resignation einsetzt. Das heißt: Menschen sagen, man kann an der Gesellschaft nichts ändern, das ist halt so, alle sind korrupt, Bauprojekte funktionieren nicht, Geld wird verschwendet, Macht wird missbraucht. Und ich glaube, dass das natürlich für eine Demokratie, die ja auch gestalten will und die das Zusammenleben regelt, fatal ist."

Neue Denkanstöße liefern

Die Lösung - so der Medienwissenschaftler: positive, konstruktive Nachrichten, die Lösungsansätze aufzeigen und so neue Denkanstöße liefern. Wird nur über Zerstörung und Verfall berichtet, führt das bei vielen Menschen zu Furcht und sogar Panik. Ein solches Angstklima sei ein gefundenes Fressen für Rechtspopulisten, bestätigt Hochscherf: "Ich glaube, dass eine einseitige negative Berichterstattung dazu führt, dass Menschen in dieser Resignation vielleicht anfälliger werden für einfache Lösungen. Plattitüden, Demagogen, die einfach sagen, wir können das ja ganz schnell ändern, das und das sind die Lösungen."

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Mit ihrem Projekt "Perspective Daily" wollen Maren Urner und ihr Team lösungsorientierten Journalismus anbieten und neue Perspektiven aufzeigen.

Häufiger hoffnungsmachende Geschichten zu erzählen oder gelungene Beispiele aus anderen Ländern zu schildern, erzeuge nicht nur eine positivere Grundstimmung - so Hochscherf, - sondern führe auch dazu, "dass Menschen sich in Debatten einmischen. Gerade wenn Journalisten Blicke aus dem Ausland hinzuziehen, dann kann es sein, dass Menschen sagen, hört mal zu, so ist das ja gar nicht. Schaut doch mal nach Dänemark, schaut doch mal nach Norwegen. Wenn dort so etwas klappt, warum soll es dann nicht auch hier klappen? Das heißt, Menschen werden aus einer Art Resignation rausgeholt und werden wieder Teil einer Debatte, weil sie auf einmal Argumente haben."

Psychologische Erkenntnisse als Grundlage

Der konstruktive Journalismus nutze dafür auch die Erkenntnisse aus der positiven Psychologie, erklärt Neurowissenschaftlerin Maren Urner: "Wenn wir positive Emotionen auslösen in Menschen - und das kann eben auch durch Berichterstattung erfolgen -, dann werden sie aktiver. Sie fühlen sich dann ermutigt und hoffnungsvoll und in der Lage, den Herausforderungen entgegenzutreten."

Zuversichtliche Berichterstattung - und damit eine optimistische Sicht auf die Welt - fördern Eigeninitiative und die Bereitschaft sich zu engagieren. Das ist doch auf jeden Fall eine gute Nachricht.

Ihre Meinung

  • B. Störkmann, Krefeld

    Es geht nicht um negative oder positive Berichterstattung - es geht um objektive Berichterstattung. Es geht darum Fakten korrekt wiederzugeben, Quellen zu nennen und Zusammenhänge aufzuzeigen. Um es mit Hans Joachim Friedrichs zu sagen: Distanz halten, sich nicht mit einer Sache gemein machen, weder gut noch schlecht und im Umgang mit Katastrophen nicht in öffentliche Betroffenheit versinken. Es geht doch darum, den Zuschauer, Hörer oder Leser zu informieren - seine Meinung bilden muss er sich schon selber.

  • C. Knoop, Worpswede

    Ich möchte auf Antonowskys "Salutogenese" hinweisen und die Frage in diesem Zusammenhang stellen: Wann bleiben wir gesund? Er sagt: Wenn wir das Gefühl haben, etwas zu verstehen, zu begreifen, wenn wir das Gefühl haben, aktiv etwas handhaben zu können und wenn wir einen Sinn erkennen können, dann ist die Chance auf seelisch-geistig-physische Gesundheit groß. Andernfalls droht Lethargie, Depression, Ohnmacht und Zynismus. Und das Gefühl von Ausweglosigkeit. Menschen brauchen aber das Gefühl von Verbundenheit und Zugehörigkeit, um handlungsfähig und liebes-lebensfähig zu bleiben. Ich wünsche mir einen Journalismus der positiven Verbundenheit.

  • Susanne aus Hannover

    Journalismus ist nicht für Lösungsvorschläge verantwortlich. Er sollte unvoreingenommen, möglichst sachlich, objektiv und von allen Seiten berichten. In letzter Zeit haben meinem Empfinden nach die Deutschen Medien da überaus nach gelassen. Beispiel: Als die Flüchtlingsströme so stark los gingen und so viele Menschen kamen, gab es im Deutschen TV kaum noch Fakten. Wollte ich wirklich wissen, was gerade passiert, dann habe ich die Nachrichten auf 3sat geschaut. Was ich außerdem mittlerweile sogar richtig abstoßend finde, dass die Medien, Moderatoren etc. polarisieren, moralische Aussagen machen und eigene Meinungen anbringen, wo sie berichten und beleuchten sollten.

