Stand: 07.10.2014 11:01 Uhr  | Archiv

Die verborgene Stadt

von Behrang Samsami

"Wer sich abends dem Lager nähert, das auf drei Seiten vom mecklenburgischen Walde umgeben ist, wird von der Lichtflut der Bogenlampen, die weithin über die breiten Lagerstraßen leuchten, tatsächlich den Eindruck erhalten, als sei hier eine große Stadt aus dem Boden gestampft." Es muss für den Journalisten Albert Wacker ein eigenartiger Anblick sein, als er im Februar 1915 für einen geplanten Bericht ein westlich von Parchim gelegenes Kriegsgefangenenlager besucht. Das Lager wurde im Oktober 1914 auf dem ehemaligen Kavallerie-Exerzierplatz am westlichen Stadtrand errichtet. Zu Beginn sind dort knapp 400 Gefangene in Zelten untergebracht. Als Wacker im Lager ist, leben laut seinem im März 1915 im "Hamburger Fremdenblatt" erschienenen Bericht bereits 8.000 alliierte Soldaten dort - Franzosen, Belgier, Russen sowie belgische Zivilgefangene.

Im Kriegsgefangenenlager bei Parchim

Aus dem Boden gestampft

Ihre Zahl steigt rasch an, da die Deutschen in den ersten Monaten des Krieges bis zur Marne vorrücken und dabei zahlreiche feindliche Truppen gefangen nehmen und Zivilisten internieren. Die alliierten Gefangenen - unter ihnen auch Kolonialtruppen - werden ins Hinterland gebracht und auf verschiedene deutsche Lager verteilt. Das Lager bei Parchim ist mit seiner Kapazität für bis zu 25.000 Gefangene eines der größten deutschen Lager im Ersten Weltkrieg. Zu Höchstzeiten leben hier bis 15.000 alliierte Soldaten in rund 250 Holzbaracken, während die Stadt Parchim nur 9.000 Einwohner hat.

Technisch ist das Lager auf der Höhe der Zeit: Es verfügt über elektrisches Licht, Parchim dagegen wird erst ab 1922 angeschlossen. Im Lager gibt es Küchen, in denen jede Nationalität ihre Speisen selbst zubereiten kann. Den Gefangenen stehen Werkstätten zur Verfügung, in denen sie Handwerksarbeiten verrichten und damit etwas verdienen können. Sie bekommen Räume, die sie als Kirche und Synagoge nutzen. Die gefangenen Soldaten treiben Sport und führen Theaterstücke auf. Sie gründen eine Musikkapelle und einen Chor. Von Letzterem entstehen Tonaufnahmen, die sich heute im Lautarchiv der Humboldt-Universität Berlin befinden.

Zwangsarbeit und Lagerkoller

Doch die Gefangenen müssen auch Zwangsarbeit beim Holzeinschlag, in der Landwirtschaft und in nahen Betrieben leisten. Ein Teil ist auch auf Arbeitslager in Schleswig-Holstein und dem heutigen Dänemark verteilt, wo sie Torf stechen und andere schwere Arbeit verrichten müssen. Das hat der Parchimer Lokalhistoriker und Buchautor Gerhard Schmidt ("Die große Stadt neben der kleinen Stadt") anhand von Gefangenen-Postkarten herausgefunden.

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Das Ehrendenkmal auf dem Gefangenenfriedhof ist heute eines der letzten Relikte des Kriegsgefangenenlagers.

Viele Gefangene leiden an Heimweh, Depressionen und Krankheiten oder an ihren im Kampf erlittenen Verletzungen. Insgesamt 1.400 Soldaten sterben und werden auf dem Ende 1914 gegenüber vom Lager eingerichteten Friedhof beerdigt. Einige Gefangene bilden ein Komitee und sammeln Spenden für ein Ehrendenkmal für die Verstorbenen, das sie selbst entwerfen. Im Juni 1916 wird es in Anwesenheit russischer, serbischer, französischer und belgischer Gefangener und deutscher Offiziere eingeweiht. 735 russisch-zaristische Soldaten liegen heute noch dort. Die Westalliierten haben ihre Toten in den 1920er-Jahren exhumiert und in die Heimat überführt.

Der rote Bürgerschreck

Knapp zwei Jahre nach Ende des Ersten Weltkriegs verlassen im September 1920 die letzten Kriegsgefangenen das Lager bei Parchim. Anschließend werden hier rund 10.000 Rotarmisten - teilweise mit ihren Familien - interniert. Im Polnisch-Sowjetischen Krieg nach Ostpreußen abgedrängt, waren sie vorher von den Deutschen entwaffnet und ins Reich gebracht worden. Die Anwesenheit der Bolschewiki sorgt bei der bourgeoisen Bevölkerung von Parchim für Proteste. Kurze Zeit nach der Novemberrevolution 1918 fürchtet sie, dass sich die örtlichen Kommunisten mit den Internierten zusammentun und so die bürgerliche Ordnung gefährden könnten.

Da sich die Verhältnisse im Lager - im Vergleich zu den Kriegsjahren - deutlich verschlechtert haben, leiden die Rotarmisten und ihre Angehörigen an Kälte und Hunger. Es brechen Krankheiten wie Typhus und Fleckfieber aus. Insgesamt sterben in dieser Zeit rund 1.200 Menschen. Nach Abkommen mit Sowjetrussland können die Überlebenden aber bis Juli 1921 in ihre Heimat zurückkehren. Im Herbst 1921 kauft der Freistaat Mecklenburg-Schwerin die vorhandenen Holzbaracken, um sie als Material für Siedlungsbauten zu verwenden.

Einst Lager, heute Flughafen

Heute erinnert außer einigen wenigen Exponaten im Museum der Stadt nur noch das Ehrendenkmal auf dem Gefangenenfriedhof an diese kaum bekannte Episode der mecklenburgischen Geschichte. Auf dem Gelände des ehemaligen Kriegsgefangenen- und Interniertenlagers befindet sich inzwischen ein riesiges, nur wenig genutztes Areal - der Flughafen Schwerin-Parchim. Dort versucht der chinesische Investor Jonathan Pang seit Jahren, ein internationales Luftdrehkreuz zu errichten.

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Dieses Thema im Programm:

Nordmagazin | 08.10.2014 | 19:30 Uhr