Stand: 03.04.2017 13:56 Uhr

Vor 25 Jahren: Eine Frau erobert die Kirche

4. April 1992, 15.15 Uhr: Im altehrwürdigen Hamburger Michel brandet lauter Jubel auf. Soeben ist Historisches geschehen: Maria Jepsen ist zur weltweit ersten lutherischen Bischöfin gewählt worden. Minutenlang klatschen die Synodalen der nordelbischen Landeskirche Beifall. Bereits nach dem ersten von sechs möglichen Urnengängen war die Wahl entschieden: 78 von 137 Stimmen bekam die Pröpstin aus dem Kirchenkreis Hamburg-Harburg. Für ihren Konkurrenten Helge Adolphsen, Hauptpastor des Michels, waren es nur 44. 

Die Bischöfin Maria Jepsen.

Maria Jepsen: Die erste evangelische Bischöfin

Hamburg Journal -

Am 4. April 1992 wurde Maria Jepsen die erste Bischöfin der evangelisch-lutherischen Kirche. Der Widerstand im Vorfeld war groß. Und auch später musste sie viel Kritik einstecken.

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Wahl kam für Jepsen überraschend

Jepsen sagt 25 Jahre nach ihrer Wahl zur Bischöfin dem Hamburg Journal, dass sie bis zuletzt nicht damit gerechnet hätte, dass sie gewählt würde. "Ich habe mich aufstellen lassen, um zu zeigen: Wir Frauen kneifen nicht", erinnert sich die 72-Jährige. Heute gratuliert ihr ihre spätere Nachfolgerin, Bischöfin Kirsten Fehrs, im Namen der Nordkirche zu ihrer "epochalen" Wahl. Sie sei "eine mutige Vorkämpferin für die Gleichberechtigung von Frauen und Männern in der Kirche" gewesen. Und auch die Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche Deutschlands würdigt Jepsens Verdienste "für die volle Teilhabe von Frauen am geistlichen Amt und damit auch am Leitungsamt in der Kirche".

"Das Weib schweige in der Gemeinde"

1992 klingt es noch anders. Jepsen ist bereits die dritte Frau, die sich um ein Bischofsamt bemüht. Kurz zuvor waren 1991 in Lübeck Oberkirchenrätin Käte Mahn gegen Propst Karl Ludwig Kohlwage und 1990 in Schleswig Ruth Rohrandt, Leiterin des Frauenreferats der Nordelbischen Kirche, gegen Propst Hans-Christian Knuth gescheitert.

Als Jepsen und Adolphsen ihre Kandidatur für das Bischofsamt in Hamburg bekannt geben, ist schnell klar: Es geht nicht um Inhalte und Positionen. Im Vordergrund steht die Frage: Wer setzt sich durch - Frau oder Mann? Auch wenn die beiden Kandidaten diese Diskussion von Anfang an nicht befeuern.

Die konservativen Kräfte der Nordelbischen Kirche wehren sich gegen eine Frau als oberste Hirtin. Rund 80 Pastoren in Nordelbien drohen, vorzeitig in den Ruhestand zu treten, sollte Jepsen zur Bischöfin gewählt werden. Sie sprechen von einer Katastrophe für die Kirche und untermauern ihre Ablehnung mit Bibel-Zitaten wie "Das Weib schweige in der Gemeinde". Jepsen, die eine moderate feministische Theologie vertritt, kontert: "Diese Aussagen entstanden in einer Zeit, in der die Gesellschaft unterdrückt wurde und das haben die Männer an die Frauen weitergegeben."

Liberale Kräfte unterstützen Jepsen

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Maria Jepsen hat sich stets für eine offene Kirche eingesetzt, die die Randgruppen der Gesellschaft mit einbezieht.

Doch die liberalen Kräfte in Nordelbien sehen in Jepsen, deren Mutter sie und die drei älteren Geschwister nach ihrer Scheidung allein in Bad Segeberg aufgezogen hatte, die geeignete Kandidatin. Sie glauben, dass sich viele Christen mit ihrer Theologie und ihrer Nähe zur Basis identifizieren können. Unterstützung gibt es auch aus Berlin: Bundestagspräsidentin Rita Süßmuth (CDU) ist der Meinung, dass es sich die Kirche nicht leisten könne, ein drittes Mal einer Frau das Bischofsamt zu versagen. Auch viele Medien beziehen klar Stellung: Sie zeichnen das Bild einer verkrusteten Kirche, die endlich den Weg für Frauen im Bischofsamt frei machen soll.

"Glauben im Alltag lebbar machen"

Als die Synode beginnt, ist der Ausgang völlig offen. Viele Beobachter gehen von vier bis fünf Wahlgängen aus. Bei ihrer Rede überzeugt Jepsen die Synodalen mit ihren Forderungen nach einer offenen Kirche, die auch die Randgruppen mit einbezieht. "Die Kirche muss sich einmischen in Politik, muss wieder lebendiger werden und den Glauben im Alltag lebbar machen", lautet ihr Motto. Schon zuvor hatte Jepsen deutlich gemacht: Sie setzt sich für Obdachlose, Drogenabhängige, HIV-Infizierte und Homosexuelle ein. Und sie läuft bei Demonstrationen gegen Ausländerhass in der ersten Reihe mit. Ihr sei stets wichtig gewesen: "Wir stehen zu dem, wie wir sind und wollen nicht, dass Menschen sich verstecken und verbiegen."

Kurz-Porträt

Maria Jepsen, geborene Bregas, wird 1945 in Bad Segeberg als viertes Kind einer Lehrerin und eines Zahnartzes geboren. Nach dem Abitur 1964 studiert sie Evangelische Theologie in Tübingen, Kiel und Marburg. Ihr Vikariat absolviert sie in Lemsahl-Mellingstedt und heiratet in dieser Zeit Peter Jepsen, ebenfalls Pastor. 1972 bis 1977 führt sie gemeinsam mit ihrem Mann in Meldorf (Dithmarschen) und danach bis 1990 im nordfriesischen Leck die Kirchengemeinden. 1991 wird Maria Jepsen die erste Pröpstin in Nordelbien, 1992 die weltweit erste lutherische Bischöfin. Während ihrer zweiten Amtszeit tritt sie 2010 im Zuge der Missbrauchsvorwürfe gegen einen Pastor in der Kirchengemeinde Ahrensburg zurück.

Jepsen stellt auch ihre Verbundenheit mit der kirchlichen Basis in den Vordergrund. "Von etlichen Medienleuten wurde ich gefragt: 'Braucht die Kirche nicht einen starken Bischof? Sie wirken doch eher zerbrechlich'. Dann guckten sie herunter an mir, an meinen 1,68 Meter, mit einem Lächeln, das wir Frauen nur allzu gut kennen." Ihre Entgegnung auf die Zweifler: "Kirche ist nicht schwach oder stark durch einen Bischof, welche Statur er auch immer haben mag; Kirche geschieht in den Gemeinden, Diensten und Werken."

In ihrer Rede setzt Jepsen auf persönliche Akzente: "Dass ich mich für eine neue Gemeinschaft von Frauen und Männern einsetze, ist selbstverständlich, sah es doch so aus, dass wir in der Kirche bisher einseitig die Fähigkeiten von Frauen wahrgenommen haben, sie fast nur an der Basis Dienst tun ließen. Das darf so nicht fortgesetzt werden, wie inzwischen viele eingesehen haben." Ihr Auftritt kommt an - besser als die eher unterkühlte und hanseatische Art von Konkurrent Adolphsen. Für viele Beobachter überraschend, setzt sich Jepsen durch.

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 02.04.2017 | 19:30 Uhr

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