Stand: 09.12.2013 11:28 Uhr  | Archiv

Prägende Jahre: Willy Brandt im Exil

von Dirk Hempel, NDR.de
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Mit nur 19 Jahren geht Brandt ins Exil nach Norwegen. Die Landessprache erlernt er schnell.

Lübeck, Anfang der 1930er-Jahre: Der Gymnasiast Herbert Frahm wird Mitglied der SPD, wie schon sein Großvater, der als Lastautofahrer im Lübecker Dräger-Werk arbeitet. Aber bald schon wechselt er zur Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP), einer linken Splittergruppe, und leitet deren Jugendverband in der Hansestadt.

Deckname "Willy Brandt"

Nach der Machtübernahme am 30. Januar 1933 beginnen die Nationalsozialisten, ihre Gegner brutal zu verfolgen. Gestapo und SA inhaftieren vor allem Kommunisten und Sozialisten. Viele werden gefoltert und ermordet. Tausende Politiker, Intellektuelle und Künstler verlassen das Land. Herbert Frahm geht in den Untergrund. In Lübeck verteilt er Flugblätter für die SAP, ruft zum Kampf gegen die Gewaltherrschaft auf. Um sich zu schützen, nimmt er jetzt den Decknamen "Willy Brandt" an.

Flucht über die Ostsee

Im März erhält er von der Parteileitung den Auftrag, einen führenden Genossen über die Ostsee zu bringen, der in Oslo Geldquellen für die Widerstandsarbeit erschließen soll. Als dieser auf Fehmarn festgenommen wird, soll Brandt für ihn einspringen. Außerdem ist er selbst in Gefahr: "Ich war vor meiner unmittelbar bevorstehenden Verhaftung gewarnt worden und musste auf Grund lokaler Gegebenheiten mit dem Schlimmsten rechnen", erinnert er sich später.

Anfang April geht Brandt abends in Travemünde an Bord eines Fischkutters. In seiner Aktentasche befinden sich Unterwäsche, Rasierzeug, Hemden und der erste Band des "Kapitals" von Karl Marx. Außerdem hat ihm sein Großvater noch 100 Mark zugesteckt. Der sozialdemokratische Fischer verbirgt ihn unter Tauwerk und leeren Kisten, sodass der Zollbeamte ihn bei seiner nächtlichen Kontrolle nicht entdeckt. Die Überfahrt wird stürmisch. Wellen, Regen und Kälte setzen dem 19-jährigen Brandt zu. Gegen halb sechs Uhr morgens geht er in Rödbyhavn an Land, stärkt sich mit Kaffee und Aquavit.

Parteiarbeit in Oslo

Über Kopenhagen reist er nach Oslo, wo er bald einen Parteistützpunkt aufbaut, der die Genossen in Deutschland mit Informationen und Material versorgt. Er sammelt Geld, hält Vorträge, verfasst Bücher und Zeitungsartikel, die die Norweger über den wahren Charakter der NS-Diktatur aufklären sollen. Er lernt die Landessprache rasch und unterhält gute Beziehungen zur norwegischen Arbeiterpartei DNA (Det norske Arbeiderparti), die sich bereits in den 20er-Jahren vom Kommunismus distanziert und den Weg des demokratischen Sozialismus eingeschlagen hat.

Brandt erkämpft den Friedensnobelpreis für Carl von Ossietzky

Brandt wird rasch zum Netzwerker. Er organisiert eine Kampagne für den pazifistischen Schriftsteller Carl von Ossietzky, den die Nazis ins KZ gesperrt haben. Mit Thomas Mann, Albert Einstein und Virginia Woolf gewinnt er international renommierte Unterstützer für den Plan, der Ende 1936 zum Erfolg führt, auch wenn die NS-Behörden Ossietzky nicht zur Preisverleihung nach Oslo reisen lassen.

Mit gefälschtem Pass zurück nach Berlin

Von der Gestapo bespitzelt und von der norwegischen Fremdenpolizei beargwöhnt, reist Brandt häufig nach Paris zur Auslandszentrale der SAP, zu Konferenzen in die Niederlande, nach Großbritannien und Schweden. Im Herbst 1936, wenige Monate nach den Olympischen Spielen, verbringt er einige Zeit in Berlin, um dort die Untergrundgruppe seiner Partei neu zu organisieren. Mit gefälschtem Pass, getarnt als norwegischer Student, erhält er in der Reichshauptstadt einen Eindruck vom Leben der Menschen unter Hitler. Er mietet ein Zimmer am Kurfürstendamm. Vormittags studiert er in der Staatsbibliothek NS-Propagandaschriften, danach trifft er Oppositionelle. Deutsch spricht er nur mit Akzent.

Im spanischen Bürgerkrieg

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1937 reist Brandt nach Barcelona, um Verbindung zu den Republikanern im spanischen Bürgerkrieg aufzunehmen.

Im Frühjahr des folgenden Jahres schickt ihn die SAP-Leitung als Verbindungsmann zu den spanischen Republikanern nach Barcelona. Er erlebt die Kämpfe des Bürgerkriegs gegen die Faschisten aus nächster Nähe, beobachtet deren Grausamkeiten. "Ich fand bestätigt, dass der Krieg die Bestie im Menschen herauslockt", schreibt er später über diese Zeit. Überrascht beobachtet er auch die Auseinandersetzungen zwischen Sozialisten und Kommunisten, die problematischen Folgen der sowjetischen Einmischung.

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