Stand: 29.09.2015 12:43 Uhr

Gerd Bucerius: Der Herr über die "Zeit"

von Irene Altenmüller, NDR.de
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Gerd Bucerius im Jahr 1985. Damals gab er die publizistische Leitung der "Zeit" ab.

"Tun zu müssen, was andere sagen, ist mir mein Leben lang unerträglich gewesen", bekannte Gerd Bucerius einst, erinnert sich Altkanzler Helmut Schmidt. Und so ging der Gründer der Wochenzeitung "Die Zeit" immer seinen eigenen Weg - als Verleger ebenso wie als Jurist und Politiker. Bucerius galt als querköpfig und streitbar, zugleich aber als tolerant und unabhängig: Ein "rechter Liberaler", wie ihn sein Biograf Ralf Dahrendorf charakterisierte.

Als prägende Nachkriegspersönlichkeit und als großzügiger Mäzen wirkt Gerd Bucerius bis heute nach. Die von ihm gegründete "Zeit"-Stiftung spielt eine wichtige Rolle in zahlreichen Projekten aus den Bereichen Wissenschaft, Kultur und Bildung im In- und Ausland.

NS-Regimegegner aus Überzeugung

Geboren wird Gerd Bucerius am 19. Mai 1906 im westfälischen Hamm. Er besucht Schulen in Essen, Hannover und Hamburg, studiert anschließend von 1925 bis 1932 in Berlin, Hamburg und Freiburg Jura. Danach arbeitet er zunächst als Hilfsrichter in Kiel und Flensburg, später zieht er zurück nach Hamburg und arbeitet ab 1933 als Rechtsanwalt in der Kanzlei seines Vaters. Er verteidigt zahlreiche Juden und andere Verfolgte des NS-Regimes. "Besinnungslos mutig" nennt seine spätere Weggefährtin Marion Gräfin Dönhoff sein Verhalten während der NS-Zeit. Bucerius ist mit der Jüdin Gretel (Detta) Goldschmidt verheiratet, die 1938 nach England emigriert. Ab 1943 arbeitet er als stellvertretender Geschäftsführer und Justiziar für die als kriegswichtig eingestuften Diago-Werke, die Baracken und Notunterkünfte bauen. Obwohl Bucerius das Regime zutiefst ablehnt, bleibt er unbehelligt. In den letzten Kriegswochen versteckt er einen Freund, den Halbjuden Erik Blumenfeld, in seinem Haus.

Politische Karriere im Nachkriegsdeutschland

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Von 1949 bis 1962 sitzt Bucerius - hier bei einer Debatte 1957 - im Deutschen Bundestag.

Nach dem Zweiten Weltkrieg geht Bucerius in die Politik: 1945 beruft die britische Besatzungsmacht ihn als Bausenator in den Hamburger Senat, nach der ersten Bundestagswahl am 14. August 1949 zieht der Jurist für die CDU in den Bundestag ein. Fast gleichzeitig beginnt er seine Karriere als Verleger: 1946 gründet er gemeinsam mit Richard Tüngel, Lowis H. Lorenz und Ewald Schmidt die Wochenzeitung "Die Zeit". 1947 heiratet Bucerius nach der Scheidung von seiner ersten Frau Gertrud Ebel, genannt Ebelin.

1951 erwirbt der Verleger eine Mehrheit an der Illustrierten "Stern". Die Gewinne des Magazins gleichen die Millionenverluste aus, die Bucerius mit der "Zeit" einfährt, deren Auflage 1952 nur 44.000 Stück beträgt. Die Wochenzeitung ist seine Leidenschaft, regelmäßig schreibt er selbst für das Blatt. Erst 1973 schreibt die "Zeit" schwarze Zahlen, heute hat sie eine Auflage von gut 500.000 Stück.

