Stand: 24.09.2014 20:00 Uhr

Liebe(r) im Westen

von Inga Bork

Ihr Vater war einer der Wortführer der friedlichen Revolution in Rostock. Seine Predigten in der Marienkirche, die Donnerstagsdemos von Zehntausenden Rostockern, die Aufbruchstimmung im Herbst 1989 - das alles ist längst Geschichte. Doch für die älteste Tochter von Joachim Gauck sind es nur Geschichten. Denn die friedliche Revolution in Rostock hat Gesine Lange verpasst. Im "Atlas des Aufbruchs" erzählt sie ihre Geschichte.

Joachim Gauck an seine Tochter (27. Oktober 1989)

"Eine Wahnsinnszeit! Die Marienkirche noch voller als eine Woche zuvor: etwa 7.000 Menschen pressten sich in ihren Mauern ...Tausende standen um die Kirche ... So zogen ca. ab 22 Uhr an die 30.000 (!) Menschen los ... 'Alle schauten sich an: Ist das wirklich wahr? Gehe ich in meiner Heimatstadt als Demonstrant auf die Straße, ohne zu fragen? Tausende sagten: Das ich das noch erlebe!' Ich sagte es wie sie immer wieder."

"Ich war zur richtigen Zeit nicht am richtigen Ort!" Gesine Lange redet nicht lange drum herum. Gedankenverloren sitzt die sonst so fröhliche Frau in der Rostocker Marienkirche. In ihren Händen hält sie ein handschriftlichen Brief ihres Vaters. Geredet hat Gesine im Herbst 1989 kaum mit ihm: "Er war ständig unterwegs, hatte nur noch Zeit für die wichtigen Dinge." Und die spielen sich rund um die Marienkirche ab, als Joachim Gauck jeden Donnerstag für eine gewaltfreie Revolution und mehr Freiheit predigt. Doch da hört seine Tochter schon längst nicht mehr hin - wegen der Liebe.

"Die Liebe war mein Schlüssel zur Freiheit"

"Die Liebe war mein Schlüssel zur Freiheit", sagt Gesine rückblickend. Die Liebe zu einem jungen Mann aus Bremen, den sie Mitte der 1980er-Jahre im Rahmen einer kirchlichen Jugendfreizeit kennenlernt. Bremen und Rostock sind damals Partnerstädte. Aus offiziellen Treffen wächst etwas Privates: "So weit das eben ging an circa 30 staatlich genehmigten Besuchstagen pro Jahr. Unserer Treffen in Rostock wurden natürlich von der Stasi gefilzt, ebenso die Briefe. Die wollten prüfen, ob wir unsere Gefühle nur vortäuschen." Doch das erfährt Gesine erst Jahre später.

Wo Gott einen aussät, da soll man blühen

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Familienbande im Kameralicht: Gesine mit ihrem Vater Joachim Gauck.

Misstrauisch ist zunächst auch Joachim Gauck, als seine Tochter ihre Bremer Liebe gesteht. "Anfangs glaubte er wohl, dass ich mich nur vom schönen Schein des Andersseins blenden lasse." Doch Gesine meint es ernst, will ihren Bremer Freund heiraten und mit ihm zusammen leben. In Rostock. "Mein Spruch war damals immer: Wo Gott einen aussät, da soll man blühen." Doch Joachim Gauck rät seiner Tochter davon ab: "Weil man sich in Sachen Freiheit nicht rückwärts entwickeln kann, wie er immer sagte." Dabei hat Gauck schon seine beiden Söhne an den Westen verloren. Ausgereist 1987, weil sie als Pastorenkinder nicht studieren durften in der DDR. "Alle weg. Diese Ohnmacht. Diese Hilflosigkeit", schreibt sie damals in ihr Tagebuch. "Es ist wie Tod."

Vorfreude nur heimlich

Vorfreude auf ihr neues Leben in Bremen kommt im Frühjahr 1989 bei Gesine nur heimlich auf. "Zum einen, weil ich ja meine kleine Schwester zurücklassen musste, meine Eltern, alle meine Rostocker Freunde. Ständig hatte ich deswegen ein schlechtes Gewissen." Zum anderen, weil sie monatelang um die staatliche Heiratserlaubnis kämpft im Rostocker Rathaus: "Ich sollte meine gesamte Familiengeschichte aufschreiben: wer wo lebt, was arbeitet, auch ganz private Dinge."

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