Stand: 19.12.2005 14:19 Uhr

Die Rettung mit den "Weißen Bussen"

von Britta Probol, NDR.de
Einige weiße Busse stehen heute im Frøslev-Museum in Dänemark.

In letzter Minute kam die Nachricht aus dem schwedischen Außenministerium: Sämtliche Fahrzeuge müssten weiß angemalt und mit einem roten Kreuz versehen sein, sonst würden die Alliierten nicht für eine sichere Durchfahrt garantieren. Zu diesem Zeitpunkt stand die erste Hälfte des Rotkreuz-Konvois bereits im Hafen von Malmö und wurde eingeschifft. Eiligst trommelte der Anführer beinahe die versammelte Malerinnung Malmös zum Hafen. "Noch auf der Fähre rüber nach Kopenhagen waren die dabei und malten die Busse an", erinnert sich der damals 24-jährige Sten Olsson. Der letzte Pinselstrich wurde über dem Öresund ausgeführt.

Der Organisator: Graf Folke Bernadotte

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Graf Folke Bernadotte (l.) organisierte im März 1945 die weißen Fahrzeuge für die Rettungsaktion.

Es war der 9. März 1945, als der Hilfseinsatz aus Schweden ins Rollen kam. Den Weg bereitet hatte Graf Folke Bernadotte. Der Neffe König Gustafs V. Adolf war Vizevorsitzender des Schwedischen Roten Kreuzes und hatte im IRK-Auftrag schon internationale Verhandlungen über den Austausch von Kriegsgefangenen betreut. "Und", fügt der Hamburger Historiker Michael Grill hinzu, "er sprach akzentfrei Deutsch." Das prädestinierte den blaublütigen Schweden, sich für die Internierten aus den besetzten Nachbarländern einzusetzen.

Während des Krieges hatten die Deutschen mehrere Tausend Polizisten, Juden und als "Widerständler" Qualifizierte aus dem besetzten Norwegen und Dänemark verschleppt. Mit dem Vorrücken der Alliierten wuchs bei den Skandinaviern die Sorge, dass die Deutschen die Konzentrationslager sprengen oder Massenexekutionen durchführen könnten. Niels Christian Ditleff, Repräsentant der norwegischen Exilregierung in Stockholm, regte deshalb im November 1944 beim schwedischen Außenministerium eine Rettungsaktion unter Rotkreuz-Führung an.

Ein Runenbuch als Gastgeschenk

Auf Beschluss der Regierung war Bernadotte Mitte Februar 1945 nach Berlin geflogen. "Im Gepäck hatte er einen Wälzer aus dem 17. Jahrhundert über schwedische Runeninschriften", so Historiker Michael Grill, "als Gastgeschenk." Gedacht war die Gabe für den einen in der NS-Führungsriege, der über ausreichend Einfluss verfügte und gleichzeitig Interesse an Verhandlungen zu haben schien: Reichsführer SS Heinrich Himmler. Sein Faible für Germanisch-Mythologisches hatte sich herumgesprochen.

Dem Gestapochef war seit Sommer 1944 klar, dass der Krieg auf deutscher Seite nicht mehr zu gewinnen war, und er strebte - auf eigene Faust, gegen Hitlers Willen - einem Separatfrieden mit den Westmächten an. Himmlers Hoffnung: Vielleicht könnte der international anerkannte Rotkreuz-Vize sich für ihn bei den Briten als Türöffner betätigen.

Erster Erfolg: Alle Skandinavier dürfen in ein Sammellager

Die Heilstätten Hohenlychen in der Uckermark waren am 19. Februar 1945 Schauplatz der ersten Zusammenkunft zwischen Bernadotte und Himmler. Sie verlief positiver als erwartet. Obwohl Himmler jede Verlegung von Gefangenen nach außerhalb Deutschlands verweigerte, stimmte er letztendlich dem Vorschlag zu, die skandinavischen politischen Gefangenen im Lager Neuengamme bei Hamburg zu sammeln und vom Schwedischen Roten Kreuz betreuen zu lassen. Allerdings, schränkte er ein, müssten die Schweden alle Transporte selbst organisieren, denn Deutschland verfüge nicht über genügend Fahrzeuge und Benzin. Und noch eins war Bedingung: absolute Geheimhaltung.

Innerhalb von nur zwei Wochen kurbelte Bernadotte in Stockholm die Hilfsaktion an. Währenddessen reiste er ein zweites Mal nach Berlin und handelte bei Gesprächen mit dem Leiter des Reichssicherheitshauptamtes Ernst Kaltenbrunner und Geheimdienstchef Walter Schellenberg aus, dass auch die skandinavischen Juden ins Sammellager gebracht werden durften.