  • H. Schröder, Hamburg

    "Meist nur schlechte Nachrichten": Nein; "alle Nachrichten"! Wenn Journalisten nach Lösungsvorschlägen suchen halte ich das für einen Irrweg. Sie sind, obgleich sie "über" ein Thema berichten, in der Regel "keine Fachleute". Ich wünsche mir zu vielen Themen Darstellungen aus unterschiedlichen Sichtweisen. Widersprüchliche Sichtweisen oder Quellen regen mich zum Nachdenken über ein Thema an. Wenn ein Journalist mir gleich Lösungen anbietet so kann die Aussage in einigen Fällen schon an Manipulation des Lesers führen. Fazit: Kein Mensch -auch kein Journalist- hat den Stein der Weisen gefressen; daher keine Lösungsvorschläge.

  • J. Ohls, Köln

    Ja. Unbedingt. Jede Erweiterung oder Verschiebung der Perspektive ist sinnvoll.

  • Dr. P. Guse, Melide

    Meistens sehe ich mir am Abend im Fernsehen nacheinander die Hauptausgaben der "Heute" Sendung im ZDF, der Schweizer Tagesschau und der Tagesschau der ARD an. Die ARD-Tagesschau bringt am meisten Problemberichterstattung, die Schweizer Tagesschau am wenigsten, ist am ausgewogensten, berichtet auch von erfreulichen Ereignissen sowie Wissenswertem und Interessantem im guten und schönen Sinne. Wir brauchen eine neue Ausrichtung der Berichterstattungsphilosophie der Nachrichtenredaktionen. Die derzeitige Berichterstattung ist überwiegend einseitig auf negative und skandalöse Ereignisse beschränkt. Das ist überhaupt nicht repräsentativ für die Vielzahl der täglichen Ereignisse in unserem Land, in Europa und auf der ganzen Welt. Es vermittelt dem Zuschauer ein völlig verzehrtes Bild von der Wirklichkeit.

  • C. Döll, Lübeck

    Ich habe heute Vormittag mit großer Freude gehört, dass NDR Info nicht mehr ausschließlich über Krisen und Probleme berichten will. Ich hatte vom "konstruktiven Journalismus" noch nichts mitbekommen. Nur insofern, dass ich eine dringende Notwendigkeit dafür sehe. Laut Frau Spiewak beschäftigt man sich nun auch mit der Frage, ob es für "das Problem" bereits Perspektiven / Lösungsansätze gebe. Und man wolle inspirieren. Finde ich großartig! Bitte gegen mögliche Widerstände weitergehen auf diesem Weg. Wir brauchen dringend mehr positive Nachrichten - Nachrichten, WIE es gehen KANN. Interessant: Frau Spiewak räumt ein, dass dieser neue Journalismus mehr Arbeit macht, denn alle, die zuarbeiten, schauen noch durch "die alte Brille". Da sag ich mal: steter Tropfen höhlt den Stein. Festhalten. Vorbild sein. Es gibt Pioniere und Follower...

  • Dr. U. Wiese, Glücksburg (1/2)

    Schauen Sie sich Ihre auf zwei Alternativen ausgerichtete Fragestellung an: "Problemberichterstattung oder Perspektiven?" - Lassen Sie einmal das Wort "Problem-" weg, da es bereits durch Vor-Sortierung eine Manipulation beinhaltet, also: "Berichterstattung oder Perspektiven?" - Jetzt wird es deutlich: Es gibt keine Alternative, da es um Berichterstattung, also objektive Darlegung von Sachverhalten geht. Das andere, die Interpretation, Einschätzung und Beurteilung ist vom Bericht zu trennen [...] Wenn es an einem Tag nur objektiv zu erfassendes Negatives zu berichten gibt, dann ist es eben so. Unerträglich wären selektive Wahrnehmung, Schönreden und nun, wie heute zu lernen, "alternative Fakten".

  • Dr. U. Wiese, Glücksburg (2/2)

    "Konstruktiver Journalismus" würde Manipulation bedeuten. [...] Objektive Berichterstattung mit sorgfältiger Recherche und stabiler Datenlage ("am Tag der Amtseinführung von B. Obama waren x Besucher zugegen, am Tage der von D. Trump y ") sollte oberstes Gebot sein und es ermöglichen, dass der Sachverhalt als solcher gar nicht mehr diskutiert werden kann.- Guter, solider Journalismus sollte insofern weiter so sein wie solide, objektive Daten akquierierende Wissenschaft.- Bewahren Sie uns also vor diesem merkwürdigen Konstrukt des " Konstruktiven Journalismus".

  • M. Kruse, Hildesheim

    Es ist gut und richtig, die ungeheuren Missstände dieser Welt zu benennen, aufzudecken und für Gerechtigkeit zu sorgen. Der Journalismus in einer / unserer Demokratie ist ein geeignetes Mittel dafür. [...] Ungefragt, zeitweise habe ich das Gefühl, dieser destruktiven Berichterstattung nicht ausweichen zu können. Doch ich habe die Wahl- den Fernseher abzuschalten[...]. Sehr gut kann ich mir vorstellen, dass Nachrichten im Radio/ Fernsehen positiv enden. Eine gute Tat / Nachricht aus der Welt, eine aus Europa und eine aus einem unserer Bundesländer. Positive Nachrichten machen auch Lust auf die Vielfalt der Welt, stimmen neugierig auf die bunten Facetten der Möglichkeit und Begegnungen.

