Stand: 22.01.2015 15:41 Uhr

Winter 1945: Hunderttausende flüchten über die Ostsee

von Dirk Hempel, NDR.de

Januar 1945: Auf breiter Front überschreitet die sowjetische Armee die deutschen Grenzen im Osten. Die abgekämpften deutschen Truppen, unter ihnen Jugendliche und alte Männer, haben dem Ansturm nichts entgegenzusetzen. Aus Angst vor Vergeltung für den Vernichtungskrieg der Wehrmacht begeben sich Hunderttausende Menschen in Ostpreußen, aber auch in Pommern und Schlesien auf die Flucht. Manche reisen sofort mit dem noch planmäßig verkehrenden Schnellzug ab, andere warten bis zum letzten Augenblick, auch, weil die NS-Behörden eine Flucht anfangs verbieten.

Nach wenigen Tagen ist der Fluchtweg abgeschnitten

Bild vergrößern
Bei Eis und Schnee kommen die Flüchtlinge nur langsam voran, viele sterben in der Kälte.

Überstürzt müssen die Menschen nun ihre Bauernhöfe und Gutshäuser verlassen. Sie fahren zumeist in Trecks mit hochbeladenen Planwagen und Schlitten oder gehen zu Fuß. Denn in Ostpreußen liegt hoher Schnee in diesen Januartagen. Das Thermometer fällt bis auf 25 Grad unter Null. Viele sterben unterwegs an Entkräftung. Vor allem kleine Kinder erfrieren bei den eisigen Temperaturen.

Schon nach zehn Tagen haben sowjetischen Panzer, die überraschend aus dem südliche Ostpreußen vorgestoßen sind, bei Elbing die Küste erreicht - wenige Kilometer vor Danzig. Dadurch ist der Fluchtweg nach Westen abgeschnitten. Der einzige Ausweg ist nun die weiter nördlich gelegene Strecke Richtung Ostsee, nach Königsberg, der Provinzhauptstadt, und weiter nach Pillau (heute Baltjisk). Der kleine Ort verfügt über zahlreiche Hafenbecken und liegt 50 Kilometer westlich an der Einfahrt ins Frische Haff.

Karte: Über diese Orte versuchten die Menschen zu flüchten

Der Hafen von Pillau wird zur letzten Rettung

Bild vergrößern
Einschiffung am Hafen von Pillau. Tiere, Wagen und Haushaltsgegenstände müssen die Flüchtlinge zurücklassen.

Dort beginnt in den letzten Januartagen die umfangreichste Rettungsaktion von Menschen über See aller Zeiten. Die Marine hat den Auftrag bekommen, die Soldaten der U-Bootschule auf Schiffen nach Westen abzutransportieren. Sie nehmen auch erste Zivilisten mit, Frauen mit kleinen Kindern und Schwangere. Immer mehr Menschen fliehen nun nach Pillau. Der kleine Ort mit seinen 12.000 Einwohnern ist bald überfüllt. Nicht alle der zeitweise bis zu 75.000 hungernden und frierenden Flüchtlinge können in Turnhallen, Kasernen, Kirchen oder Privatwohnungen untergebracht werden. Viele müssen im Freien übernachten. Vor den wenigen Bäckereien kämpfen die Menschen schon frühmorgens um Brot. Auf dem Friedhof werden die Toten im Freien um die Leichenhalle aufgeschichtet.

Ab dem 25. Januar laufen Schiffe ein, um Flüchtlinge aufzunehmen, Minensucher, Torpedoboote, Kreuzer, Schlepper, Eisbrecher, Fischdampfer, Kohlenfrachter und Kreuzfahrtschiffe. Nachdem die ersten Transporte noch geordnet ablaufen, Flüchtlinge in Listen erfasst und Schiffskarten ausgegeben werden, stehen die Menschen bald zu Tausenden am Hafen und warten auf Schiffe, oft tagelang. Andere setzen hier mit Fähren auf die Frische Nehrung über, einen schmalen Landstreifen zwischen Ostsee und Haff, der noch nicht von den Sowjets eingenommen ist und in Richtung Danzig und Pommern nach Westen führt.

Ansturm auf die wenigen Schiffe

Die Soldaten der Roten Armee sind nicht mehr weit entfernt, besetzen für einige Tage die Straße nach Königsberg, wo viele Bewohner den Ernst der Lage noch nicht erkannt haben und Kinder im Garten Schneemänner bauen. Zur gleichen Zeit versuchen die Menschen in Pillau immer wieder verzweifelt, die wenigen ankommenden Schiffe zu stürmen. Im Gedränge stürzen viele zu Boden, andere trampeln über sie hinweg. Kinder werden von ihren Müttern getrennt.

Soldaten versuchen den Andrang aufzuhalten. Sowjetische Flieger kreisen über der Stadt und bombardieren den Hafen. Dort bleiben Fahrzeuge aller Art zurück: Autos, Kutschen, Fuhrwerke, leere Kinderwagen, aber auch Pferde und Hunde. Im Wasser treiben große Koffer und Taschen. Bis Mitte Februar werden über den Pillauer Hafen mehr als 200.000 Menschen abtransportiert, 50.000 Flüchtlinge setzen hier zur Frischen Nehrung über. Oft bleibt der Schiffsraum aber auch dem Abtransport von Soldaten, Waffen und Militärfahrzeugen vorbehalten.