Ein unbequemer Abgeordneter

Als Politiker eckt der Querdenker immer wieder in der eigenen Partei an. Bucerius wandelt sich vom einstigen Adenauer-Unterstützer zum scharfen Kritiker des Kanzlers. 1959 wendet er sich gegen die Präsidentschaftskandidatur Adenauers, 1961 spricht er sich als einziges Mitglied seiner Fraktion offen gegen die vierte Kanzlerschaft Adenauers aus. Bucerius ist enttäuscht über Adenauers Ostpolitik und scheinbare politische Indifferenz angesichts des Mauerbaus im August 1961. In der "Zeit" schreibt er: "So (wurde) ein ganzes Volk Zeuge, wie der große und von Millionen aufrichtig verehrte Mann in der schwersten Stunde der Bundesrepublik versagte."

Austritt aus der CDU

Der Unmut in der CDU über das unbequeme Fraktionsmitglied eskaliert, als im Februar 1962 im "Stern" ein Artikel mit dem Titel "Brennt in der Hölle wirklich ein Feuer?" erscheint, der sich gegen die katholische Kirche und die Politik der CDU richtet. Der Bundesvorstand sieht in dem Artikel eine "Verletzung christlicher Empfindungen", die CDU diskutiert offen darüber, ob der "Stern"-Verleger für die Fraktion noch tragbar sei. Für Bucerius, der den Artikel zwar persönlich für wenig gelungen hält, ein "unbegreiflicher Fall von Intoleranz". Er zieht die Konsequenz, legt sein Bundestagsmandat nieder und tritt aus der CDU aus.

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40 Jahre "Zeit": Chefredakteur Theo Sommer, Hilde von Lang, Gerd Bucerius, Marion Gräfin Dönhoff und Helmut Schmidt stoßen 1986 an.

Nach dem Ende seiner politischen Karriere konzentriert sich Bucerius auf seine verlegerische Tätigkeit. 1965 gründet er gemeinsam mit John Jahr und Richard Gruner die Gruner & Jahr GmbH & Co, den damals nach dem Axel Springer Verlag zweitgrößten Pressekonzern in Deutschland. 1973 verkauft er seine Anteile an den Bertelsmann-Konzern, dessen Aufsichtsrat er bis 1991 angehört.

Bucerius' Vermächtnis: die "Zeit"-Stiftung

Bucerius' publizistisches Lieblingskind bleibt jedoch die "Zeit". 1971 ruft der Verleger die "Zeit"-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius ins Leben - ursprünglich, um das Weiterbestehen des Wochenblatts auch nach seinem Tod finanziell abzusichern. Die publizistische Leitung der "Zeit" übernimmt ab 1985 Bucerius' Lebensgefährtin Hilde von Lang gemeinsam mit dem früheren Bundeskanzler Helmut Schmidt, der 1990 Herausgeber wird. 1986 erhält Bucerius die Ehrenbürgerwürde der Stadt Hamburg. Als er am 29. September 1995 stirbt, hinterlässt der kinderlose Verleger seiner Stiftung sein gesamtes Vermögen in Höhe von rund 1,5 Milliarden Mark. Am 19. Mai 2006, anlässlich seines 100. Geburtstages, benennt die Stadt Hamburg eine Straße westlich des "Zeit"-Verlagsgebäudes in "Buceriusstraße" um.

"Zeit"-Stiftung Gerd und Ebelin Bucerius

Die gemeinnützige Stiftung engagiert sich in Projekten aus den Bereichen Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur sowie Bildung und Erziehung. Seit dem Verkauf des "Zeit"-Verlags an die Holtzbrinck-Verlagsgruppe 1996 agiert die "Zeit"-Stiftung unabhängig von der Wochenzeitung. Flaggschiffe der Stiftung sind die im Jahr 2000 gegründete Bucerius Law School - die einzige private Hochschule für Rechtswissenschaft in Deutschland - und das seit 2002 bestehende Bucerius Kunst Forum am Hamburger Rathausmarkt.

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