Stand: 25.02.2015 15:48 Uhr

Ausnahmekünstlerin Paula Modersohn-Becker

von Annette Volland
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Ausschnitt aus einem Selbstbildnis von Paula Modersohn-Becker (1897).

Sie war eine Wegbereiterin des Expressionismus und die erste Künstlerin der Welt, der ein ganzes Museum gewidmet wurde: die früh verstorbene Malerin Paula Modersohn-Becker (1876-1907). Seit 1927 erinnert das Paula Modersohn-Becker Museum in Bremen an sie. Ihre Wahlheimat war die Künstlerkolonie Worpswede. Dort in der Provinz - und inspiriert von vielen Reisen nach Paris - entwickelte sie ihren richtungsweisenden Stil.

Keinen Zutritt an der Kunstakademie

Paula Becker wurde 1876 in Dresden geboren. Ihr Vater war ein weit gereister Ingenieur, ihre Mutter entstammte einer Adelsfamilie. 1888 zog die Familie nach Bremen, der Vater war dort Baurat geworden. Die Mutter hatte viele Freunde in künstlerischen Kreisen, und bald erhielt Paula Kunstunterricht. Als junge Frau schloss sie eine Ausbildung im Lehrerinnenseminar ab, besuchte dann aber in Berlin eine Malschule für Künstlerinnen. An einer Kunstakademie durfte sie nicht studieren: Frauen hatten dort zu der Zeit noch keinen Zutritt.

Jahre in Worpswede

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Paula Modersohn-Becker (l.) auf der Zeichnung "Sommerabend" von Heinrich Vogeler (1905).

Im Sommer 1897 kam Paula Becker zum ersten Mal nach Worpswede - und war von der Landschaft und dem Zauber des Ortes tief beeindruckt. Auch die Künstlergemeinschaft, die dort lebte und arbeitete, gefiel ihr. Schon ein Jahr später gehörte sie dazu. Unter anderem arbeitete Fritz Mackensen dort, bei dem die junge Frau zunächst Unterricht nahm, aber auch Otto Modersohn, Hans am Ende und Heinrich Vogeler. Unterbrochen von längeren Aufenthalten in der Künstlerwelt von Paris blieb sie bis zu ihrem Tod in Worpswede. Sie war mit Malern und Bildhauern befreundet und auch mit den Dichtern Gerhardt Hauptmann und Rainer Maria Rilke. Aber bis auf Modersohn bemerkten nur wenige, dass sie es mit einer wirklich großen Künstlerin zu tun hatten.

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Im Mai 1901 heiratet die damals 25-jährige Paula Becker in Worpswede den kurz zuvor verwitweten Maler Otto Modersohn. Die Ehe bewahrt sie davor, sich ihren Lebensunterhalt in einem der wenigen Frauenberufe der Zeit verdienen zu müssen. Paula Modersohn-Becker versucht nun, ihre Pflichten als Hausfrau und Stiefmutter eines Mädchens mit ihrer künstlerischen Arbeit zu vereinen. Sie malt aber nicht zu Hause, sondern in einem eigenen Atelier im Ort, dem "Lilienatelier" im Brünjes-Hof. Hier konnte sie ungestört arbeiten, lesen, nachdenken. In diesem kleinen Atelier entstanden zahlreiche Bilder, die Freunde und Verwandte erst nach ihrem Tod fanden und die große Bewunderung auslösten.

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Das Ehepaar Paula Becker und Otto Modersohn im Jahr 1902.

Bald orientierte sich Paula eher an den Pariser Künstlern, an Cézanne und Gauguin, während der bodenständige Otto Modersohn Traditionen des 19. Jahrhunderts fortsetzte. Paula begann, sich in der Ehe einsam zu fühlen. Worpswede wurde ihr zu eng. 1906 verließ sie Modersohn und ging nach Paris. Sie hatte gehofft, ihren Mann lieben zu können, als Künstlerin anerkannt und Mutter zu werden. Die Hoffnungen hatten sich nicht erfüllt. Auch in Paris ging es ihr seelisch kaum besser. In dieser Lebenskrise malte Paula Modersohn-Becker ihre heute berühmten, richtungsweisenden Bilder, versank jedoch in tiefer innerer Not. Finanziell unterstützte Modersohn sie weiter.

Erste Akt-Selbstbildnisse der Geschichte

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Ausschnitt eines Selbstbildnisses um 1906. Zu Lebzeiten konnte die Künstlerin nur fünf Bilder verkaufen.

Im Jahr 1906, als sie versuchte, unabhängig zu werden, entstanden Selbstbildnisse, die als die ersten Akt-Selbstdarstellungen der Kunstgeschichte gelten. Sie verstießen zu ihrer Zeit gegen jede Konvention. 1907 kehrte Paula nach Worpswede zurück. Am 2. November brachte sie dort ihre Tochter Mathilde zur Welt. Das Ehepaar Modersohn-Becker hatte sich versöhnt, doch das Glück war nur von kurzer Dauer. Am 20. November 1907 starb die Künstlerin.

Unromantisch, aber nicht anklagend

Ihr Werk besteht aus Porträts, Kinderbildnissen, Landschaften, Stillleben und immer wieder Selbstporträts. Ihre bäuerlichen Szenen sind nicht romantisch, aber auch nicht anklagend. Sie mochte die einfachen Menschen, die sie malte, und war zudem an Form, Fläche und Konstruktion interessiert. Ihre Werke waren völlig anders als die der damals üblichen Malerei. In ihrem Leben hat sie nur fünf ihrer etwa 750 Gemälde verkauft. Erst später erkannten Kunsthistoriker Ähnlichkeiten zu den Bildern des jungen Pablo Picasso (1881 - 1973) aus der gleichen Zeit.

Nach dem Tod von Paula Modersohn-Becker sorgten Otto Modersohn und Heinrich Vogeler dafür, dass ihre Werke in Ausstellungen gezeigt wurden. Nun wurden die ersten Sammler auf sie aufmerksam und kauften ihre Bilder. Dazu gehörte der Kaffee HAG-Unternehmer Ludwig Roselius, auf dessen Initiative das Paula Modersohn-Becker Museum in Bremen entstand und im Jahr 1927 eröffnet wurde.

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