Stand: 23.10.2013 15:27 Uhr

"Pallas"-Havarie löst Ölpest aus

26. Oktober 1998: Ein führerloser Frachter steht in hellen Flammen - und treibt auf Sylt zu. Der Name des brennenden Geisterschiffes: "Pallas". Im schleswig-holsteinischen Wattenmeer bahnt sich eine Umweltkatastrophe an.

Die Havarie der "Pallas"

Eine Routinefahrt läuft aus dem Ruder

Als die "Pallas" am 20. Oktober den schwedischen Hafen Hudiksvall nördlich von Stockholm verlässt, ist die Lage an Bord des Frachtmotorschiffes aus Italien zunächst ruhig. Die "Pallas" soll 2.500 Tonnen Schnittholz von Schweden nach Marokko bringen. Das 147 Meter lange Schiff kämpft sich durch schweren Sturm und fünf Meter hohe Nordseewellen. Am 25. Oktober 1998, dem vierten Tag der Reise, bricht an Bord Hektik aus: Gegen 14.30 Uhr entdeckt die Besatzung, dass Rauch aus zwei Ladeluken dringt.

23.54 Uhr: Die "Pallas" sendet Mayday

Der Kapitän versucht den Brand zu ersticken, doch der Qualm aus dem Laderaum der "Pallas" wird stärker. Kurz vor Mitternacht gerät die Lage vollends außer Kontrolle. Um 23.54 Uhr sendet das Schiff den internationalen Notruf Mayday. Ein dänischer und ein deutscher Rettungshubschrauber machen sich auf den Weg zu dem lichterloh brennenden Frachter.

Riskante Rettung aus der Luft

Eine Rettung von Deck kommt nicht in Frage: Meterhohe Flammen und stürmische See behindern die Arbeiten. Die Besatzungsmitglieder steigen in ein Rettungsboot, das sich aber nicht richtig ausklinkt, kippt und gegen die Bordwand schlägt. Die Männer stürzen in die Nordsee, in der bereits brennende Teile der Ladung treiben. Ein Besatzungsmitglied wird schwer verletzt, der Schiffskoch stirbt an einem Herzinfarkt. Immer wieder seilen sich die Retter aus dem Hubschrauber ab, bis sie alle Crewmitglieder der "Pallas" an Bord der Helikopter gezogen haben.

Das brennende Geisterschiff strandet

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Mehrere Feuerlöschboote wie die "Kiel" bekämpfen den Brand auf der "Pallas".

Am Morgen des 26. Oktober wird den deutschen Behörden klar, dass der brennende Frachter auf Sylt zutreibt, ohne dass ein Schlepper in der Nähe ist. Am frühen Nachmittag erreichen vier deutsche Schiffe die havarierte "Pallas". Mit Wasser und Schaum aus Löschkanonen bekämpfen sie das offene Feuer. Zwei Schleppversuche scheitern, weil die Leinen reißen. Sturm aus West treibt den immer noch brennenden Frachter weiter in Richtung Küste. Im flachen Wasser können ihm die Schiffe der Helfer nicht mehr folgen. Am 29. Oktober strandet die "Pallas" südwestlich der Insel Amrum.

Keine Chance für Schlepper

Auch zwei englische Schlepper versuchen sich in den folgenden Tagen im Auftrag der Reederei an der Bergung. Knapp zwei Wochen nach der Havarie wird aber klar: Die "Pallas" hat einen Knick im Rumpf und einen Riss, aus dem Öl austritt. Freischleppen lässt sich das Wrack nicht mehr. 54 Grad 32 Minuten Nord, 8 Grad 17 Minuten Ost bleibt die endgültige Position des Frachters, der 756 Tonnen Treibstoff, Schwer- und Schmieröl gebunkert hat.

Öl auf 20 Kilometern Länge

Die Folgen der Havarie werden aus der Luft deutlich: Eine mehrere Hundert Meter breite Ölfahne schwappt auf knapp 20 Kilometern Länge auf der Nordsee. Erst driftet das Öl seewärts, dann erreicht es die Inselstrände - zunächst Amrum und Föhr, später Sylt und in geringerem Ausmaß die Halligen Hooge und Langeneß. Feuerwehrleute und unzählige freiwillige Helfer reinigen die Strände von Ölplacken und bergen ölverschmierte Vögel, Spezialschiffe dämmen das Öl auf See ein und pumpen es ab. Aus der Nordsee, aus dem Wrack und von den Stränden werden insgesamt 450 Tonnen Öl aufgenommen.

16.000 Seevögel verenden

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In dem ausgelaufenen Öl sterben rund 16.000 Seevögel, vor allem Eiderenten.

Erst Ende November ist die havarierte "Pallas" endgültig gelöscht. Das Nationalparkamt beziffert die Zahl der toten Seevögel auf 16.000: Hauptsächlich Eiderenten und Trauerenten sind Opfer des Öls geworden. Das Schiffsunglück hat damit das größte Vogelsterben an deutschen Küsten ausgelöst, das eine Ölpest je verursacht hat.

In den Laderaum des Wracks werden schließlich Tausende Kubikmeter Sand geschüttet. Ein Spezialbaustoff soll die Ölreste in Tanks und Maschinenraum binden. Fast 1.000 Tonnen Schüttsteine halten das Unglücksschiff an Ort und Stelle, acht Kilometer südwestlich von Amrum. Dort liegt es noch immer in rund sechs Meter tiefem Wasser. Von der Südspitze der Insel aus sind die Reste der "Pallas" bei klarer Sicht und Niedrigwasser mit bloßem Auge zu erkennen.

Die Katastrophe hat Konsequenzen

Das Schiffsunglück bleibt auch auf politischer Ebene nicht ohne Folgen. Ein Untersuchungsausschuss des Schleswig-Holsteinischen Landtags beschäftigt sich intensiv mit der Katastrophe. Sein Abschlussbericht aus dem Jahr 2000 umfasst mehr als 600 Seiten. Er kommt unter anderem zu dem Ergebnis, dass unklare Zuständigkeiten die Rettungsaktion verzögert haben. Eine Konsequenz: 2003 nimmt das Havariekommando als gemeinsame Einrichtung von Bund und Ländern seinen Dienst auf. Es koordiniert seitdem Rettungseinsätze bei Schiffsunglücken auf Nord- und Ostsee.

Karte: Hier liegt die "Pallas"
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