Stand: 22.04.2010 10:00 Uhr  | Archiv

"Wir sind die Glücklichen!" Die Freie Republik Wendland

von Carina Werner
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Friedlich und fröhlich: So leben die Bewohner der Freien Republik Wendland im Mai 1980.

"An die Bullen! Wenn Ihr hier mit Euren Wasserwerfern vorbeikommt, dann gießt gleich unsere Pflanzen ganz sacht und gleichmäßig. Und wehe, es ist Chemiescheiße im Wasser - pfui! Dies ist ein biologischer Garten." Was auf dem Eingangstor des sorgsam angelegten Gemüsegartens steht, ist in der "Freien Republik Wendland" Programm: Fröhlich und friedlich geht es hier zu, selbst als die Bundesregierung das Hüttendorf am 4. Juni 1980 gewaltsam räumen lässt. Die "Freie Republik Wendland", die der Anti-Atomkraft-Bewegung neuen Aufwind gibt, ist eine gelebte Utopie, ein soziales Experiment, aber auch eine medienwirksame Protestaktion.

"Die Freie Republik Wendland lebt", schreibt die Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg 30 Jahre später - Anlass ist das runde Jubiläum mit einem Gedenk- und Protestwochenende vom 4. bis zum 6. Juni 2010.

Treckerdemos und Jauche

Protestaktionen gegen das geplante Atommüllendlager Gorleben im niedersächsischen Wendland finden bereits seit den Siebzigerjahren statt. Anwohner und Atomkraftgegner organisieren Sitzstreiks auf Straßen, die nach Gorleben führen, oder erklimmen Bäume, die für die Bohrstelle gerodet werden sollen. Anfang 1980 verteilen zornige Bauern Tausende Liter Jauche auf der Tiefbohrstelle 1004, jenem Gelände in der Gemeinde Trebel bei Gorleben, unter dem sich der Salzstock befindet, den die Bundesregierung als atomares Endlager favorisiert.

Gründung einer Republik

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Der Juso-Vorsitzende Gerhard Schröder - rechts im Bild - spricht am 31. Mai 1980 zu den Besetzern.

Am 3. Mai 1980 erreicht der Protest im Wendland einen Höhepunkt: Mehrere Tausend Atomkraftgegner marschieren durch den Wald und besetzen das Gelände der Tiefbohrstelle 1004. Dort rufen sie einen eigenen Staat, die "Freie Republik Wendland" aus, oder "Republik Freies Wendland", so genau wird das hier nicht genommen. Das gewählte Stück Land sieht nicht gerade einladend aus: ein kahles, sandiges, gerodetes Waldstück, auf dem Bohrungen stattfinden sollen, um zu prüfen, ob der unterirdische Salzstock für ein Endlager geeignet ist.

Ein Baumstamm dient als Grenzübergang. Dort stellen die Atomkraftgegner und frisch gebackenen Dorfbewohner ein Warnschild auf, auf dem steht: "Halt, BRD. Vorsicht, Schusswaffen". Gegen eine Gebühr von 10 DM erhalten Einreisende einen "Wendenpass" mit Stempel. Mehrere Hundert Menschen leben von nun an tagtäglich auf dem Gelände. An den Wochenenden strömen Tausende Sympathisanten und schaulustige Touristen herbei. Unter den Besuchern ist auch der damalige Juso-Chef Gerhard Schröder, der sich gegen eine Räumung ausspricht.

