Stand: 26.08.2015 20:36 Uhr  | Archiv

Vom völkischen Gewerkschaftshaus zur Filmkulisse

von Dirk Hempel, NDR.de
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Das Hochhaus gegenüber der Hamburger Musikhalle ist einer der ersten Stahlskelettbauten Deutschlands.

Im Sommer 1930 herrscht Hochbetrieb auf Hamburgs größter Baustelle. Betrachter glauben sich nach Chicago versetzt oder nach New York. Gegenüber der Musikhalle wächst Europas höchstes Stahlskelett-Gebäude in die Höhe, mit acht Aufzügen, einer eigenen Rohrpostanlage, Fernschreiber und Telefonzentrale. Auf Hunderten von Quadratmetern entstehen lichtdurchflutete Großraumbüros für rund 1.000 Angestellte und prachtvolle Gesellschaftsräume im Stil des Art déco. Der zwölfgeschossige Bau wird mehr als 50 Meter hoch, seine Front am Holstenwall, die ein bereits bestehendes Verwaltungsgebäude integriert, misst 230 Meter. Hier wird eines der modernsten Bürogebäude der Zeit errichtet.

Auftraggeber ist der reaktionäre DHV

Doch Bauträger des Hochhauses ist eine politisch rückwärtsgewandte Gruppe: der Deutschnationale Handlungsgehilfen-Verband (DHV), eine völkisch-antisemitische Angestelltengewerkschaft mit mehr als 300.000 Mitgliedern, die weder Juden noch Frauen aufnimmt. Zum DHV gehören auch eine eigene Kaufmannsschule, Sparkasse, Krankenkasse, Versicherung, Wohnungsbaugesellschaft und Arbeitsvermittlung. Die Gewerkschaft ist eine jener antidemokratischen Massenorganisationen, die sich nicht nur um die Belange ihrer Mitglieder kümmern, sondern gleichzeitig die Weimarer Republik politisch und kulturell bekämpfen. Dabei bedient sich der DHV modernster Mittel, zu denen auch Lobbyarbeit und Medieneinsatz gehören.

Das Brahms Kontor - Imposantes Gebäude mit Geschichte

"Nur Bücher rein deutscher Verfasser"

So bringt der DHV nach Fertigstellung seiner Deutschlandzentrale im März 1931 am Holstenwall auch seine Kultur- und Presseabteilung unter. Sie besteht aus Verlagen, in dem namhafte Autoren des rechten Spektrums wie Ernst Jünger und Hans Friedrich Blunck publizieren. Außerdem gehören Zeitschriften sowie die "Deutschnationale Buchhandlung" dazu. Eine Buchgemeinschaft vertreibt, wie eine Anzeige markig verkündet, "nur Bücher rein deutscher Verfasser, die auf dem Boden gesunden, kräftigen Deutschtums stehen". Sie tragen Titel wie "Nordische Blutrache" oder "Die Nordgermanen". Schulungen verbreiten die reaktionäre Ideologie des DHV.

Trutzburg oder "undeutsche" Architektur?

Der Backsteinkoloss am Holstenwall mit seinen strengen Fassaden und Plastiken bekannter Hamburger Künstler ist "ein Symbol der Macht und der Größe des DHV", wie die Presse damals feststellt, eine "Zitadelle der konservativen Revolution". Auch wenn den Mitgliedern die Anleihen bei künstlerischer und technischer Moderne nicht verborgen bleiben, das Stahlskelett etwa als "undeutsch" geschmäht wird, so stellt die Leitung der rechtsgerichteten Arbeitnehmerorganisation ihre Zentrale als "Denkstein und Wahrzeichen der Gedankenwelt" des DHV hin, als "Trutzburg", in der man auch an einen zukünftigen Retter Deutschlands glaube. Architekturfachleute hingegen loben die moderne Verbindung des "gotischen Formgeistes" mit neuer Sachlichkeit, sehen Parallelen zur Hamburger Kontorhausarchitektur der frühen 1920er-Jahre.

In der Zeit des Nationalsozialismus wird der DHV entgegen den Erwartungen seiner Anführer dennoch aufgelöst, das Hochhaus der NS-Organisation Deutsche Arbeitsfront überlassen. Von den alliierten Bombenangriffen während des Zweiten Weltkriegs bleibt es weitgehend verschont. Deshalb nutzt die britische Besatzungsmacht das Gebäude nach der Kapitulation, bevor das neue Hamburger Polizeipräsidium einzieht.

Klettermaxe und Helmut Schmidt machen hier Schlagzeilen

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Ein Raum mit historischer Bedeutung. Während der großen Sturmflut 1962 arbeitete hier der Krisenstab der Polizeibehörde unter Leitung von Helmut Schmidt.

Das Hochhaus gerät 1953 wieder in die Schlagzeilen, als sich "Klettermaxe", ein bekannter Filmartist, im neunten Stock an eine große Hamburg-Flagge hängt. Die Menschenmenge läuft erschrocken auseinander, als die Fahne einreißt. Doch der Stuntman rettet sich mit einem Schwung ins offene Fenster. Während der verheerenden Sturmflut im Februar 1962 leitet der damalige Innensenator Helmut Schmidt von hier aus die bis dahin größte Hilfs- und Rettungsaktion der Bundesrepublik, hält Lagebesprechungen im sogenannten Senatorenzimmer ab, ordert Militärhubschrauber, dirigiert Feuerwehr und Polizei.

Vom DAG-Haus zum Brahms Kontor

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Prachtvoll und einladend präsentiert sich das Treppenhaus des Kontorhauses.

Seit 1956 gehört die ehemalige DHV-Zentrale der Deutschen Angestellten Gewerkschaft (DAG). Heute vermarktet ihre Nachfolgeorganisation ver.di das Gebäude unter dem Namen "Brahms Kontor" als Bürohaus. Bekannt ist der mächtige Backsteinbau vielen Hamburgern aber bis heute als ehemaliges DAG-Haus. Tatsächlich verbindet den Bau - außer seiner Lage am Johannes-Brahms-Platz - nichts mit dem berühmten Komponisten. Ein Fall von Geschichtsverdrängung? Kunsthistoriker Jörg Schilling, der die Geschichte des Gebäudes erforscht hat, findet die Namensgebung zumindest unglücklich: "Ich würde mir einen offeneren Umgang mit der Geschichte des Gebäudes wünschen, die leider hinter einem "History-Marketing"-Namen versteckt wird."

Als Beispiel für herausragende Architektur der Weimarer Republik steht das Gebäude seit 2003 unter Denkmalschutz. Zwischen 2005 und 2012 wurde es aufwendig saniert, teilweise entkernt und im Inneren neu aufgebaut, strahlt mit seinen Art déco-Leuchten und prachtvollen farbigen Kacheln in neuem Glanz.

Immer wieder dient es als Filmkulisse. Im Herbst 2014 waren 780 Sekunden lang die Arkaden, das prächtige Foyer und die Konferenzetage in dem Hollywood-Thriller "A Most Wanted Man" zu sehen, der zum Teil in Hamburg entstand. Zuletzt wurde über Pläne für einen Umzug des US-Konsulats von der Alster an den Johannes-Brahms-Platz berichtet, die sich inzwischen zerschlagen haben.

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