Stand: 25.04.2017 17:58 Uhr

Wie Bildungsstandards wichtiger als Lehrpläne wurden

"Wer bestimmt, was Kinder lernen?" Diese Frage beschäftigt uns im Rahmen der aktuellen NDR Debatte. Vieles kommt in den Blick - die Rolle der Eltern, der Lehrer, der Bildungspolitik; der Einfluss von Stiftungen, internationalen Vergleichstests. Die Vorstellung überhaupt, dass man im doppelten Wortsinn "bestimmen" kann, was Kinder lernen sollten, führt ja zu bildhaften Ideen von der Schule als einer Art Pflanzgarten oder von Bildung, die nach Plan verabreicht wird, gern nach den Modellen der neuesten Pädagogik. Das Wort "Lehrplan" kommt einem in den Sinn. Und Professor Heinz-Elmar Tenorth kennt sich damit bestens aus.

Herr Tenorth, sind Lehrpläne überhaupt das machtvolle Instrument der Bildungssteuerung, das man in ihnen vermuten könnte?

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Heinz-Elmar Tenorth lehrte 20 Jahre lang an der Humboldt-Universität Berlin Historische Erziehungswissenschaft.

Heinz-Elmar Tenorth: Nicht mehr so, wie sie es vielleicht in der älteren Bildungsgeschichte waren. Es gibt sie immer noch, in unterschiedlicher Gestalt - Rahmenpläne, Lehrpläne, geordnet nach dem Grad der Verbindlichkeit. Aber man muss gleichzeitig sehen, dass Bildungsstandards ein ganz wesentliches Steuerungsinstrument in der jüngeren Zeit geworden sind, also Vorgaben, die für zentrale Fächer entwickelt werden und an denen die Arbeit der Schule und die Ergebnisse des Lernens gemessen werden. Die haben in ganz vielen Bereichen Lehrpläne ersetzt. Wir haben diese Standards für die Naturwissenschaften, für Deutsch und für die erste Fremdsprache, Englisch oder Französisch. Die Standards werden seit Anfang des 21. Jahrhunderts in Berlin für die Kultusministerkonferenz entwickelt, sogar an unserer Universität, in einem Institut, das eigens dafür gegründet worden ist: das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen. Und in den einzelnen Ländern werden die Standards einmal am Ende der Grundschulzeit und dann für 15-, 16-jährige Schüler am Ende der Pflichtschulzeit gemessen. In der Zwischenzeit müssen sich die Schulen an diesen Standards in ihren Lehrplänen und in ihrer schulischen Arbeit orientieren.

Wenn sich die Bedeutung der Lehrpläne im historischen Verlauf gewandelt hat - seit wann gibt es überhaupt das, was wir Lehrpläne zu nennen uns angewöhnt haben?

Tenorth: Wir können Schulen und ihnen zugeordnete Lehrpläne schon in der klassischen griechischen Antike sehen. Sie gerinnen zu einer richtig festen Form für die Gelehrtenbildung. Die Sieben Freien Künste sind in unserem Abendland das beste Beispiel dafür. Aber vergleichbare Muster gibt es auch in der chinesischen Kultur und in vorderasiatischen Kontexten. Wir treffen also bestimmt seit mehr als 2.000 Jahren auf solche lehrplanförmigen Ordnungen des Wissens.

Wenn man die historischen Zeiträume enger fasst, dann landet man bei der Frage nach Konjunkturen und Moden. Sie haben geschildert, wie Bildungsstandards die Lehrpläne in der Bedeutung abgelöst haben. Spiegeln sich darin, wie Lehrpläne formuliert werden, wie man Standards setzt und dergleichen mehr, in der Tat Konjunkturen pädagogischer Moden und auch von Bildungspolitik wieder?

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Tenorth: Lehrpläne sind eminent politische Dokumente. Sie werden das besonders dann, als mit Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts sich allgemeine Bildung durchsetzt, also nicht mehr allein nur die Gelehrten Objekt schulisch organisierter Erziehung werden, sondern jeder Heranwachsende in unserer Gesellschaft und Kultur der Schulpflicht unterworfen wird. Seit der Zeit gibt es das, was die Alten noch viel offener Schulzwang genannt haben. Mit diesem Schulzwang war immer ein verbindlicher Kanon von Wissen verbunden, den die Schulen durchzusetzen hatten und dem ein jeder sich zu unterwerfen hatte. Von daher findet man in diesen Lehrplänen ein gewisses Bild des Untertanen, was man an Minimum an Kenntnissen von jedem erwartete in einer Gesellschaft. Das schloss dann immer ein, dass er auch politisch oder religiös angemessen indoktriniert wurde. Er musste also nicht nur lesen, schreiben, rechnen können, sondern das Richtige glauben, das Richtige tun wollen und der Obrigkeit möglichst gehorsam sein. Insofern finden sich solche politischen und religiös indoktrinierenden Elemente in allen Lehrplänen wieder - im Grunde, wenn man das nüchtern sieht, bis in die Gegenwart. Unsere Fächer wie Politische Bildung oder Sozialkunde sind die legitime Form der Indoktrination in einer Demokratie.

