Stand: 10.10.2016 15:29 Uhr

Früher gesund, heute unverträglich

von Mayke Walhorn

In den Regalen der Supermärkte finden wir immer mehr von ihnen: glutenfreie, laktosefreie oder auch fructosefreie Lebensmittel. Und sie werden gekauft. Tendenz steigend. Warum? Ein Modetrend in unserer Esskultur?

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Prof. Dr. Johann Ockenga ist Ernährungsmediziner in Bremen.

Nur ohne Laktose oder Gluten! So die Entscheidung von immer mehr Menschen.  Aber es wird nicht nur zunehmend auf Laktose-, also Milchzuckerhaltiges,  und Gluten-, also Weizen-Eiweißhaltiges Essen verzichtet, sondern auch auf Lebensmittel, die Fructose, also Fruchtzucker, enthalten. Ein Grund dafür - so der Ernährungsmediziner Johann Ockenga: "Es ist auf jeden Fall der Trend erkennbar, dass immer mehr Menschen über Nahrungs-Unverträglichkeiten - zum Beispiel über Milchzuckerunverträglichkeiten und auch Fructose-Unverträglichkeiten - klagen."

Genetische Ursachen für Unverträglichkeiten?

Zum Beispiel für Kopf- oder Magenschmerzen oder auch Durchfall werden diese Nahrungs-Bestandteile von den Betroffenen häufig verantwortlich gemacht. Aber werden heute Obst, Milch-, und Getreideprodukte, die früher als besonders gesund galten, von immer mehr Menschen nicht mehr vertragen? Haben sich die Lebensmittel verändert? Oder sind die Menschen empfindlicher geworden, was Gluten, Fructose oder Laktose betrifft?

"Es ist sicherlich nicht der Fall, dass heute das mehr auftritt als vor 50 Jahren. Wenn man mal überlegt: Was ist die Ursache von einer Fructose-Unverträglichkeit oder einer Laktose-Unverträglichkeit? Bei letzterem fehlt zum Beispiel vielen Menschen ein bestimmtes Enzym, um Milchzucker adäquat verdauen zu können! Das ist etwas, das genetisch festgelegt ist. Wie viele Menschen davon betroffen sind, daran hat sich heute nichts geändert", so Johann Ockenga.

Intoleranzen sind selten nachweisbar

Auch eine Gluten-Intoleranz kann genetisch festgelegt sein, sagen Wissenschaftler. Aber nur bei sehr wenigen Menschen lässt sich eine solche Intoleranz medizinisch tatsächlich nachweisen: "Eine wirkliche Gluten-Unverträglichkeit hat etwa 0,3 Prozent der Gesamtbevölkerung und alles andere ist ein weites Feld, je nach dem, ab wann bezeichnet man etwas als Nahrungsunverträglichkeit. Prinzipiell ist es im Moment so, dass viele Menschen Gluten meiden oder weglassen aus ihrer Nahrung, die es nicht weg lassen müssen", stellt der Ernährungsmediziner fest.

Prophylaktisch weglassen bringt nichts

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Noch vor wenigen Jahren als sehr gesund gepriesen, wird Milch heute kritisch gesehen.

Einfach prophylaktisch Gluten, Fructose oder Laktose ganz weg zulassen, mache auch keinen Sinn. Denn weder das Trinken von Milch, noch das Essen von Weizeneiweiß führt zu einer späteren Unverträglichkeit.  Auch der Genuss von Obst nicht.  Es sei denn, jemand würde unermessliche Mengen davon, oder auch nur noch Obst essen: "Die Fructose- Unverträglichkeit hat als Hintergrund, dass wir Menschen eine bestimmte Menge von Fruchtzucker in einer bestimmten Zeit aufnehmen können. Also, wenn sie sehr viel Fruchtzucker aufnehmen, entwickelt fast jeder Mensch eine Fruchtzuckerunverträglichkeit. Während die Laktose-Unverträglichkeit darauf beruht, dass sich im Laufe des Heranwachsens - häufig zwischen dem 6. und 8. Lebensjahr - ein bestimmtes Gen abschaltet, nämlich das Gen, dass verantwortlich ist für die Herstellung eines Enzyms, welches den Milchzucker abbaut.

Am besten: Verträglichkeiten selbst austesten

Die beste Möglichkeit, um heraus zu finden, was einem wirklich bekommt und was nicht, bleibt, es ganz bewusst selbst zu testen - ob Gluten, Fruktose oder Laktose, meint Ockenga: "Was passiert, wenn sie ein großes Glas Milch trinken? Haben Sie danach Bauchschmerzen? Haben Sie danach Durchfall? Oder passiert gar nichts? Wenn Sie keine Symptome entwickeln, dann ist eine Laktoseintoleranz schon sehr unwahrscheinlich!"

Auch Lebenseinstellung spielt eine Rolle

Aber gerade bei Milchprodukten ist nicht bei allen Menschen eine mögliche Laktoseintoleranz der Grund, darauf zu verzichten. Für viele stehen auch Gesundheits-oder Tierschutzgedanken im Vordergrund.

Die Milch von Kühen sei einfach nicht für den Menschen gedacht, heißt es auch immer wieder in den Diskussionen, die darüber geführt werden. Nicht ganz falsch, denn der Mensch war nicht immer dazu in der Lage, Milchprodukte zu verdauen! Das sei ein Fortschritt, der sich erst im Laufe der Evolution entwickelt habe, sagt Ockenga: "Dass wir Milch verdauen können, ist eine Spielart der Natur, eigentlich sind die Menschen, die Milch verdauen können, die Menschen, die eine Mutation haben! Die sich in der Zeit als sehr nützlich herausgestellt hat, weil es diesen Menschen möglich war,  über die Milchviehwirtschaft, Milch und Milchprodukte, zum Beispiel auch im Winter, oder in anderen Zeiten, wo bestimmte Nahrungsmittel nicht verfügbar waren, aufzunehmen und zu verdauen, und darüber ihre Ernährung sicher zu stellen."

Positive Aspekte von Nahrungsmitteln

Interviewpartner

Prof. Dr. Johann Ockenga
Direktor Medizinische Klinik II
Innere Medizin mit Schwerpunkt Gastroenterologie, Häpatologie, Endokrinologie
Diabetes und Ernährungsmedizin
Klinikum Bremen Mitte
St. Jürgen Straße 1
28205 Bremen

Internet: www.gesundheitnord.de

Für diejenigen, die nicht unter Unverträglichkeiten leiden, ist die Entscheidung was sie essen, häufig auch Teil einer Lebenseinstellung - bei der aber nicht die positiven Aspekte der verschiedenen Nahrungsmittel  vergessen werden sollten, sagt Johann Ockenga: "Zum Beispiel der Genuss von Milchprodukten - da hängt die Kalzium-Zufuhr häufig und auch die Vitamin D-Zufuhr mit zusammen - also Stoffe, die für die Gesundheit der Knochen eine große Rolle spielen! Und Fructose, wie der Name schon sagt, kommt in Früchten vor, und natürlich möchten wir, dass die Menschen mehr Obst essen."

Fest steht allerdings, am Ende bleibt es eine eigene Entscheidung, die jeder für sich selbst treffen muss: "Prinzipiell sind das alles keine zwingend notwendigen Bestandteile! Also, wir müssen sie nicht unbedingt aufnehmen, um zu leben oder zu überleben."

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