Stand: 22.12.2014 16:00 Uhr  | Archiv

Ein Baudenkmal zum Staunen: Der Alte Elbtunnel

von Kathrin Weber, NDR.de

Ein riesiges Kuppeldach, drei imposante Steinportale mit Pfeilern und Giebeln: Auf den ersten Blick erinnert der Rundbau an den St. Pauli Landungsbrücken an ein Bauwerk der Antike. Doch in dem Gebäude an der Elbe verbirgt sich weder Tempel noch Kirche. Es bildet den Zugang zu einem Meisterwerk der Ingenieurbaukunst - dem Alten Elbtunnel. Zwei Treppen mit je 132 Stufen, vier hydraulisch betriebene Fahrkabinen für Fahrzeuge und zwei kleine Personenaufzüge führen 24 Meter in die Tiefe. Dort befindet sich der Eingang zu zwei hell gekachelten Röhren. Sie führen 426,5 Meter unter dem Wasser entlang nach Steinwerder auf die andere Elbseite.

Von St. Pauli nach Steinwerder

Der erste Flusstunnel Europas

Als der St. Pauli Elbtunnel am 7. September 1911 seinen Betrieb aufnimmt, ist er der erste Unterwassertunnel auf dem europäischen Kontinent und eine technische Sensation. Vier Jahre lang haben sich 4.400 Arbeiter durch den feuchten Modder unter der Elbe Stück für Stück vorangeschoben und unter schwierigen Bedingungen zwei Röhren mit je sechs Metern Durchmesser geschaffen. Dabei wurde das damals hochmoderne und noch heute genutzte Schildvortriebverfahren angewandt. Mit Schaufeln schafften Arbeiter vor einem großen hydraulisch angetriebenen Bohrschild Sand und Erde aus dem Weg. Danach stützten sie den so entstandenen Tunnel mit so genannten Tübbings. Das sind Stahlelemente, die zu einem Ring zusammengesetzt und anschließend vernietet, abgedichtet und verputzt wurden.

Risikoreiches Arbeiten bei Überdruck

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Vor dem Ein- oder Ausstieg in die Tunnelbaustelle mussten die Männer in einer Druckkammer ausharren.

Um das Eindringen von Wasser zu verhindern, wurden die Arbeiten bei Überdruck ausgeführt und die betroffenen Arbeiter und Ingenieure einem hohen gesundheitlichen Risiko ausgesetzt. Zwar wurden bereits Druckschleusen verwendet, in denen die Männer sich beim Ein- und Aufstieg an den Umgebungsdruck anpassen sollten, dennoch zeigten knapp 700 von ihnen leichte und schwere Symptome der so genannten Taucherkrankheit, drei starben daran. Das konnte auch das Ärzteehepaar Bornstein nicht verhindern, das 1909 für die Betreuung der Mannschaft eingesetzt wurde, denn damals hatte die Medizin noch wenig Erfahrung mit der Druckluftmedizin gesammelt.

Wichtiger neuer Verkehrsweg für die Stadt

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Für die Hafenarbeiter war der Tunnel wichtig, um zur Arbeit zu gelangen und wurde wie hier 1930 beim Schichtwechsel stark genutzt.

Nach der Eröffnung nutzen in Spitzenjahren bis zu 19 Millionen Menschen jährlich den Tunnel. Für viele Hafenarbeiter war er eine schnelle und kostenlose Möglichkeit, um von der Stadt zu ihren Arbeitsplätzen im Hafen und auf den Werften auf der anderen Elbseite zu gelangen. Bereits seit den 1870er-Jahren hatten die Stadtverantwortlichen über eine Alternative zum Fährverkehr nachgedacht, der an seine Kapazitätsgrenzen stieß und bei Nebel und Eisgang oft eingestellt werden musste. Der Senat zog sowohl eine Schwebefähre als auch eine Hochbrücke in Erwägung, verwarf aber beides aus Kostengründen und entschied sich 1902 für den Bau eines Tunnels. Vorbild war der Clyde Tunnel im schottischen Glasgow. Er war 1895 eröffnet worden, verband ebenfalls die Stadt mit dem Hafengebiet und verfügte auf jeder Seite über sechs Aufzüge.

Am 22. Juli 1907 begannen die Arbeiten. Zunächst entstanden an den Kopfseiten des Tunnels in Steinwerder und St. Pauli zwei Schachtgebäude, die später mit je vier Lastenaufzügen für Fuhrwerke und Fahrräder, zwei Personenfahrstühlen und Treppen ausgestattet wurden. Zum Betrieb der Aufzüge wurde in Steinwerder ein Kraftwerk errichtet. Drei Dieselgeneratoren lieferten den notwendigen Strom.