Stand: 05.03.2015 09:00 Uhr  | Archiv

Wie eine Ausstellung die Deutschen spaltete

von Irene Altenmüller, NDR.de

Üble Verunglimpfung und Pauschalverurteilung ehemaliger deutscher Soldaten oder überfällige Aufarbeitung historischer Tatsachen? Keine andere Ausstellung in Deutschland hat Besucher, Medien und Politiker je derart polarisiert wie die Wehrmachtsausstellung, die am 5. März 1995 in Hamburg eröffnete. Rund 800.000 Besucher in 33 Städten in Deutschland und Österreich sehen die vom Hamburger Institut für Sozialforschung konzipierte Schau - unzählige andere bleiben demonstrativ fern.

Besucherin vor Fotos der Wehrmachtsausstellung in Hamburg 1999 © dpa /picture alliance Fotograf: Stefan Hesse

Hamburg damals: Umstrittene Wehrmachtsausstellung

Hamburg Journal -

Vor 20 Jahren hat eine Ausstellung über die Beteiligung der Wehrmacht am Holocaust zu gewaltsamen Protesten geführt - und setzt so einen Aufarbeitungsprozess in Gang.

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Die Reaktionen auf die Ausstellung mit dem Titel "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944" sind derart heftig, dass nicht nur die Ausstellungsmacher davon überrascht sind. Neben erhitzten Debatten in den Medien, in mehreren Landtagen und im Bundestag kommt es zu Aufmärschen von Neonazis und gewaltsamen Ausschreitungen mit linken Gegendemonstranten, zu Morddrohungen, Prozessen und einem Bombenanschlag.

"Aufräumen mit der Legende von der sauberen Wehrmacht"

Was die Deutschen derart spaltet, ist die Kernthese der Ausstellung - dabei ist die unter Historikern 1995 schon lange nicht mehr umstritten: Die Wehrmacht sei im Zweiten Weltkrieg aktiv beteiligt gewesen an einem "Vernichtungskrieg gegen Juden, Kriegsgefangene und Zivilbevölkerung, dem Millionen zum Opfer fielen", heißt es im Ausstellungskatalog. Erklärtes Ziel sei es daher, so der Katalog weiter, mit der Legende von der "sauberen Wehrmacht" aufzuräumen.

Die Macht der Bilder

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In Kiel besucht auch Landtagspräsident Arens die Ausstellung 1999. Auf den Straßen der Landeshauptstadt kommt es zu Krawallen.

Zum Beleg ihrer These setzen die Ausstellungsmacher unter Leitung des Historikers und Publizisten Hannes Heer vor allem auf die Wirkung von Bildern: Auf großen Stellwänden zeigen sie Fotostrecken und Einzelbilder von Wehrmachtssoldaten bei ihren Gräueltaten, darunter etwa lachende Soldaten vor Gehenkten. Bewusst sollen die Bilder schockieren und empören. Zwar gibt es auch erklärende Texte und historische Dokumente, wie etwa Befehle, Ausschnitte aus Feldpostbriefen und Zitate von Augenzeugen. Doch angesichts der rund 1.400 vielfach erschütternden Fotografien nehmen viele Besucher die einordnenden Texte kaum noch wahr.

Ehemalige Soldaten fühlen sich diffamiert

Obwohl der Katalog darauf hinweist, dass die Ausstellung "kein verspätetes und pauschales Urteil über eine ganze Generation ehemaliger Soldaten fällen" wolle, fühlen sich viele ehemalige Wehrmachtsangehörige persönlich diffamiert und pauschal verurteilt: "Dass man das generell der Wehrmacht anlastet, das finde ich sehr beschämend. Wir sind Nestbeschmutzer, so nennt man das, wir machen uns selber lächerlich", urteilt etwa ein Hamburger Besucher gegenüber dem NDR, stellt aber nicht infrage, dass zumindest ein Teil der Wehrmacht an derartigen Verbrechen beteiligt war.

Politik und Medien reagieren gespalten

Sowohl in den Medien als auch in der Politik schaukelt sich die Auseinandersetzung zwischen Gegnern und Befürwortern der Ausstellung hoch. Längst ist die Ausstellung ein Politikum. In Bremen droht gar die Große Koalition über der Frage zu zerbrechen, ob die Ausstellung im Rathaus gezeigt werden dürfe. Die CDU ist strikt dagegen.

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In etlichen Städten demonstrieren Rechtsradikale gegen die Ausstellung.

Als 1997 die Ausstellung in München eröffnet wird, startet CSU-Chef Peter Gauweiler eine Gegenkampagne. Mit Parteifreunden legt er nur wenige Schritte entfernt demonstrativ einen Kranz am Grab des Unbekannten Soldaten nieder. Gegen Jan Philipp Reemtsma, der als Gründer und Vorstand des Instituts für Sozialforschung für die Ausstellung verantwortlich ist, polemisiert Gauweiler, dieser solle besser "eine Ausstellung machen über die Toten und Verletzten, die der Tabak angerichtet hat, den er verkauft hat", anstatt "viele Menschen in ihrer Ehre zu kränken".

Differenzierter und persönlicher ist die Debatte am 13. März 1997 im Bundestag. Dort berichten etliche Abgeordnete, darunter etwa Alfred Dregger, Otto Schily und Otto Graf Lambsdorff von ihren eigenen Erfahrungen als Wehrmachtsoldaten und denen ihrer nächsten Angehörigen.

Krawalle und ein Anschlag

Nicht überall bleibt die Auseinandersetzung auf das Verbale beschränkt: In mehreren Städten kommt es zu Krawallen, darunter in Dresden, Kassel und in Kiel, wo bei Ausschreitungen während einer NPD-Demonstration gegen die Ausstellung zehn Menschen verletzt werden. In Saarbrücken wird auf die Ausstellungsräume in der Volkshochschule ein Sprengstoffanschlag verübt. Erst 2011 stellt sich heraus, dass er vermutlich von dem rechtsextremen Terrortrio NSU verübt wurde.