Stand: 22.04.2017 00:01 Uhr

Debatte: Was macht einen guten Lehrer aus?

von Walli Müller

Da zerbrechen sich Generationen von Bildungspolitikern den Kopf darüber, welches Schulmodell nun das Beste ist, welche Klassengröße und welche Unterrichts-Methoden. Und dann kommt 2008 der neuseeländische Bildungsforscher John Hattie daher und sagt: Eigentlich kommt es in der Schule nur auf eines an - die Lehrerinnen und Lehrer. Sie haben am meisten Einfluss darauf, ob Kinder und Jugendliche gut lernen - alles andere ist zweitrangig. Die so genannte "Hattie-Studie" hat dementsprechend für Aufsehen gesorgt. Was aber macht einen guten Lehrer oder eine gute Lehrerin aus?

Bild vergrößern
Robin Williams als Englischlehrer John Keating, der in "Der Club der toten Dichter" seine Schüler Nonkonformismus lehrt und damit schwere Konflikte in dem konservativen Internat hervorruft.

Bei einem Lehrer, der seine Schüler für den Stoff begeistern kann, der ihnen Freund und Vorbild ist wie Robin Williams im "Club der toten Dichter", würde wohl jedes Kind gern zur Schule gehen! "Man geht ja lieber zur Schule, und der Unterricht macht auch mehr Spaß, wenn der Lehrer nett ist. Und wenn das so ein Lehrer ist, den man gar nicht mag, dann macht der Unterricht auch nicht so viel Spaß", sagt eine Schülerin - ein anderer fügt hinzu: "Ein guter Lehrer sollte seinen Unterricht ein bisschen witzig gestalten, aber doch den Unterrichtsstoff ordentlich vermitteln". Ein weiterer meint, wichtig sei auch, dass der Lehrer den Schülern zeige, dass er sich dafür einsetzt, dass die Schüler auch wirklich alle den Stoff verstehen.

Ein guter Lehrer hinterfragt sich ständig selbst

"Schülerleistungen sind eine Rückmeldung für mich über mich", so lautet eine der zentralen Botschaften von Bildungsforscher John Hattie an Lehrende. Der klassische Lehrer-Typus aber ist einer, der gern recht hat. Schlechte Noten sind für ihn die natürliche Konsequenz von Dummheit oder Faulheit - jedenfalls nicht ihm anzulasten. Ein guter Lehrer aber ist nun laut John Hattie ausgerechnet einer, der sich ständig selbst hinterfragt. Er überprüft, ob die Schüler in der Stunde wirklich das gelernt haben, was er ihnen beibringen wollte, und er bittet sie gar um eine Rückmeldung! Nicht eben die Standard-Vorgehensweise in deutschen Klassenzimmern.

Unterricht als Dialog begreifen

Bild vergrößern
Schulpädagogik-Professor Klaus Zierer findet die Thesen Hatties absolut überzeugend.

Klaus Zierer, Professor für Schulpädagogik - erst in Oldenburg, nun in Augsburg - hat Hatties Thesen ins Deutsche übertragen und findet sie absolut überzeugend. "Der erfolgreiche Lehrer ist eben keiner, der einen Monolog ins Zentrum setzt, sondern Unterricht als was Dialogisches begreift, wo es um ein Miteinander geht, wo es um Fragen geht, um Antworten geht. Und zwar auf beiden Seiten", sagt er. "Letztendlich hilft genau dieser Austausch nicht nur, den Lernenden voranzubringen, sondern auch mich in meiner Professionalisierung voranzubringen. Und insofern ist Feedback sicherlich ein Schlüssel für erfolgreiche Lehrpersonen."

Mit den Lernenden sprechen

Die Schüler sollten natürlich jederzeit fragen dürfen und keine Angst davor haben, etwas Falsches zu sagen - ein "fehlerfreundliches Klima" nennen Hattie und Zierer das. Zu Beginn der Stunde sagt ein guter Lehrer den Schülern klar, was er ihnen vermitteln will - und wenn das dann mal nicht so funktioniert, muss eben Plan B in Kraft treten: Dasselbe nochmal anders. "Mit den Lernenden im Gespräch feststellen, wo habe ich vielleicht was falsch erklärt? Wo hätte ich anders agieren müssen, damit Ihr Lernenden das vielleicht besser versteht?", erklärt Zierer.

Offen um Kritik bitten

Bild vergrößern
Robert Wisz (ganz links) ist Englischlehrer an einer Berufsschule in Bremen und wurde 2016 mit dem Deutschen Lehrerpreis ausgezeichnet.

Die richtige Haltung bringt Robert Wisz mit. Der gebürtige Amerikaner ist Englischlehrer an einer Bremer Berufsschule und wurde 2016 mit dem Deutschen Lehrerpreis ausgezeichnet. Seine Schüler hatten ihn für den Preis vorgeschlagen - und man versteht sofort, warum. "Ich hatte schreckliche, ganz viele schreckliche Lehrer und Lehrerinnen. Sie hatten überhaupt kein Interesse an meiner Zukunft, an wer ich war als ein Person. Und ich mach das ganz anders!“, sagt Wisz. Er versucht, die Schüler und Schülerinnen als Persönlichkeit ernst zu nehmen. Er korrigiert stapelweise Hausaufgaben, damit sie sich verbessern können. Viel Arbeit, die sich andere Lehrer gerne sparen. Und - ja - Robert Wisz gehört zu den seltenen Exemplaren, die offen um Kritik bitten! "Ich kriege ständig Feedback von den Schülern. Wir haben einen ganz offenen Dialog. Manchmal ist das unangenehm für mich zu hören, dass ich einen Fehler gemacht oder überreagiert habe - aber was sehr gut ist: Die Kommunikation ist immer da. Das ist ein sehr interessanter Aspekt von meinem Beruf, finde ich."

Beruf als Berufung empfinden

Richtig gut ist in diesem Beruf sicher nur, wer ihn auch als Berufung empfindet. Aber ein Naturtalent muss man nicht sein, versichert Pädagogik-Professor Klaus Zierer. "Also ich würde nicht sagen, es gibt nur die geborenen Lehrpersonen, und die anderen schaffen's nicht", sagt er. "Es gibt sicherlich welche, die starten von einem anderen Level aus. Aber jeder, der für sich seine Überzeugung gefunden hat, dass das sein Beruf ist, der selbstreflektiert an diese Ausbildung herangeht, kann später sicherlich ein guter Lehrer oder eine gute Lehrerin werden."

Anfängern und alten Hasen möchte man auf jeden Fall gerne John Hattie unters Kopfkissen legen, der da sagt: "Ein guter Lehrer muss seinen eigenen Unterricht durch die Augen der Lernenden sehen." Wenn das die Lehrer machen würden, das wäre schon ziemlich toll!

Weitere Informationen

NDR Debatte: Wer bestimmt, was Kinder lernen?

Die Schule soll Kinder auf das Leben vorbereiten. Aber was braucht es dafür? Und wer entscheidet, was wichtig ist? Das ist die Frage der NDR Debatte im April. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 27.04.2017 | 10:55 Uhr

Mehr Kultur

28:29 min

Ricky und seine verrückten Freunde

31.05.2017 00:00 Uhr
NDR Fernsehen
25:01 min

Kulturjournal vom 29.05.2017

29.05.2017 22:45 Uhr
Kulturjournal
05:54 min

Wie homophob ist der Norden?

29.05.2017 22:45 Uhr
Kulturjournal