Stand: 09.11.2015 09:25 Uhr  | Archiv

Über die Mauer gesungen

von Daniel Kaiser

Der Hamburger Diether Schönfelder hat eine besondere DDR-Fluchtgeschichte. Als Mitglied des bekannten Dresdner Kreuzchores setzte sich der 18-jährige Schüler nach einem Konzert in den Westen ab.

West-Berlin 1979. Der weltbekannte Kreuzchor aus Dresden singt in der Berliner Philharmonie. Der 18-jährige Diether Schönfelder ist an diesem Abend besonders nervös. Der Tenor hat sich entschieden, nach dem Konzert gemeinsam mit einem Mitsänger zu fliehen. "Man hätte auch vorher verschwinden können", erzählt Schönfelder. "Aber es war eine Frage der Ehre, dass man das Konzert auf jeden Fall noch mitsingt."

Furcht vor Stasi-Mitarbeitern 

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Der Dresdner Kreuzchor tritt immer wieder im Westen auf, hier 1960 in Hamburg.

Nach dem Auftritt wird es ernst. Die Schüler ziehen sich um und machen sich für die Rückkehr in die DDR fertig. "Ich weiß noch, dass es am Künstlerausgang der Philharmonie links zum Bus zurück nach Ost-Berlin ging", erinnert sich Schönfelder, der jetzt in Hamburg lebt. Rechtsrum sei es zum Taxistand gegangen. "Und wir beide sind rechtsrum gegangen." Natürlich sind die beiden Schüler aufgeregt. Sie wissen von Stasi-Informanten in der Reisegesellschaft. "Wir waren uns aber relativ sicher, dass man uns in West-Berlin nicht in aller Öffentlichkeit den Arm um den Hals legen und in den Bus ziehen würde."

"Einmal bitte zum Bahnhof Zoo!"

Die beiden steigen mit heimlich zusammengesparten 14 D-Mark in ein Taxi und sagen zum Fahrer: "Einmal zur Polizeiwache am Bahnhof Zoo, bitte." Das sei der einzige Ort gewesen, den er als Ossi in West-Berlin gekannt habe, erklärt Schönfelder. Von dort geht es ins Notaufnahmelager in Berlin-Marienfelde. Die Geheimdienste der Alliierten verhören die beiden Schüler, um auszuschließen, dass sie DDR-Spione sind.

Die Eltern wussten von nichts

Diether Schönfelders Eltern im Erzgebirge sind zu diesem Zeitpunkt immer noch ahnungslos. "Ich habe meinen Eltern bewusst vorher nicht von meinen Plänen erzählt", erklärt Schönfelder, der inzwischen als Amtsleiter einer Hamburger Behörde arbeitet. Nach seiner Flucht am Freitagabend habe die Stasi schon am Sonnabendmorgen bei der Pfarrersfamilie mit zwei Sätzen vor der Tür gestanden: "Ihr Sohn ist im Westen geblieben. Wussten sie davon?" Da sei es besser gewesen, dass sie das ehrlich, offen und spontan verneinen konnten, begründet Schönfelder sein Schweigen.

Der Vater akzeptiert den Schritt

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Diether Schönfelder lebt heute in Hamburg.

Seinen Vater sieht der damals 18-jährige nur wenige Tage später wieder. Das DDR-Regime schickt den Pastor nach West-Berlin, um den Sohn zur Rückkehr zu bewegen. Doch auch ein Versprechen auf Amnestie und ein Studium können Diether Schönfelder nicht überzeugen. "Mein Vater hat meine Entscheidung respektiert, obwohl er anderer Meinung war", erinnert er sich. Für den evangelischen Pastor sei es selbstverständlich gewesen, in Verantwortung dort zu bleiben, wo man von Gott hingesetzt werde.

Der Mief von "Rosenwasser"

Ausschlaggebend für die Flucht war für den 18-jährigen eine Chorreise nach Tokio. Beim Rückflug in einer Aeroflot-Maschine stieg dem Jungen beim Einsteigen dieser ganz spezielle Duft in die Nase. "Das war der Geruch von 'Rosenwasser', mit dem die Aeroflot die Toiletten desinfizierte. Und das roch so durchdringend nach Osten." Schönfelder verzieht das Gesicht. "Manchmal steigt einem ein Lebensgefühl in die Nase. Und dieses Gefühl in meiner Nase sagte mir: Ich muss hier weg." Das Leben im Dresdner Internat des Kreuzchores sei zwar eine christliche und kulturelle Oase in der Diktatur gewesen, erinnert sich Schönfelder, dennoch habe er unter der geistigen Enge in der DDR gelitten. 

Reiseverbot für den Chor

Der Kreuzchor gehörte neben dem Leipziger Thomanerchor zu den wichtigsten DDR-Kulturexporten. Immer wieder kam es aber vor, dass sich Schüler bei West-Reisen absetzten, sodass der Kreuzchor lange als ideologisch unzuverlässig galt und ihm Auslandsreisen zwischenzeitlich untersagt wurden. Manche geflohenen Sänger gingen dann zum renommierten Windsbacher Knabenchor, der mit eigenem Internat so etwas wie eine West-Version der Thomaner und Kreuzianer wurde. "Wir hatten uns dort auch beworben, um das Abitur zu machen", erzählt Schönfelder, "haben uns aber dagegen entschieden. Das kleine Windsbach in Franken war uns einfach zu sehr 'in the middle of nowhere'", lacht er.

Fast allein im fremden Land

Nach der Flucht kommt Schönfelder erst bei Bekannten der Eltern in der Nähe von Freiburg unter, studiert dann zunächst Gesang und später Jura. Alles begann mit 18 in einem fremden Land. "Immerhin waren wir zunächst zu zweit. Und wir waren in einem fremden Land, das die eigene Sprache spricht. Das ist sehr viel einfacher als für einen 18-jährigen Syrer, der heute in Hamburg ankommt."

Folgen für die Familie in Kauf genommen

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Der Kontakt zu dem Freund von der Flucht ist über die Jahre eingeschlafen. Seine Eltern hätten ihm mittlerweile verziehen, sagt Schönfelder. Bei der Flucht musste er durchaus mit Konsequenzen für seine Familie rechnen. "Das habe ich in Kauf genommen. Rückblickend kann man vielleicht sagen, dass das zu leichtsinnig war", räumt Schönfelder ein. "Im Ergebnis hat es meiner Familie aber nicht geschadet. Meine Schwester durfte beispielsweise trotzdem studieren." Ein Verbot wäre eine übliche Reaktion des Staates auf Republikflucht eines Angehörigen gewesen.

Die richtige Entscheidung

Anfangs wollte noch ein Dritter mit in den Westen. "Der hat sich dann wegen seiner damaligen Freundin entschieden, nicht mitzukommen. Er blieb in der DDR." Doch kurze Zeit später sei die Beziehung zerbrochen, erzählt Schönfelder. "Mit 18 entscheidet man sich manchmal falsch", lächelt er. Diether Schönfelder ist sich allerdings sicher: Er hat sich damals richtig entschieden.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | 09.11.2015 | 07:48 Uhr