Stand: 16.06.2015 09:44 Uhr

"Die Toten kommen"

von Oliver Kranz
Leere Stühle für die geladenen Gäste an einem Sarg mit der Leiche einer im Mittelmeer ertrunkenen Syrerin auf dem muslimischen Teil des Friedhofs Berlin-Gatow.

Das Zentrum für Politische Schönheit ist eine Künstlergruppe, die mit spektakulären Aktionen politische Themen ins Gespräch bringt. Jetzt sollen die Leichen von Flüchtlingen nach Berlin gebracht und dort bestattet werden.

"Wir holen das Problem nach Deutschland"

Flüchtlinge, die im Mittelmeer ertrinken, werden anonym bestattet. Ihre Namen werden nicht ermittelt, die Angehörigen nicht informiert. Das will das Zentrum für Politische Schönheit nun ändern: "Ab dieser Woche lassen wir die Toten nicht mehr in Südeuropa auf Bergen und in Kühlkammern verrotten. Wir holen das Problem nach Deutschland. Gemeinsam mit Angehörigen, Imamen, Pfarrern und Bestattern haben wir unwürdige Grabstätten geöffnet und die Toten exhumiert. Wir präsentieren sie unter den Augen der europäischen Öffentlichkeit ihren bürokratischen Mördern", heißt es in einem Video des Zentrums.

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Bestattungsunternehmen sind eingebunden

Die Sprache des Videos, mit dem im Internet um Spenden geworben wird, ist drastisch und die Aktion ist es auch. Ist es legitim, für ein Kunstprojekt Tote durch halb Europa zu transportieren? Das Zentrum für Politische Schönheit bemüht sich um ein Maximum an Pietät. Bestattungsunternehmen und Geistliche sind eingebunden, ehrenamtliche Helfer haben viele Monate recherchiert, um die Identität der Verstorbenen zu ermitteln.

Die meisten werden im Verlauf der Woche ganz offiziell auf Berliner Friedhöfen beerdigt. Doch einige sollen am Sonntag beim sogenannten Marsch der Entschlossenen vor das Bundeskanzleramt gebracht und dort beerdigt werden. Ein Eingreifen der Behörden scheint vorprogrammiert und damit auch das Entstehen medienwirksamer Bilder. Wenn es dazu kommt, kann von Pietät keine Rede mehr sein.

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Das Zentrum für Politische Schönheit will tote Flüchtlinge in Berlin bestatten. "Wir zeigen sie ihren bürokratischen Mördern", heißt es. Eine wichtige Aktion oder pietätlos? Schreiben Sie uns. mehr

Aufschreie wie diesen gibt es zu wenig

Man kann an der Aktion des "Zentrums für Politische Schönheit", tote Flüchtlinge nach Berlin zu bringen, vieles grenzwertig finden. Sie löst aber einen nötigen Aufschrei aus, meint Korinna Hennig. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 16.06.2015 | 08:00 Uhr