Stand: 26.01.2017 11:01 Uhr

Prantl: "Journalismus muss nicht rosarot sein"

Von Heribert Prantl, Mitglied der Chefredaktion der "Süddeutschen Zeitung" und Leiter des Ressorts Innenpolitik

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Heribert Prantl ist Mitglied der Chefredaktion der "Süddeutschen Zeitung" und Leiter der Redaktion Innenpolitik.

Der Journalismus müsse "konstruktiver" werden, heißt es. Ich kann mit so einer Forderung nichts anfangen. Für mich klingt das wie eine Twitterei von Donald Trump.

Konstruktiv heißt dann wohl: Der Journalismus soll positiver berichten, er soll nicht so kritisch sein, er soll sich an die schönen Dinge halten, er soll die Leute möglichst nicht aufregen und nicht aufbringen. Konstruktiver Journalismus: Meint das einen zuckrigen Journalismus? Einen, der den Leuten Honig ums Maul schmiert? Ein bisschen "Goldenes Blatt", ein bisschen "Readers Digest", ein bisschen "Apotheken-Umschau"? Also spannende Unterhaltung, Geschichten über Helden des Alltags und gute Nachrichten aus Gesundheit und Gesellschaft: Das alles hat gewiss seine Berechtigung, auch das soll sein.

Aber die Pressefreiheit ist eigentlich nicht für solchen schäfchenweichen Sanso-Journalismus geschaffen worden. Es gibt die Pressefreiheit, weil sie für die Demokratie wichtig ist, weil sie die Macht und die Mächtigen kontrollieren soll, weil sie die Bürger befähigen soll, die Zukunft der Gesellschaft so gut wie möglich mitzugestalten. Es gibt die Pressefreiheit, weil Medien systemrelevant sind für die Demokratie. Es gibt die Pressefreiheit nicht deswegen, weil sie systemrelevant ist für die gute Laune.

Ein guter Journalismus bleibt bei den Fakten; er analysiert sie und bewertet sie, so sachkundig wie möglich. Er übertreibt nicht um des Übertreibens will, er haut nicht aus Gaudi auf den Putz; er macht keine Werbung für Lobbys, er fällt auch möglichst nicht auf Propaganda herein; guter Journalismus krakeelt nicht herum. Kikeriki-Journalismus, also ein Journalismus, dem es das Allerwichtigste ist, dass er der schnellste und der allerexklusivste ist, ist nicht automatisch ein ordentlicher Journalismus.

Gewiss: All das passiert; all das ist nicht gut; all das ist ein fehlerhafter Journalismus. Aber deswegen muss man nicht so tun, als sei es nötig, Journalisten quasi zur Resozialisierung in die Heilsarmee einzugliedern.

Journalisten müssen Journalisten bleiben. Sie müssen nicht auf Entertainer umschulen, auch nicht auf Wellness-Trainer. Hauptaufgabe der Pressefreiheit ist es nicht, für gute Laune am Frühstückstisch zu sorgen. Die Hauptaufgabe des Journalismus ist es, die Menschen zu befähigen, sich ein richtiges Bild von der Welt zu machen. Der Journalismus muss sich nicht klein und rosarot machen. Ich bin klein, mein Herz ist rein, die Welt soll mit mir besser sein - das ist Larifari, nicht Journalismus.

Der Journalismus macht Fehler, gewiss.
Aber: Man muss nun nicht einen konstruktiven Journalismus erfinden und verordnen, um die Fehler zu vermeiden. Man muss einfach guten Journalismus machen.

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Dieses Thema im Programm:

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