Stand: 01.09.2011 12:00 Uhr

Der Untergang der "Cap Arcona"

von Imke Andersen und Britta Probol, NDR.de

Der Angriff der Royal Air Force

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Das stolze Schiff wurde für Tausende Menschen zur tödlichen Falle.

Am 3. Mai 1945 dümpeln die "Thielbek" und die "Cap Arcona" mit insgesamt rund 7.500 Häftlingen an Bord in der Lübecker Bucht. Zu diesem Zeitpunkt wissen die Alliierten um die Vorgänge in der Ostsee: Das Schweizer Rote Kreuz hat die britischen Bodentruppen in Lübeck über die Schiffe informiert. Doch die Information gelangt nicht zu den Piloten der Royal Air Force, und bei den Aufklärungsflügen an diesem Morgen werden die winkenden Häftlinge nicht erkannt. So lautet denn der schicksalsträchtige Einsatzbefehl No. 73 am 3. Mai 1945: "Zerstörung der feindlichen Schiffsansammlung in der Lübecker Bucht westlich der Insel Poel und nach Norden hin zur Grenze der Sicherheitszone".

Tausende Tote

Am frühen Nachmittag beginnen die britischen Bomber der 2. Taktischen Luftflotte ihren letzten Großangriff über der Ostsee. Typhoon-Kampfflugzeuge des 198. Geschwaders nehmen zuerst das deutsche Passagierschiff "Cap Arcona" und eine Stunde später den Frachter "Thielbek" unter Beschuss. Die "Cap Arcona" wird von 64 Raketen getroffen und steht im Handumdrehen vom Bug bis zum Heck in Flammen. Die SS versucht die Häftlinge unter Deck zu halten, während die wenigen funktionstüchtigen Rettungsboote zu Wasser gelassen werden. Von den 4.500 KZ-Häftlingen an Bord überleben 350 durch Zufall, nicht durch deutschen oder alliierten Rettungsbeistand. Von der Besatzung - Wachen, SS-Personal und Crew - können sich etwa 80 Prozent in Sicherheit bringen, darunter auch Kapitän Bertram.

Die "Thielbek" sinkt innerhalb von 20 Minuten nach dem Luftangriff. Britische Kampfflieger beschießen selbst die Rettungsboote auf ihrem Weg ans Neustädter Ufer. Von den 2.800 Häftlingen erreichen lediglich 50 lebend das Land. Auch Kapitän Jacobsen und die meisten Seeleute sind unter den Toten. Die "Athen" liegt zur Zeit des Angriffs im Neustädter Hafen; allein diese Tatsache rettet den knapp 2.000 Häftlingen an Bord das Leben.

Opfer in Massengräbern

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Auf dem Ehrenfriedhof in Neustadt/Holstein erinnert ein Mahnmal an die Opfer aus 24 Nationen.

Viele Opfer werden in Massengräbern entlang der Küste zwischen Neustadt und Pelzerhaken verscharrt. Heute reiht sich dort ein Campingplatz an den anderen. Doch zeugen in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern noch rund ein Dutzend Friedhöfe von der "Cap Arcona"-Katastrophe. Die bedeutendsten Gedenkplätze liegen in Gronenburg-Neukoppel und in Neustadt/Holstein selbst. Unter den Toten, die dort geehrt werden, sind auch etwa 200 Häftlinge des KZ Stutthof, die über die Ostsee nach Neustadt kamen und dort am Morgen des 3. Mai 1945 von SS-Leuten - unterstützt von Marinesoldaten - erschossen wurden.

"Die Hauptverantwortlichkeit für eine der schwersten Schiffskatastrophen der Geschichte liegt allem Anschein nach auf deutscher Seite", schreibt Wilhelm Lange, Stadtarchivar aus Neustadt, denn sie haben "den Alliierten eine hinterhältige Falle gestellt". Andererseits unterliefen den Briten folgenschwere Pannen bei der Weiterleitung der Informationen. Noch hat kein Gericht die Verantwortung deutscher und britischer Beteiligter an der Tragödie bei Neustadt aufgearbeitet.

Zeitzeuge

"Es war die Hölle, was wir da erlebten"

Der Mainzer Ludwig Pätzel hat am 3. Mai 1945 den Untergang der "Cap Arcona" miterlebt. Er war damals Gefreiter bei der Marine und lag mit der "MS Skagerrak" vor Neustadt. mehr