Stand: 10.03.2015 15:34 Uhr

1990: Die DDR hat die freie Wahl

von Viktoria Urmersbach
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Rainer Blumenthal erinnert sich an den Wahlkampf 1990 als "euphorische Zeit".

"Freiwillig bin ich zu dieser Wahl gegangen, das war wirklich etwas Neues!" Rainer Blumenthal, Archivassistent in Schwerin, erinnert sich genau an den Sonntag, an dem die Volkskammerwahl die Menschen in die Wahllokale zog. Am 18. März 1990 waren die DDR-Bürger aufgerufen, ihre Stimme für eine neue Gesellschaftsform abzugeben. Zum ersten Mal gab es politische Vereinigungen, die unterschiedliche Programme hatten, anders als zu DDR-Zeiten mit ihrer Einheitspartei SED und den Blockparteien. Damals hatte Blumenthal "Nein" auf den Wahlzettel geschrieben. "Hingegangen bin ich nur, weil meine Mutter mir 100 Mark zur Belohnung gegeben hat. Sie wollte keinen Ärger." So fühlte er sich am Wahlsonntag 1990 als Erstwähler. 

Wie organisiere ich eine demokratische Wahl?

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In Neuhaus an der Elbe standen die Wähler am 18. März 1990 morgens vor dem Wahllokal Schlange.

Für Uwe Wieben, damals erst seit einigen Wochen Bürgermeister in Boizenburg, war die Volkskammerwahl wie eine Feuertaufe. Der frühere Direktor des Heimatmuseums stand völlig unvorbereitet vor vielen kleinen und großen Problemen. "Ich war für die technischen Abläufe verantwortlich, war Mitglied der Stadtwahlkommission und natürlich als Bürgermeister sowieso federführend an dem Sonntag - ein wahres Himmelfahrtskommando!" Für ihn begann der Sonntag mit dem ersten Treffen der Wahlkommission im Rathaus - um sechs Uhr morgens.

Schon kurz nach der Öffnung um sieben Uhr strömten die Menschen in die Wahllokale. Mehr als 93 Prozent der Wahlberechtigten in Ostdeutschland gaben ihre Stimme ab, Rekord für eine deutsche Wahl. Der Termin war vom Runden Tisch um sechs Wochen vorverlegt worden, weil der Druck von der Straße immer größer wurde. Täglich verließen weiterhin Tausende die DDR, während die Massen skandierten: "Es wird langsam zur Qual, wir brauchen im März die Wahl!" 

"Wir sind ein Volk!"

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Bei den Volkskammerwahlen traten 1990 mehr als 20 Parteien an.

Die Demonstranten wechselten Anfang 1990 den Slogan vom protestlerischen "Wir sind das Volk!" zu "Wir sind ein Volk!". Die Protestveranstaltungen veränderten sich in rasantem Tempo, beobachtete auch Rainer Blumenthal, früheres Mitglied des Neuen Forums: "'Einigkeit und Recht und Freiheit' sangen die Leute im Januar plötzlich auf der Straße in Schwerin." Wollten seine Landsleute jetzt etwa eine möglichst schnelle Vereinigung mit Westdeutschland?, fragte sich Blumenthal damals. Als Mitglied der Opposition in der DDR hatte er große Hoffnungen auf die Volkskammerwahlen gesetzt: "Vielleicht bekommen wir eine bessere DDR, vielleicht sogar eine bessere Bundesrepublik", hatte er sich gewünscht. Dem schnellen Anschluss an Westdeutschland stand er kritisch gegenüber.  

Zwiespältige Gefühle hinsichtlich der plötzlichen politischen Veränderungen hatte auch Uwe Wieben im Lauenburgischen. Als Bürgermeister bekam er all die neuen Fragen und Probleme der Ostdeutschen in sein Büro getragen, von Auseinandersetzungen mit Alteigentümern und der Angst um den Arbeitsplatz bei der Elbewerft bis zu düsteren Befürchtungen um die Zukunft der Kinder.

Mecklenburgische Bauern als Protestwähler

Sitzung der Volkskammer in Berlin am 13.09.1990 © imago/Stana

Letzte Volkskammerwahl in der DDR

NDR Info -

Gut vier Monate nach dem Fall der Mauer wird in der DDR am 18. März 1990 eine neue Volkskammer gewählt. Das Ergebnis besiegelt das Ende der Deutschen Demokratischen Republik.

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Aber welche Partei sollte all diese Sorgen wegwischen können? Der Wahlzettel war unübersichtlich - rund 20 Parteien waren aufgestellt. Ihre Programme hatten sie wegen der kurzen Vorbereitungszeit eilig zusammengeschustert.  

20 Prozent der Arbeitsplätze im Norden lagen im landwirtschaftlichen Bereich. Dass die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) vor dem Aus standen und Alteigentümer ihre Ansprüche auf Boden angemeldet hatten, bereitete norddeutschen Wahlkampf-Strategen großes Kopfzerbrechen: Wie würden die Bauern entscheiden, wenn sie am Wahlsonntag als Protestwähler vor der langen Liste der Parteien stünden?

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 14.03.2015 | 11:17 Uhr

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