Stand: 17.01.2013 09:50 Uhr

November 1918: Die Revolution der Matrosen

von Helene Heise

"Die Hochseeflotte erhält die Weisung baldigst zum Angriff auf die englische Flotte vorzugehen" - diesen Befehl gibt die Marineführung am 24. Oktober 1918 aus. Die in Wilhelmshaven stationierten Schiffe der kaiserlichen deutschen Marine sollen am 29. Oktober auslaufen in eine letzte Schlacht mit der überlegenen Royal Navy. Kurz vor Kriegsende - die Reichsregierung verhandelt bereits mit den Alliierten über einen Waffenstillstand - soll die Flotte in den "ehrenvollen Untergang" geschickt werden.

Der Aufstand der Matrosen - die Revolution beginnt

Das Heer gibt den Krieg verloren

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Erbitterte Kämpfe aus Schützengräben prägten die Gefechte des Ersten Weltkriegs.

Dabei ist der Erste Weltkrieg längst entschieden: Nach endlosem Stellungskampf an der Westfront sind die deutschen Soldaten in den Schützengräben in Frankreich und Belgien erschöpft und kriegsmüde, die Armeeführung muss ihre Stellungen immer weiter zurückziehen. Bereits im Sommer 1918 hat die Oberste Heeresleitung die Situation als aussichtslos erkannt, Ende September fordert sie die Reichsregierung auf, über einen Waffenstillstand zu verhandeln. Die Öffentlichkeit wird von der Nachricht überrascht: Zuvor hatte die Propaganda stets verkündet, dass ein "Siegfrieden" noch immer möglich sei.

Symbol des Weltmachtanspruchs: Die deutsche Flotte

Die Marineoffiziere wollen ihre soldatische Ehre verteidigen. Gerade die Flotte, ganzer Stolz der deutschen Armee, hat nicht zu einer Entscheidung im Ersten Weltkrieg beitragen können - meist hatten die Panzerkreuzer und Korvetten im Hafen gelegen. Dabei hatten Wilhelm II. und sein Großadmiral Alfred von Tirpitz die Flotte in bewusster Konkurrenz zur britischen Marine aufgebaut, sie verkörperte wohl am deutlichsten den Weltmachtanspruch des deutschen Kaiserreichs: "Einen Platz an der Sonne" hatte der zu martialischen Gesten neigende Monarch gefordert - Kolonien und einen gleichberechtigten Status neben den Weltmächten England und Frankreich.

Meuterei gegen ein Himmelfahrtskommando

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In Wilhelmshaven befreien Soldaten und Matrosen ihre gefangenen Kameraden - und posieren vor den Toren des Gefängnisses.

Doch die einfachen Matrosen wollen nicht für den Ehrenkodex ihrer Offiziere in ein Himmelfahrtskommando auslaufen. Auf den Schlachtschiffen des I. und III. Geschwaders der Marine in Wilhelmshaven regt sich Widerstand: In der Nacht vom 29. auf den 30. Oktober löschen die Heizer die Heizkessel, die Matrosen verweigern die Befehle. Schnell erkennt die Marineleitung, dass an ein Auslaufen nicht zu denken ist. Die Mannschaften halten die Schiffe besetzt. Doch am 31. Oktober geben die Meuterer auf und lassen sich widerstandslos festnehmen.

Einen Teil der Gefangenen bringt die Militärführung im Gefängnis in Wilhelmshaven unter, einige Matrosen und Heizer schickt sie nach Kiel. Ein strategischer Fehler, wie sich bald herausstellt: In Kiel solidarisieren sich Schiffsbesatzungen und Dockarbeiter mit den Gefangenen. Aus der Befehlsverweigerung der Matrosen in Wilhelmshaven wird ein Aufstand in Kiel. Dort suchten die meuternden Matrosen bald den Kontakt zu Vertetern von SPD und USPD. Lothar Popp und Karl Artelt, beide Vertreter der USPD, übernehmen die Führung des inzwischen gegründeten Kieler Arbeiter- und Soldatenrates.

Als am 3. November Militäreinheiten auf einen Demonstrationszug in Kiel schießen, sterben sieben Demonstranten, 29 werden verletzt. Die Nachricht von den Schüssen auf die Matrosen verbreitet sich schnell. In den nächsten beiden Tagen erreicht sie alle Flottenstützpunkte an der Küste.

Reichsregierung versucht, den Aufstand einzudämmen

Die Reichsregierung in Berlin versucht, die beginnende Revolution unter Kontrolle zu halten. Der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Gustav Noske reist in Begleitung von Staatssekretär Conrad Haußmann nach Kiel. Die Arbeiter und Soldaten, die inzwischen Räte gebildet haben, begrüßen den SPD-Mann und wählen ihn am 5. November zum Vorsitzenden des Arbeiter- und Soldatenrates von Kiel. Mit Amnestieversprechen gelingt es ihm, den Aufstand einzudämmen.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 09.11.2000 | 19:20 Uhr

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