Stand: 19.12.2012 12:28 Uhr  | Archiv

Chaostage oder die "Schutt-und-Asche"-Legende

von Birgit Reichardt, NDR.de

"In der Nordstadt herrschte Todesangst"

"Alkohol, Hass und Gewalt - Punker im Randale-Rausch", "In der Nordstadt herrschte Todesangst", "Chaoten wollen die Stadt in Schutt und Asche legen" - so lauteten Schlagzeilen in den 90er-Jahren. Die Polizei hatte 1994, als die Treffen wieder auflebten, mit lediglich 200 Punks gerechnet. Tatsächlich standen 350 Polizeibeamte schließlich 1.000 sogenannten Störern gegenüber, die Situation drohte außer Kontrolle zu geraten. Ein Höhepunkt war die Schlacht am Sprengel in der Nordstadt mit Hunderten Festnahmen. Chaostage-Mitinitiator Nagel ist sicher, dass die in den Medien gezeigten Bilder noch mehr Punks an diesem August-Wochenende nach Hannover lockten. "Jeder Punk in Hintertupfing wusste Bescheid", so Nagel. Und er geht noch weiter: "Im nächsten Jahr wollte jeder dabei sein."

400 Verletzte

Die Aussicht erneut einer schwachen Polizei gegenüberzustehen und wieder Chaos zu verbreiten, trieb mehr als 2.000 Punks aus dem Bundesgebiet und darüber hinaus nach Hannover. Die Einsatzkräfte setzten auf eine Deeskalations-Strategie, doch das Gegenteil passierte. Vor allem in der Nordstadt kam es erneut zu Straßenschlachten. Punks errichteten Barrikaden, zündeten Feuer, auch die Plünderung eines Supermarkts sorgte für Aufsehen. Die Polizei setzte Wasserwerfer ein, mehr als 1.000 Punks wurden vorübergehend festgenommen, mehr als 400 Menschen verletzt. Gesamteinsatzleiter Uwe Wiedemann erklärte gegenüber dem Untersuchungsausschuss später, dass nach Auskunft vieler Teilnehmer im Verlauf des Einsatzes die höchste denkbare Eskalationsstufe unterhalb des Schusswaffengebrauchs erreicht worden sei.

Versammlungsverbot 1996

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1995 wollten die Chaostage-Initiatoren mit ihren Plakaten provozieren.

Noch im August 1995 löste Klosa Herbert Sander als Polizeipräsident ab. Er verfolgte eine andere Strategie, denn die Ausführung des Einsatzkonzeptes war aus seiner Sicht gescheitert. Selbst als die Gewaltbereitschaft offensichtlich gewesen sei, habe es Versuche der Polizeiführung gegeben, sich zurückzuziehen, um zu deeskalieren. Dies sei von der Gegenseite als Schwäche gewertet und für neue Gewalttätigkeiten genutzt worden. Für die Chaostage 1996 verfügte Klosa ein Versammlungsbot. Mit einem polizeilichen Großaufgebot - 10.000 Polizisten sollen im Einsatz gewesen sein - wurde das Verbot umgesetzt. Anreisende Punks erhielten zunächst Platzverweise und traten laut Klosa sofort die Rückreise an. Für Klosa ein Beweis, dass sein Konzept funktionierte. Chaostage 1996 fanden nicht statt.

Die "Schutt-und-Asche"-Legende

Aus Sicht von Mitinitiator Nagel waren die Gewaltexzesse Mitte der 90er-Jahre das Ergebnis verschiedener Prozesse. Vor allem die Medien hätten "mitgezündelt", sagte er. Der Schlachtruf "Hannover in Schutt und Asche legen", der zahlreichen Schlagzeilen diente, stammte von keinem Flugblatt. Wie das Magazin "Spiegel" damals recherchierte, hatte eine Rentnerin den "Schutt-und-Asche"-Plan in einem Gespräch zwischen zwei Punks aufgeschnappt. "Nach 1994 war deshalb für uns klar, die Medien sind ein Arsch, die Polizei ist ein Arsch und ab 1995 wird zurückgelogen", so Nagel. So hatten die Punks die Schlagzeilen vor den Chaostagen 1995 selbst befeuert - mit erfundenen Parolen. Dabei sei Gewalt nie das zentrale Ziel der Chaostage gewesen. "Es der Polizei schwer zu machen, war einfach Klasse." Er distanziere sich von nichts, sagt der 52-Jährige heute. "Denn ich weiß, wie es dazu gekommen ist."

Unzählige Punks rund um die Parcarelle in Hannover 1983. © NDR

"Die scheinen, verrückt zu sein"

Hallo Niedersachsen -

Chaostage in Hannover 1983: Neben verschiedenen Aufnahmen der Ausschreitungen schildern Passanten und Punks ihre Eindrücke.

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