Stand: 01.02.2016 16:49 Uhr

"Wir Journalisten haben auch Fehler gemacht"

Glaubwürdigkeit - für einen, der öffentlich spricht, ist sie unschätzbar wichtig. In der klassischen Rhetorik war das Ethos des Redners, seine Glaubwürdigkeit, eine zentrale Kategorie seiner Überzeugungskraft. Hinzu kam das Pathos, die emotionale Treffsicherheit, mit der er seine Sache vortrug. Und schließlich der Logos, die Klarheit und Schlüssigkeit seiner Argumentation. Warum der Ausflug in die Antike? Weil er schlagartig klarmacht: Worüber zurzeit verbissen und rechthaberisch gestritten wird, ist nicht ganz neu. Unerhört aber sind der Furor und das Beharrungsvermögen, mit denen ganzen Gruppen in Bausch und Bogen die Glaubwürdigkeit abgesprochen wird. Es mag ein Symptom sein, dass dies vor allem "die Presse" trifft.

Im Interview weist der Journalist Georg Mascolo den Vorwurf der "Lügenpresse" deutlich zurück, gibt aber auch Fehler der Journalisten zu.

Herr Mascolo, steckt der Journalismus tatsächlich in der Glaubwürdigkeitskrise - oder wird das nur durch eine unzufriedene Minderheit suggeriert?

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Georg Mascolo ist seit Februar 2014 Leiter des Rechercheverbunds von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung".

Georg Mascolo: Es gibt zwei Entwicklungen: zum einen das Schlagwort der "Lügenpresse", das ich für eine große Unverschämtheit halte. Zum anderen gibt es eine Erosion unserer Glaubwürdigkeit, die bis weit in bürgerliche Kreise hineinreicht. Es trifft uns Journalisten eher ziemlich spät - die Politik hat es weit vorher getroffen. Es gibt bei vielen Menschen eine weit verbreitete Neigung, das unter Generalverdacht zu stellen, was diejenigen, die in der Vergangenheit ganz klassisch Autoritäten gewesen sind, sagen, nämlich Journalisten, Politiker, aber auch Polizisten. Es wird nicht gesagt: "Vielleicht irrt ihr in eurer Auffassung." Stattdessen wird ihnen eine Boshaftigkeit unterstellt, eine politische Agenda, indem man bestimmte Dinge sagt und bestimmte Dinge nicht sagt. Das hat ein Ausmaß angenommen, das ich in der Vergangenheit so nicht habe beobachten können.

Wenn Sie sagen, dass es den Journalismus vergleichsweise spät getroffen hat, könnte man auf die Idee kommen, dass der Journalismus zu einem etwas späteren Zeitpunkt bestimmte Fehler gemacht hat, die diesen Glaubwürdigkeitsverlust verursacht haben. Wie sehen Sie das?

Mascolo: Die "Lügenpresse", das Unterstellen, dass massenweise Kolleginnen und Kollegen Falsches berichten und Nachrichten unterschlagen wollen - das halte ich für falsch. Ich glaube aber, dass es dennoch Fehler gibt, die wir gemacht haben. Zum einen gibt es eine ungeheure Beschleunigung unseres Berufes, die wir in den vergangenen Jahren erlebt haben. Das konnte so dauerhaft nicht gut gehen. Es ist nichts falsch daran, eine Nachricht als Erster zu haben - es ist sogar das Zweitwichtigste in unserem Beruf -, aber das Wichtigste muss sein, dass die Nachricht stimmt. Wir haben uns in dieser ungeheuren Beschleunigung alle angewöhnt, Dinge in dem Moment, in dem sie geschehen, auch zugleich ausdeuten zu wollen, sie erklären und wägen zu wollen. Ich glaube, dass da eine Überforderung eingetreten ist, und dass das dazu geführt hat, dass wir an vielen Stellen Fehler machen, anstatt häufiger zuzugeben: "Wir wissen es nicht. Wir können es nicht beurteilen. Gebt uns einen Moment Zeit, die Dinge zu durchdringen, sie zu recherchieren."