  • R. Nacken, Helmste

    Eine Berichterstattung sollte folgendes umfassen: 1. Problemdastellung, 2. Chancen und Risiken, 3. Ggf. Handlungsbedarf bzw. Maßnahmen, 4. Erwartete Wirksamkeit oder nachgewiesene Wirksamkeit. Der Oberbegriff "Perspektive" erweitert meiner Auffassung nach die Qualität (z.B.Informationsgehalt) einer Berichterstattung. Ich möchte Sie hiermit ermuntern, machen Sie weiter - gehen Sie weiter.

  • K. Spohrs, Lehre

    Mich bedrückt die Summe der unendlichen Probleme auf der Welt sehr. Um mich zu schützen und Kraft für die von mir zu lösenden Probleme zu behalten, schalte ich sehr häufig Nachrichtensendungen mit Bildern nicht mehr ein. Sie verfolgen mich tief in den Schlaf. Nachrichten lese ich zum großen Teil nur noch. Da kann ich schnell sehen, was ich verkrafte und was nicht. Ich weiß sehr genau, dass das auch vielen meiner Bekannten so geht. Ja, der Journalismus muss sich ändern, sonst verliert er seine Zuhörer. Ja, das Grauen auf der Welt ist riesig, aber die Berichterstattung übersteigt bei weitem das, was ich am Abend vertrage.

  • E. Kittlitz, Hamburg

    Der NDR sollten faktengetreu berichten. Wenn es Positives zu vermelden gibt, umso besser; dies sollte dann nicht zugunsten einer Schreckensnachricht unter den Tisch fallen. Kritisch sehe ich oft die Interviews auf Ihrem Sender. Die Interviewer stellen ihre Fragen zu oft von der Warte dessen, der die Antwort schon weiß, sie geben dem Interviewten zu wenig Zeit sich zu erklären und unterbrechen, um die gewünschte Antwort (die sie nicht bekommen werden) zu hören. Das macht der Deutschlandfunk z.B. sehr viel besser. Davon abgesehen, ist der NDR Info meine Wahl, wenn ich schnell zur Viertelstunde das Neueste erfahren möchte.

  • M. Neumann, Hamburg

    Ich fände es sehr angenehm, wenn eher lösungs- als problemorientiert berichtet würde und wenn das Tempo der Berichterstattung zu Gunsten der Abgewogenheit und Korrektheit reduziert werden würde. Manchmal denke ich, täte mehr Gelassenheit (das ist nicht Gleichgültigkeit) und ein bisschen mentaler Abstand gut.

  • L. Straus, Berlin

    Um Gottes Willen! Bloß keine Lösungsvorschläge von Journalisten! Das wäre ja noch mehr Nanny-Journalismus. Bitte lieber Wissenschaftler aus verschiedenen Lagern einladen und diese dazu interviewen. Nicht immer die gleichen zehn Leute. Mehr nachvollziehbare Studien zu Themen von verschiedenen unabhängigen Instituten, bitte bei sogenannten Experten, Mitarbeiter interessensgeleiteter NGOs, Stiftungen und Parteistiftungen als solche benennen. Studienergebnisse auch kritisieren, konträre Meinungen zulassen. Vor allem gleichwertig auch konservativ liberale Meinungen zulassen. Und bitte bitte Meinungen klar kennzeichnen! Und vor allem Quellen angeben, Quellen angeben, Quellen angeben!! Ihre Hörer sind kein Kinder!

  • Prof. H. Schymroch, Laboe

    Only bad news are good news! Aber nur, weil viele wenig gebildete Menschen sich daran aufgeilen zu sehen, wie andere Menschen leiden oder sterben. Wenn man also Quote und dadurch Kasse machen will, muss man schlechte Nachrichte aus der ganzen Welt bringen, und wenn es auch nur drei Tote bei einem Bahnunfall in Kirgisien sind. Ich sehe mir außer lokalen keine Nachrichten mehr im Fernsehen an sondern scrolle sie am Rechner durch und wähle was ich sehen will.

  • H. Leinemann, Kiel

    Ja, der Journalismus muß konstruktiv (-er, am -sten) werden, denn Mißstände bestehen immer in einem Zusammenhang mit anderen Situationen; aus dem Zusammenhang gerissen, sind Mißstände nur noch Geschosse gegen irgendetwas/irgendjemanden, d. h. man befindet sich im Krieg, den irgendeine Seite gewinnen MUSS - und die andere verlieren muß. - Will man jedoch nicht gegeneinander Krieg führen, keine Verlierer produzieren, sondern miteinander zu einer besseren Lösung kommen, müssen auch Mißstände im Zusammenhang gesehen werden, also auch dem, daß Lösungsmöglichkeiten vorgestellt werden, die in einen Gedankenaustausch mit den Lesenden führen.

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