Stand: 12.05.2014 16:19 Uhr

Sex sells: Beate Uhse erobert den Osten

von Ilka Kreutzträger
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Beate-Uhse-Katalog aus dem Jahr 1989. Bereits im November verteilte das Unternehmen in den grenznahen Gebieten 25.000 Kataloge.

"Nicht die Großen werden die Kleinen, sondern die Schnellen werden die Langsamen fressen." Beate Uhses Motto sollte sich im Weihnachtsgeschäft 1989 wieder einmal auszahlen. Als in Berlin die Mauer fiel, erkannte die Flensburger Unternehmerin sofort, welche Chancen auf dem noch unerschlossenen DDR-Markt warteten. Eine Erotikbranche gab es nicht. Alles, vom Sex-Shop über Pornofilme bis zum Striptease, galt im Arbeiter- und Bauernstaat als dekadenter Auswuchs des Kapitalismus und war verboten.

Schon im November 1989 hatte Beate Uhse entschieden, 25.000 Kataloge drucken zu lassen und in den grenznahen Gebieten zu verschenken. Die Aktion wurde ein voller Erfolg, gingen doch bis Ende des Jahres schon mehr als 7.500 Bestellungen ein und bescherten dem Unternehmen ein dickes Weihnachtsgeschäft. Ganz oben auf der Wunschliste der DDR-Bürger standen das Magazin "Der Penis in Wort und Bild", das Buch "Lustgewinn in der Ehe", der Film "Strandorgien 90 min" und das Spielzeug "Hoppe-Peter", ein Plastik-Schniedel zum Aufziehen für 5,90 DM.

600.000 Kataloge für die DDR 

Jürgen Schulz begab sich 1989 für Beate Uhse auf Verkaufstour in die DDR.

Der Versandhandel schien also der richtige Weg zu sein, um in der DDR Fuß zu fassen, und so beschloss die engagierte Geschäftsfrau Beate Uhse, ihre Mitarbeiter auf eine Verkaufstour durch die DDR zu schicken. Sie mietete 16 Lkw und ließ 600.000 Sonderkataloge mit dezentem weißem Einband und einem Gewinnspiel für den DDR-Markt herstellen. Die Druckerzeugnisse sollten für fünf Ostmark unter die Leute gebracht werden. Dann machte sie sich auf die Suche nach Katalogverkäufern und fand viele Freiwillige, darunter den damals 27-jährigen Jürgen Schulz.

Der Absolvent der Wirtschaftswissenschaften hatte gerade erst bei Beate Uhse seinen Job als Controller angefangen und meldete sich sofort für den erotischen Aufbau Ost. "Das war ein richtiges Abenteuer", erinnert sich Schulz, der dem Unternehmen bis heute treu geblieben und mittlerweile zum Financial Officer aufgestiegen ist. "Ich habe hier eigentlich einen Bürojob gemacht, aber ich fand es spannend, mal den direkten Kontakt mit Kunden zu haben - und war natürlich auch sehr neugierig darauf, wie es in der DDR sein würde."

Geschenke für die Grenzer, Doppelbett für die Verkäufer

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Mit etwas Westgeld, einer Straßenkarte und einem 25 Jahre älteren Kollegen brach Schulz in solch einem Bus ins Einsatzgebiet Ost auf.

Mit einem 25 Jahre älteren Kollegen - dem Haustechniker der Firma -, etwas Westgeld und einer Straßenkarte brach Schulz im Frühjahr 1990 auf in sein Einsatzgebiet. "Wir machten uns schon ein wenig Sorgen, ob wir einfach so, mit Tausenden Katalogen an Bord, über die Grenze kommen würden", erinnert er sich. "Wir haben deswegen kleine Geschenke wie Kugelschreiber und Kalender für die Grenzer mitgenommen." Die freuten sich über die Mitbringsel mit den aufgedruckten nackten Damen und ließen sie passieren.

Schnell stellte sich heraus, dass der fremde DDR-Alltag so seine Tücken hatte. Gab es in einer Ortschaft kein Hotel, mussten die beiden Handlungsreisenden mit einem Zimmer in einem der Plattenbau-Arbeiterwohnheime vorliebnehmen. Vor ein Problem stellte sie auch der obligatorische tägliche Anruf beim Koordinator der Aktion in Ost-Berlin. Ihm mussten die Mitarbeiter melden, wie viele Bestellhefte sie am Tag verkauft hatten. Handys gab es noch nicht, öffentliche Telefone standen nur bei der Post, im Hotel oder in den Arbeiterwohnheimen zur Verfügung. Die Verbindung kam oft nicht zustande oder sie riss sofort wieder ab. Da konnte ein kurzer Anruf schnell mehr als eine Stunde in Anspruch nehmen. Zu allem Überfluss mussten sich die Kollegen nach einem langen Verkaufstag und der unvermeidlichen Telefon-Odyssee oft auch noch ein Doppelbett teilen.