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Einen zweiten Punkt sehe ich darin, dass Journalisten sehr starrköpfig darin sind, Fehler, die sie gemacht haben, zu korrigieren. Im Printjournalismus ist das seit ewiger Zeit eine Vorschrift, die sich aus dem Kodex des Presserates ergibt. Aber diese wird von viel zu vielen nicht eingehalten. Diese Aufrichtigkeit gegenüber dem Publikum, zu sagen: "Hier haben wir uns geirrt, hier haben wir eine falsche Information transportiert, und aus Liebe zu unserem Beruf und aus Respekt vor dem Publikum treten wir vor das Publikum und korrigieren das" - so wie das in Amerika seit vielen Jahren üblich ist -, das haben wir nicht getan. Das halte ich für einen Fehler. Jetzt werden wir mehr und mehr von Blogs und von Personen im Netz dazu gedrängt, weil mit unseren Fehlern auf eine andere Art und Weise umgegangen wird. Ich hätte mir gewünscht, dass wir das sehr viel früher aus eigener Verpflichtung tun.

Es gibt einen Satz des Soziologen Niklas Luhmann: "Was wir über unsere Gesellschaft, ja, über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien." Das scheint so nicht mehr ganz zuzutreffen. Nun war andererseits nie gottgegeben, was man gelesen hat. Man hat früher das Blatt abonniert, das die eigene Weltsicht zu bekräftigen versprach. Heute sucht man sich seine Netzwerke im Internet. Ist das die gleiche Struktur unter neuen Vorzeichen?

Mascolo: Nein, ich glaube, das ist etwas anderes. Bernhard Pörksen hat gesagt, dass neben die vierte Gewalt, die Medien, eine fünfte getreten ist, nämlich die Macht von vielen, von allen, die den Filter der Medien heute nicht mehr brauchen. Die sich selbst zu Wort melden, die ihre eigene Position senden können. Jeder ist zu jemandem geworden, der in dieser Welt in eine Diskussion eingreifen kann. Ich glaube, dass es für uns Journalisten wichtig ist, den Unterschied deutlich zu machen. Der Unterschied ist, dass das, was wir berichten, sich unterscheiden muss von dem, was jemand meint zu wissen.

Menschen, die nicht viel wissen, können viel meinen - und das ist in Ordnung. Unser Beruf ist das nicht. Ich glaube, dass wir heute sehr viel klarer als in der Vergangenheit wieder trennen sollten zwischen dem, was wir wissen, und dem, was wir nicht wissen. Dass wir die Fakten berichten und sie dann auch entsprechend kommentieren. Wir müssen die Fähigkeit zurückgewinnen, zu sagen: Wir wissen etwas nicht, wir können etwas nicht beurteilen, wir unterwerfen uns nicht vollständig diesem unglaublichen Geschwindigkeitsprozess, in dem das stattfindet, weil ansonsten auch wir dazu übergehen, viel zu häufig zu mutmaßen und über Dinge zu berichten, bevor wir sie selbst verstanden haben.

Sie haben den Vorwurf "Lügenpresse" sehr deutlich zurückgewiesen. Eine aktuelle repräsentative Umfrage des Instituts TNS Infratest hat ergeben, dass 86 Prozent der Norddeutschen den NDR für glaubwürdig halten. Reagiert Journalismus in angemessener Weise auf diesen Vorwurf, "Lügenpresse" oder gar "Systempresse" zu sein - oder könnte der selbstbewusster zurückgewiesen werden?

Mascolo: Es ist ja keine neue Erkenntnis, dass wir, wenn es um uns selbst geht, schon immer ein schreckliches Glaskinn gehabt haben. Das kann man im Moment auch beobachten. Ich mag vor allem die Pauschalisierung nicht, die in dem Begriff der "Lügenpresse" steckt. An jedem Tag lese, höre oder sehe ich im Fernsehen Dinge, die ich für herausragenden Journalismus halte, und an jedem Tag sehe ich Dinge, die ich nicht mag, und manchmal auch Dinge, für die ich mich schäme. Die Pauschalisierung ist im Grunde immer falsch. Richtig ist, dass wir in diesen Zeiten, in denen unsere Glaubwürdigkeit auf eine besondere Art und Weise herausgefordert wird, all das auch als Chance begreifen. Ich glaube, dass die Mehrheit unseres Publikums uns vertrauen will und wir sollten sehr viel transparenter damit umgehen und uns Mühe geben, dieses Vertrauen an jedem Tag mit unserer Arbeit zu rechtfertigen.

Das Interview führte Ulrich Kühn.

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NDR Kultur | Journal | 01.02.2016 | 19:00 Uhr