Sauna und Rockkonzerte

Aus Lehm und Holz errichten die Dorfbewohner ein provisorisches Dorf mit über hundert Hütten, von aufwendigen Rundhäusern bis zu einfachen Indianerzelten. Gebaut werden auch ein Meditationshaus, eine Kirche, ein Freundschaftshaus, eine Sauna, Badehütten, Gewächshäuser, ein Klinikum, ein Frisiersalon, eine Mülldeponie, eine Ponyreitanlage für Touristen und eine acht Meter hohe Schiffsschaukel. Sogar ein eigener Radiosender wird aus dem Boden gestampft: "Radio Freies Wendland" sendet ab dem 18. Mai von einem Turm sein eigenes Programm. An den Abenden gibt es Vorträge, Diskussionsrunden, Rockkonzerte oder Puppentheater. Die Dorfbewohner engagieren sich in verschiedenen Arbeitsgruppen, pflanzen Bäume, zimmern neue Gebäude oder kaufen Lebensmittel in den umliegenden Dörfern. Von Anwohnern aus der Region erhalten sie dabei rege Unterstützung und werden mit Bauholz und Lebensmitteln versorgt.

Bulldozer und Panzer

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Die Räumung am 4. Juni 1980: Besetzer werden von der Polizei weggetragen.

Weniger begeistert reagieren die Bundesregierung unter Kanzler Helmut Schmidt und die niedersächsische Landesregierung. Als "Hochverrat" gegenüber dem eigenen Land geißelt der niedersächsische Innenminister Egbert Möcklinghoff die Besetzung in einem Interview mit dem NDR. Tatsächlich haben die Bewohner der "Freien Republik Wendland" gegen zahlreiche geltende Gesetze verstoßen, unter anderem gegen das Bau-, das Seuchen- und das Meldegesetz.

Am 4. Juni 1980 wird dem bunten Treiben ein Ende gemacht: Im Morgengrauen, gegen 6 Uhr, umzingeln Tausende Polizisten und Bundesgrenzschutzbeamte die Tiefbohrstelle 1004 mit Bulldozern und Panzern. Die Angehörigen des Panzertrupps haben schwarz angemalte Gesichter. Hubschrauber kreisen am Himmel. Mit etwa 7.000 Mann ist dies der bislang größte Polizeieinsatz der Nachkriegsgeschichte. Per Lautsprecher werden die Besatzer um 7 Uhr aufgefordert, den Platz zu verlassen.

Auf dem Dorfplatz haben sich 2.000 Bewohner versammelt. Sie singen friedliche Lieder mit Titeln wie "Die Lebenslust ist unser Widerstand". Ein Akkordeonspieler spielt dazu auf der Schiffsschaukel. "Bei allem, was jetzt passieren wird, denkt daran, wir sind die Glücklichen! Wir haben hier gebaut und gepflanzt. Die Unglücklichen sind die, die jetzt in weißen Helmen, die jetzt mit Knüppeln gegen uns losgehen sollen", versuchen Aktivisten wie der NS-Widerstandskämpfer und Grünen-Mitbegründer Heinz Brandt den Mitstreitern Mut zu machen.

Ende eines Traums

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Noch 2002 trägt ein Anti-Atomkraft-Demonstrant eine "Democard" der "Republik Freies Wandland".

Mehrfach wiederholt die Polizei ihre Aufforderung, doch die Demonstranten rühren sich nicht. Um 11 Uhr beginnen Trupps von Polizisten und Grenzschutzbeamten, die Menschen vom Dorfplatz zu tragen. Obwohl die Sitzenden keinerlei Widerstand leisten, kommt es zum Einsatz von Schlagstöcken. "Turm und Tor könnt Ihr zerstören, aber nicht unsere Kraft, die es schuf", steht auf einem der letzten Hütten, bevor sie ein Bulldozer platt walzt. Gegen 20 Uhr ist die Räumungsaktion beendet. Der leere Dorfplatz ist mit Stacheldraht umzäunt. Die "Freie Republik Wendland" existiert nicht mehr. Doch das stimmt nicht ganz: In der Anti-Atomkraft-Bewegung lebt der Geist der Republik weiter.

Weitere Informationen

Gorleben: Eine Chronik der Ereignisse

Von der Ankündigung Ernst Albrechts 1977, in Gorleben ein "Nukleares Entsorgungszentrum" aufzubauen, bis zum anhaltenden Protest gegen ein atomares Endlager im Wendland. mehr

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