Stand: 14.12.2013 16:38 Uhr  | Archiv

Willy Brandt - Hoffnungsträger der 68er?

von Dirk Hempel, NDR.de

Am 27. April 1972, dem Tag des konstruktiven Misstrauensvotums gegen Willy Brandt, sitzen Millionen vor dem Fernseher - auch ehemals linksradikale Studenten. Gebannt verfolgen sie die Live-Übertragung aus dem Bundestag. Als klar wird, dass die Abgeordneten den CDU-Kandidaten Rainer Barzel nicht zum neuen Regierungschef gewählt haben, jubeln die Rebellen, liegen sich in den Armen: Brandt hat gewonnen. Auch bei der kritischen jungen Generation.

Den 68ern ist die SPD fremd

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"Mehr Demokratie wagen": Bei Amtsantritt macht Brandt 1969 Hoffnung auf ein offeneres Deutschland.

Die war der SPD zuvor eigentlich seit Jahren entfremdet, hatte sich die Partei 1965 doch vom marxistisch orientierten Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) getrennt. Der erste SPD-Kanzler der Bundesrepublik hat zwar in seiner Regierungserklärung 1969 gesellschaftliche Reformen angekündigt und versprochen: "Wir wollen mehr Demokratie wagen." Die aber wollen linke Studentengruppen gerade abschaffen. Unzufrieden mit den alten politischen Autoritäten und den gesellschaftlichen Verhältnissen in der Bundesrepublik begehren sie auf.

"Frag, was du für dein Land tun kannst!“

Ihre Idole heißen Mao Tse-tung, Ho Tschi Minh und Che Guevara, ihr Ziel: die Revolution. Schon zu Zeiten der Großen Koalition hat Brandt sie heftig kritisiert, als Träumer und Radikale. Demonstranten ruft er zu: "Pöbel bleibt Pöbel, auch wenn junge Gesichter darunter sind. Intoleranz und Terror, ob sie von links kommen oder von rechts, dürfen die Freiheit nicht benutzen, um sie zu zerstören."

In seiner Regierungserklärung von 1969 erinnert er die Angehörigen der jungen Generation in Anlehnung an das berühmte Wort Kennedys ("Frag nicht, was dein Land für dich tun kann, frag, was du für dein Land tun kannst!") daran, "dass auch sie gegenüber Staat und Gesellschaft Verpflichtungen haben".

Aber die SPD ist inzwischen für die rebellische Jugend eine Partei, die für die Verabschiedung der heftig umstrittenen Notstandsgesetze im Bundestag mitverantwortlich ist. Brandt gilt ihnen als ein Vertreter der bekämpften "Herrschenden". Vor allem in den Universitätsstädten hat sich eine außerparlamentarische Opposition gebildet, die Massenproteste organisiert, Sitzblockaden und Straßensperren.

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1968 gehen in Deutschland Zehntausende Studenten auf die Straße. Sie protestieren unter anderem gegen die Notstandsgesetze.

Für den Umsturz der politischen Verhältnisse, den radikale Teile der Studentenbewegung fordern, hat Brandt allerdings kein Verständnis. Als junger Mann hat er sich im norwegischen Exil selbst vom dogmatischen Sozialisten zum pragmatischen Sozialdemokraten gewandelt, beeindruckt durch das Demokratieverständnis der volksnahen skandinavischen Arbeiterparteien.