Es gibt jede Menge gesellschaftlicher Einflussfaktoren: Digitalisierung wäre ein Stichwort in diesem Zusammenhang - sie ändert vieles, wohl auch in den Schulen. Verändert sie denn unsere Antwort auf die Frage, was und wie Kinder lernen, so fundamental, dass die Instrumente ganz neu überprüft werden müssen? Lehrpläne, Standards, anderes mehr?

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Tenorth: Da bin ich skeptisch, weil diese Frage zwei Dinge gleichsetzt, die man nicht gleichsetzen darf: Die falsche Option ist die, dass man die Schule als einen Ort betrachtet, in dem primär Wissen vermittelt wird. Das ist falsch. Die Schule ist nicht der Ort, primär Wissen zu vermitteln, sondern in dem ein Habitus eines lernbereiten, lernfähigen und gegenüber Problemen kognitiv agierenden Menschen konstruiert wird. Wir werden dort gebildet - und das Wissen ist sekundär. Das Lernen zu lernen ist die primäre Funktion der Schule und das geschieht nicht, indem ich Zugang zu Wissen habe, sondern indem ich in der Interaktion mit einem kompetenten Lehrer und mit anderen, die so unwissend sind wie ich, in gemeinsamer Situation Strategien entwickele, selbstständig das Lernen zu lernen. Im dualen Zugang "Mensch - Wissen", wie das der Computer, Datenbanken, Google oder Wikipedia anbieten - lerne ich nicht das Lernen, sondern ich lerne nur, Wissen aufzunehmen. Insofern bleiben die klassischen Aufgaben - wie erwerbe ich Lernstrategien; wie lerne ich, gutes vom schlechten Wissen zu unterscheiden; wie lerne ich, das Falsche am Wissen zu entdecken und es zu prüfen? Alles das, was Schule zu einer Bildungseinrichtung macht, das ist sehr konventionell und das wird bleiben. Es gab auch frühere Versuche, das Lernen zu technisieren, Stichwort "programmierter Unterricht" - das ist vor 30 Jahren ganz große Mode gewesen. Die ganzen Apparate stehen jetzt im Keller und werden nicht mehr gebraucht. Der Zugang zum Wissen ist nicht der Erwerb von Bildung und der Erwerb und die Kultivierung von Lernfähigkeit. Zur Kultivierung von Lernfähigkeit sind heutige Schulen da.

Was hat Ihrer Forschung, Ihrer Erfahrung nach den größten Einfluss darauf, was Kinder in den Schulen lernen, wenn in den letzten Jahren so viel die Rede ist von "Helikoptereltern", wenn auch die Bedeutung des Könnens der Lehrpersonen wieder so sehr betont wird? Wie stellt sich das aus Ihrer Sicht dar?

Tenorth: Die Schule ist deswegen so wirksam, weil sie einerseits der einzige Ort ist, den wir alle gemeinsam besuchen müssen, und zweitens, weil wir das in Gemeinschaft tun und dabei lernen, uns selbst in Differenz zu anderen beim Lernen zu beobachten, uns selbst einzuschätzen. Die Möglichkeiten des Umgangs mit Problemen, die die Welt uns bietet, und der kognitiven Chancen, die ich dabei habe, an anderen und an uns selbst zu erproben und dabei durch einen professionellen, guten Pädagogen unterstützt zu werden. Die Schule als Institution ist in ihrer Organisationsform das wesentliche Medium, an dem wir lernen. Dazu muss man bedenken: Die Schule ist nicht nur Unterricht, sondern das ist auch die Pause, die Interaktion in der Peergroup - da lernen wir ganz wesentlich und elementar, das beeinflusst uns. Also nicht allein der Lehrplan, auch nicht allein der Lehrer, das Thema oder die Bewertung, sondern die Gesamtheit dieser Arrangements, denen ich mich zehn Jahre lang ausgesetzt sehe, die prägen mich und machen aus mir jemanden, der seinen Lebenslauf als Bildungsprozess entwirft.

Das Interview führte Ulrich Kühn.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 25.04.2017 | 19:00 Uhr

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