Stand: 26.04.2016 10:13 Uhr

Tschernobyl: Wie reagierte Deutschland auf den Super-GAU?

von Irene Altenmüller, NDR.de
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Blick auf den zerstörten Reaktor in Tschernobyl kurz nach dem Unfall. Die Explosion setzte riesige Mengen Radioaktivität frei.

26. April 1986, 1:23 Uhr Ortszeit: Im sowjetischen Kernkraftwerk Tschernobyl explodiert ein Reaktor. Radioaktive Stoffe werden 1.200 Meter hoch in die Atmosphäre geschleudert. Das Unvorstellbare ist eingetreten: Der Super-GAU - der größte anzunehmende Unfall, der nicht mehr kontrollierbar ist. In den folgenden Tagen ziehen radioaktive Wolken über Europa hinweg. Auch Deutschland ist betroffen.

Bundes- und DDR-Regierung sehen keine Gefahr

Die sowjetischen Behörden vermelden den Unfall erst am 28. April, nachdem Schweden und Finnland stark erhöhte Strahlenwerte gemessen haben. Obwohl wenig über das Ausmaß des Unfalls bekannt wird, gibt sich die Bundesregierung gelassen: In einem Fernsehinterview mit der Tagesschau erklärt Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann (CSU), dass eine Gefährdung der deutschen Bevölkerung "absolut auszuschließen" sei. Es gebe keinen Anlass zu handeln. Eine Gefahr bestünde nur im Umkreis von 30 bis 50 Kilometern rund um den Reaktor. Die DDR-Bürger erfahren zunächst überhaupt nur aus den West-Medien von dem Unfall. Erst am 29. April erscheint eine erste kurze Meldung in der Zeitung. Mit Rücksicht auf den sozialistischen Bruderstaat versucht die DDR-Regierung, das Unglück und mögliche Gefahren herunterzuspielen.

Katastrophe trifft Regierungen unvorbereitet

Das Reaktorunglück trifft Ost und West gleichermaßen unvorbereitet. Auch in der Bundesrepublik gibt es keinen Notfallplan, keine gesetzlichen Vorgaben für Grenzwerte, keine offiziellen Empfehlungen, welche Maßnahmen zu treffen sind. Dass eine Katastrophe wie diese eintreten könnte, hatte man schlichtweg nicht für möglich gehalten - oder halten wollen.

Ein verrostetes Warnschild nahe dem ehemaligen Atomkraftwerk Tschernobyl © dpa Fotograf: Ricardo Marquina

Was passierte in Tschernobyl?

NDR Info - ZeitZeichen -

Überblick über den Ablauf der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl.

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In den folgenden Tagen steigen die Strahlenwerte in manchen Regionen auf alarmierend hohe Werte. Besonders betroffen sind Teile Süddeutschlands - dort waschen heftige Regenfälle die radioaktiven Stoffe aus der Atmosphäre. Aber auch auf dem ostfriesischen Norderney liegen sie an den Messstationen um das Siebzehnfache höher als im langjährigen Durchschnitt, im emsländischen Lingen gar um das 48-fache. Noch immer kein Grund zur Besorgnis? Darüber sind sich Wissenschaftler, Politiker und Medien uneins.

Viele Lebensmittel und Fahrzeuge strahlen

Da es keine einheitlichen Empfehlungen gibt, legt jedes Bundesland eigene Strahlengrenzwerte für Lebensmittel fest. Denn über Gemüse oder auch Kuhmilch gelangt die Strahlung auch in den menschlichen Körper. Basierend auf den Empfehlungen der Strahlenschutzkommission gibt auch die Bundesregierung Empfehlungen zu Grenzwerten heraus, die sich allerdings teils stark von denen einzelner Länder unterscheiden. So empfiehlt die Bundesregierung für Kuhmilch einen Grenzwert von 500 Becquerel pro Liter, Schleswig-Holstein setzt dagegen nur 50 Becquerel pro Liter an.

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An der innerdeutschen Grenze wurden Fahrzeuge, die aus dem Osten kamen, auf ihre Strahlenbelastung getestet.

Schleswig-Holstein lässt auch alle aus Osteuropa kommenden Lastwagen, Autos und Schiffe auf Radioaktivität prüfen: Etwa jedes 20. bis 25. Fahrzeug strahlt so stark, dass es dekontaminiert werden muss. Schiffe werden bereits auf hoher See zur Reinigung aufgefordert.

Unterschiedliche Empfehlungen

Auch die Empfehlungen, wie sich die Bevölkerung angesichts der Strahlung verhalten soll, variieren. In den Medien wird vielfach das Einnehmen von Jodtabletten empfohlen, was dazu führt, dass diese innerhalb weniger Tage in den Apotheken ausverkauft sind. Die Stadt Hamburg rät ihren Bürgern, bei Regen nicht nach draußen zu gehen. Niedersachsen empfiehlt Kleingärtnern, die oberste Bodenschicht in ihren Beeten abzutragen. Bauern sollen ihre Kühe von der Weide holen und Blattgemüse unterpflügen. Behörden empfehlen, Kinder nach dem Spielen im Freien abzuduschen, Klassenfahrten in die DDR oder in Ostblockländer werden abgesagt.

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Bauern wurde empfohlen, ihr verstrahltes Gemüse unterzupflügen.

Die Bundesregierung dagegen erklärt mit Berufung auf die Strahlenschutzkommission, dass das Spielen und Sporttreiben im Freien unbedenklich sei. Eine Auffassung, die wiederum manche Politiker und Wissenschaftler als verharmlosend und fahrlässig kritisieren. Die vielen unterschiedlichen Empfehlungen und Anweisungen tragen maßgeblich dazu bei, die Bevölkerung zu verunsichern.

Dosengemüse und H-Milch statt Frischprodukte

Auch die Berichterstattung in den Medien, die plötzlich voll ist mit Begriffen wie Becquerel, Millisievert, Caesium-137 und Jod-131, trägt zur Verunsicherung bei. So titelt die TAZ am 2. Mai 1986: "Misstraut den Offiziellen - auch wir können gefährdet sein". Auf die zunehmende Verwirrung reagiert die Bundesregierung mit einer Anordnung, nach der sich die Bundesländer an die Empfehlungen der Strahlenschutzkommission zu halten hätten - woraufhin viele Bürger auf Frischmilch und -gemüse lieber ganz verzichten und stattdessen zu H-Milch und Dosengemüse greifen.

Blick auf den am 26. April 1986 zerstörten Reaktor des Atomkraftwerkes Tschernobyl © dpa - Bildfunk

30 Jahre nach der Tschernobyl-Katastrophe

Hamburg Journal -

Nach der Atomkatastrophe in Tschernobyl wurde die Bevölkerung über die Auswirkungen auf unsere Lebensmittel im Unklaren gelassen. Nur die Verbraucherzentrale Hamburg gab Auskunft.

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