Stand: 09.03.2012 14:14 Uhr

Marion Gräfin Dönhoff - Mut und Engagement

von Stefanie Grossmann, NDR.de
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Marion Gräfin Dönhoff 1972. Von 1968 bis 1972 war sie Chefredakteurin der "Zeit".

Das Leben von Marion Gräfin Dönhoff war geprägt von Verlust, Widerstand und Ausbruch. Sie verlor ihre Heimat in Ostpreußen, geliebte Familienmitglieder und Freunde. Sie engagierte sich aktiv im Widerstand gegen den Nationalsozialismus und sie brach aus Bestehendem aus, indem sie in typisch männliche Domänen eindrang. Gleichzeitig blieb sie tief verwurzelt in ihrer Schicht, ihrer Herkunft und ihrem Geschlecht. Diese Ambivalenz begann bereits in der Kindheit und zog sich durch das gesamte Leben der einst einflussreichsten Journalistin Deutschlands.

Wenig Nähe zu den Eltern

Marion Gräfin Dönhoff kommt am 2. Dezember 1909 als letztes von sieben Kindern auf dem Familiensitz Schloss Friedrichstein in der Nähe von Königsberg auf die Welt. Obwohl sie die Jüngste ist, wächst sie nicht als Nesthäkchen auf. Im Gegenteil: Das Verhältnis zu ihren Eltern ist distanziert. Zu ihrer Mutter, Ria Gräfin Dönhoff, hat sie ein eher kühles Verhältnis. Das mag auch daran liegen, dass diese beherrscht ist vom "comme-il-faut", einem standesgemäß feudalen Verhalten. Ihr Vater, der Diplomat und Politiker August Graf Dönhoff, stirbt als Marion Dönhoff neun Jahre alt ist. Ihre ersten Eindrücke vom Familienoberhaupt revidiert sie erst sehr viel später. Anfangs versucht sie ihm meist aus dem Weg zu gehen, weil er wegen seiner schlechten Augen immer ein Kind zum Vorlesen sucht. Da die größeren Geschwister sich meist geschickt entziehen, muss die kleine Marion dem Vater aus Tagezeitungen wie der "Times", dem "Figaro" und dem "Frankfurter" vorlesen.

Vom einsamen Kind zum selbstbewussten Mädchen

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Die Aufnahme aus dem Jahr 1927 zeigt den Familiensitz der Dönhoffs - Schloss Friedrichstein.

Marion Gräfin Dönhoff wächst eng mit ihrer behinderten Schwester Maria auf. Von den großen Geschwistern wird sie oft gerügt, insgesamt erfährt sie nur wenig Anerkennung innerhalb der Familie. Sie fühlt sich als Außenseiterin. Obwohl Marion schon als Kind sehr preußisch und diszipliniert ist und Verstand von Gefühl trennt, hat sie auch eine zweite Seite: Sie ist wild und unbändig. "Und um zu überleben, mausert sich das vergessene Mädchen zum eigenwilligen Wildfang", so formuliert es die Autorin Alice Schwarzer in ihrer Biografie "Marion Dönhoff. Ein widerständiges Leben." Obwohl sie eine Komtess ist, verbringt sie ihre Zeit viel lieber in Pferdeställen und der freien Natur, klettert auf Bäume und lernt vom Kutscher das Pfeifen durch die Finger.

Aus dieser von langer, stummer Einsamkeit geprägten frühen Kindheit wird sie eines Tages abrupt befreit. Ihre Retter sind Cousin Heini von Lehndorff und seine Schwester Sissi, die auf einem benachbarten Gut leben. Die drei Kinder bekommen geregelten Unterricht und verbringen ansonsten die meiste Zeit in der masurischen Natur. Marion fühlt sich befreit und gewinnt an Selbstbewusstsein. Auch ihre Situation in der Familie bessert sich: Ihre älteren Schwestern Christa und Yvonne haben geheiratet, Maria kommt in die kirchliche Anstalt Bethel, der älteste Bruder Heinrich zieht in den Krieg. Mit den anderen beiden Brüdern Christoph und Dieter verbindet sie von nun an eine innige Freundschaft: "In diesen glücklichen Jahren mit Brüdern und Schwestern, Cousin und Cousine formt sich ihr Bild von der Liebe", schreibt Schwarzer in ihrer Biografie. Diesem Traum von der Geschwisterliebe habe sie ein Leben lang nachgehangen.

Über die Haushaltsschule zur Doktorarbeit

Die Spannungen und Gegensätze in Marion Gräfin Dönhoffs ersten Jahren bestimmen auch ihren weiteren Lebensweg. Obwohl ihre Mutter dagegen ist, macht sie Abitur. Sie schafft es sogar bis auf ein Jungengymnasium in Potsdam, wo sie die einzige Schülerin unter 18 Jungen ist. 1928 legt sie ein brillantes Abitur ab. Am liebsten möchte Marion Gräfin Dönhoff gleich studieren, doch die Mutter verlangt vor dem Studium ein Jahr Haushaltsschule in der Schweiz. Sie hält das eine Jahr durch, reist anschließend mit einer Freundin in die USA und danach zu Bruder Christoph nach Südafrika.

Dann beginnt sie in Frankfurt Volkswirtschaft zu studieren. Wegen Hilters Machtergreifung und den Ausschluss jüdischer und kommunistischer Professoren und Kommilitonen wechselt sie an die Universität Basel. Dort promoviert sie über das Zustandekommen des gräflichen Besitzes Schloss Friedrichstein, dem kulturgeschichtlich bedeutendsten Schloss Ostpreußens. Mithilfe dieser Arbeit kann sie geistig von ihrer Heimat Besitz ergreifen, bevor diese verloren geht. Auch ihren Vater sieht sie in einem neuen Licht. In ihrer Erinnerung behält sie einen klugen Politiker und weit gereisten, interessierten Menschen, der eher unkonventionell war. 1935 beendet Marion Gräfin Dönhoff ihre Promotion.