Stand: 20.05.2014 14:29 Uhr

Als die Jeans noch Nietenhose hieß

Sie ist Ausdruck eines Lebensgefühls von Freiheit, Lässigkeit und Rebellion: die Jeans. Nicht umsonst heißt es in Ulrich Plenzdorfs Kultroman "Die neuen Leiden des jungen W": "Jeans sind eine Einstellung und keine Hosen!“ Eigentlich ein typisches Symbol der Werte des Westens, erfreute sich die Hose aus dem robusten Baumwollstoff Denim auch bei den Jugendlichen in der DDR zunehmender Beliebtheit - vom SED-Politbüro zunächst noch argwöhnisch betrachtet.

Modisch in den Achtzigern: Jeans wurden in der DDR erst recht spät von Volkseigenen Betrieben hergestellt.

Anhand der "Nietenhose" - wie die Jeans jenseits der Mauer genannt wurde - lässt sich die wechselhafte Alltagserfahrung der Menschen ebenso ablesen wie die sich verändernde Kulturpolitik und schließlich auch die Entwicklung der Mode in einem vom Rest der Welt weitgehend isolierten Staat.

Strafandrohung auf dem Schulhof

Ganz so unproblematisch wie für ihre Altersgenossen im Westteil Deutschlands war das Tragen der begehrten Textilie für die Jugendlichen im sozialistischen Teil nicht. Die Schlagersängerin Chris Doerk erinnert sich noch gut daran, wie es Anfang der 1960er-Jahre gleich mit ihrer ersten Jeans losging: "Wir mussten zum Fahnenappell auf dem Schulhof antreten. Ich stand da ahnungslos in Blue Jeans, als der Direktor mich nach vorn zitierte und mich vor allen blamierte: 'Wenn ich Sie noch einmal mit Jeans in der Schule sehe, gibt es eine saftige Strafe!'"

Als Frank Schöbel Jeans im DDR-Fernsehen tragen durfte

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Schlagersänger Frank Schöbel war der erste, der im DDR-Fernsehen eine Jeans trug.

Während die Jeans für die frühe Generation noch Grund für ein Klubhausverbot war ("Einlass nur in gepflegter Kleidung"), sollte sie ab Anfang der 1980er-Jahre zum geduldeten und später sogar bei der Freien Deutschen Jugend (FDJ) angesagten Kleidungsstück werden. 1980 lief in den Kinos der DDR der Streifen "Und nächstes Jahr am Balaton" an - ein Film, in dem eine Gruppe Jeans-tragender, langhaariger Jugendlicher durch Ungarn trampt. Spätestens als Schlagersänger Frank Schöbel im DDR-Fernsehen in Jeans auftreten durfte, war die von dem aus Franken stammenden Auswanderer Levi Strauss Mitte des 19. Jahrhunderts für die amerikanischen Goldgräber entwickelte Hose im Arbeiter- und Bauernstaat endgültig salonfähig geworden.

"Wisent" vs. "Wrangler"

Die gewandelte Einstellung der Funktionäre zur Jeans spiegelte sich auch wirtschaftlich wider: Volkseigene Betriebe wie das Kombinat Jugendmode, "Shanty" Jugendmode und die "Güstrower Kleiderwerke" stellten die Hose mit den Nieten her. Doch Modelle wie "Wisent", "Goldfuchs" oder "Boxer" hatten einen entscheidenden Nachteil: An den Nimbus legendärer Westmarken wie "Levi's" oder "Wrangler" reichten die heimischen Produkte nicht heran. Daran erinnert sich der heutige Jeanshändler Gunnar Böhm aus Rostock nur zu gut.

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Für viele DDR-Bürger war das Auftrennen und Nachnähen einer Original-Jeans die einzige Möglichkeit, an eine "echte" Jeans zu kommen.

Böhm hat so ziemlich alles erlebt, was mit Jeans aus Ost oder West in der späten DDR zu tun hatte. Mit seiner Mutter zog er durch die Läden der "Güstrower Kleiderwerke", die "Jugendmode"-Filialen bis zum "Exquisit". Der kleine Gunnar hatte eine "Boxer" für sich auserkoren - die einzige für ihn akzeptable Ost-Jeans, "weil die Taschen ein bisschen tiefer lagen, das sah cool aus!"

"Vietnamesische" Levi's aus Rostock-Lichtenhagen

Aber die West-Jeans stellten selbst die "Boxer" klar in den Schatten. Böhm musste monatelang betteln, bis ihm die Verwandtschaft aus dem Westen schließlich eine richtige Jeans schickte. Allerdings war es "nur" eine "Jingler's" von "C&A". Und zu groß war sie auch noch. "Es begann eine Ochsentour durch Rostocker Änderungsschneidereien. Am Ende war die Hose total versaut. Der Schneider hatte soviel Stoff aus dem Gesäßteil genommen, dass sich die Taschen berührten. Das sah wirklich alles andere als cool aus!" Doch Gunnar verzagte nicht: "Ich bin zu den Vietnamesen, die in Lichtenhagen in ihren Wohnungen 'Levi's 501' nachnähten. Als Vorlage musste ich ihnen aber eine passende echte '501' liefern. Die kaufte ich von einem Klassenkameraden für einen Tag frei. Dann konnten die Vietnamesen das Schnittmuster abzeichnen." Kurz danach hatte Gunnar Böhm seine echte Jeans - eine fast echte zumindest.

Go East: "C&A" produziert in Rostock 

An ein Erlebnnis aus dem Jahr 1985 erinnert sich Gunnar Böhm noch ganz genau. Es war ein regelrechter Schock: "In der zehnten Klasse sind wir im Rahmen einer Betriebsbesichtigung in das Rostocker "Shanty-Werk" gegangen. Dort quollen uns die Augen über. Da waren die ganzen Westklamotten, die für "C&A" genäht wurden. Wir hatten davon nie etwas gewusst, dabei stand das Werk ja mitten in der Stadt. Die produzierten am Fließband für den Westen. Wir waren fassungslos."

Menschen in Jeans mit Freudentränen auf der Mauer

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Mauerfall in Blue Jeans: Die Bilder von Menschen in Jeans gingen 1989 um die Welt.

Es sollte noch vier Jahre dauern, bis die Mauer fiel. Damit waren sowohl die DDR als auch die Ost-Jeans Geschichte. Heutzutage können Rostocker die blauen Hosen überall kaufen, die Volkseigenen Textilbetriebe gibt es dagegen längst nicht mehr. Doch zumindest in der Erinnerung an die Zeit der Wiedervereinigung leben die alten Modelle fort: Die Bilder von Menschen, die im November 1989 in Jeans oder gar im Jeansanzug - häufig "moonwashed" - auf der Berliner Mauer stehen und vor Glück weinen, gingen im Herbst 1989 um die Welt.

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Dieses Thema im Programm:

Unsere Geschichte | 21.05.2014 | 21:00 Uhr

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