Stand: 08.04.2009 10:57 Uhr  | Archiv

Auf den Spuren jüdischen Lebens in Hamburg

Der Faltplan der Stadt Hamburg liegt auch in hebräischer Sprache vor.

Ende des 16. Jahrhunderts kamen aus Portugal die ersten Juden ins damals noch dänische Altona. Dort durften sie ihre Toten - anders als in Hamburg - auf eigenem Boden bestatten. Seitdem haben die Juden in der Hansestadt eine bewegte Geschichte erlebt. Rund 17.000 jüdische Menschen lebten vor der Nazizeit in Hamburg. Heute sind es wieder knapp 3.000. Ein Faltblatt mit einem großformatigen Stadtplan verzeichnet 30 Orte, an denen sich Spuren jüdischen Lebens in Hamburg finden. Der Faltplan "Jüdisches Leben in Hamburg" will nicht nur das Offensichtliche zeigen. Er ortet vor allem die versteckten Spuren jüdischer Kultur, die sich überall in der Stadt finden. Hintergrundinformationen zu den Orten sind in deutscher, englischer und hebräischer Sprache auf dem Faltblatt abgedruckt. Der Plan ist kostenlos bei der Touristinformation am Hauptbahnhof, am Hafen, im Hamburgmuseum sowie in Geschäften im Grindelviertel erhältlich oder kann von den Internetseiten der Stadt Hamburg heruntergeladen werden.

Eine Reise durch die Geschichte

Ein Schwerpunkt historischer und gegenwärtiger Stätten jüdischen Lebens liegt im Grindelviertel. Für eine Entdeckungstour zwischen Rothenbaumschausseee und Bundesstraße zeigt das Faltblatt zehn sehenswerte Orte auf. Dazu gehört zum Beispiel der Joseph-Carlebach-Platz, wo seit 1906 die größte Hamburger Synagoge stand. 1.200 Menschen fanden dort Platz. Im Zuge der Reichspogromnacht 1938 wurde die Synagoge verwüstet und im folgenden Jahr abgerissen. Der Namensgeber des Platzes, Joseph Carlebach war als Oberrabbiner 1936 an die Synagoge berufen worden. Heute erinnert ein Bodenmosaik, dass die Umrisse der ehemaligen Synagoge markiert, an die Geschichte des Gotteshauses. Nur 200 Meter entfernt ist ein zeitgenössischer Ort jüdischen Lebens: das Café Leonar. Seit Anfang 2008 hat sich das Kaffeehaus vor dem Hintergrund jüdischer Kultur und Küche zu einem lebendigen Ort der Begegnung im Stadtteil entwickelt.

 

Versteckte Orte entdecken

Das Café Leonar im Hamburger Grindelviertel hat sich zu einem jüdischen Treffpunkt entwickelt.

Doch der Stadtplan enthält nicht nur die augenfälligen Denkmäler und aufpolierten Vorzeigeecken am Grindel, sondern auch die weniger auffälligen, nicht immer ersichtlichen Spuren jüdischer Geschichte in Hamburg. "Der Plan sollte eigentlich genau dies leisten", sagt Sylvia Necker vom Institut für die Geschichte der deutschen Juden. Die Historikerin war maßgeblich an der Umsetzung des Planes beteiligt. Sie fordert die Hamburger auf, mit Hilfe des Stadtplans auch versteckte Ecken aufzuspüren und will, "dass sie da einfach ihre Nase reinstecken." Zu den weniger augenfälligen Orten zählt zum Beispiel der Hannoversche Bahnhof am Lohseplatz, von dem heute kaum noch etwas übrig ist. Lediglich ein paar Gleise sowie Spuren einer Bahnsteigkante und eine Gedenktafel erinnern dort an das traurige Schicksal von Juden, Sinti und Roma, die zwischen 1940 und 1945 von hier aus in Ghettos und Vernichtungslager nach Osteuropa verschleppt wurden.

Salomon Heine - Kaufmann und Mäzen

Das Gartenhaus Salomon Heines, des Onkels des Dichters Heinrich Heine, steht an der Elbchaussee.

Einer der prominentesten Hamburger Juden war Salomon Heine (1767 - 1844). Seine Spuren finden sich an mehreren Stellen in der Stadt. So zum Beispiel das Gartenhaus im Heinepark. Der wohlhabende Kaufmann besaß eine Sommerresidenz am Elbufer, von der heute nur noch der 34 Quadratmeter große Gartensaal mit Kuppeldecke und Stuckverzierungen erhalten ist. Seit 1975 kümmert sich ein Verein um den Erhalt des historischen Gebäudes, das heute auch zu Vortragsreihen über jüdische Themen genutz wird. Beim Großbrand in der Hamburger Altstadt ließ er ohne Zögern sein Haus am Jungfernstieg sprengen, um die Ausbreitung der Flammen zu stoppen. Der großzügige Mäzen Salomon Heine unterstützte nicht nur seinen Neffen, den Dichter Heinrich Heine, sondern stiftete im Gedenken an seine verstorbene Frau Betty auch das Krankenhaus der Deutsch-Israelitischen Gemeinde, das er vollständig finanzierte und das ebenfalls im Faltplan "Jüdisches Leben in Hamburg" verzeichnet ist. Der Plan soll Hamburger und Besucher der Hansestadt gleichermaßen animieren, sich auf eine Entdeckungsreise durch die bewegte Geschichte jüdischen Lebens in Hamburg zu machen.

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