Stand: 13.10.2012 10:37 Uhr  | Archiv

Von Goebbels zu Winnetou - das Kalkbergstadion

von Sascha Sommer
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Nazi-Propagandaminister Goebbels weihte persönlich die "Nordmark-Feierstätte" ein.

Die Karl-May-Spiele am Kalkberg in Bad Segeberg, wer kennt sie nicht? Millionen Besucher sind seit 1952 in die Arena geströmt, um die Geschichten rund um den Apachen-Häuptling Winnetou und seinen Blutsbruder Old Shatterhand zu sehen. Die hässliche, braune Vergangenheit des Stadions kennen viele Menschen außerhalb von Bad Segeberg jedoch nicht.

Am 10. Oktober 1937 weiht Reichspropagandaminister Joseph Goebbels das damalige Segeberger Amphitheater ein. Die Propagandamaschine der Nazis hatte einen neuen Versammlungsort gefunden: die "Nordmark-Feierstätte". Die Wochenschau berichtet von 20.000 Zuschauern, von Jubel und "Heil Hitler"-Rufen. In ganz Deutschland sollten damals insgesamt 400 solcher Versammlungsplätze entstehen, am Ende wurden nicht einmal zehn gebaut.

Reichsarbeitsdienst braucht zwei Jahre

Zwischen Bad Segeberg und Haithabu bei Schleswig habe es damals einen regelrechten Standort-Wettbewerb gegeben, sagt der Bad Segeberger Historiker und Buchautor Hans-Peter: "Der damalige Bürgermeister Jeran hat den Entwurf sofort nach Berlin geschickt, um einer der ersten damit zu sein." Mit der Entscheidung für den Standort Bad Segeberg fällt am 27. Mai 1934 der Startschuss für umfangreiche Bauarbeiten am Kalkberg.

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Brauner Aufmarsch: 20.000 Nazis kommen zur Eröffnung.

Innerhalb von zwei Jahren sorgt der Reichsarbeitsdienst dafür, dass aus einer öden Stätte durch viel Muskelkraft die Propaganda-Arena der NSDAP wird. Die Arbeiter kämpfen dabei immer wieder mit Problemen. So sollen die Sitzreihen im Gestein befestigt werden. Das klappt aber nicht, denn eigentlich ist der "Kalkberg" ein Gipsberg, und weil Gips sich in Wasser auflöst, taugen die Sitzflächen nur bis zum nächsten großen Regenschauer etwas. Teurer Granit aus Schlesien wird geordert. Auf den Kosten bleibt die Stadt Bad Segeberg sitzen, die versprochenen Zuschüsse aus Berlin kommen nicht. Dadurch zieht sich der Bau in die Länge.

"Nordmark-Feierstätte" wird kaum genutzt

Große Aufführungen gibt es nach Eröffnung der Arena nur wenige. Nach Kriegsbeginn wird das Stadion vereinzelt von der Hitlerjugend für Versammlungen und Fahnenweihen genutzt. Am 8. Mai 1945 ist damit endgültig Schluss, die Briten feiern als Besatzungsmacht dort den Sieg über das Nazi-Regime.

Lange bleibt das Stadion nicht leer. Am 6. Oktober 1945 findet dort eine der ersten großen Boxveranstaltungen nach dem Krieg statt. Sportidol Max Schmeling ist als Ringrichter im Einsatz und lockt mehr als 12.000 Zuschauer an. Das Kalkbergstadion erweist sich als hervorragender Veranstaltungsort. Der langjährige Geschäftsführer der Kalkberg GmbH, Ernst Reher, erinnert sich: "Nach dem Krieg war die Frage: Wie nutzen wir das Stadion, um das Wirtschaftsleben in Bad Segeberg anzukurbeln? Wir wollten eine Fremdenverkehrsstadt werden und Touristen nach Bad Segeberg holen". Mit den Karl-May-Spielen ist das bis heute gelungen - 2012 wurde der zehnmillionste Besucher begrüßt.