Stand: 11.10.2017 07:53 Uhr

Der mysteriöse Tod Uwe Barschels

von Janine Kühl, NDR.de
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Polizeibeamte im Flur des Genfer Hotels "Beau Rivage". Dort wurde Uwe Barschel am 11. Oktober 1987 in seinem Zimmer tot aufgefunden.

Am 11. Oktober 1987 liegt Uwe Barschel tot in seinem Zimmer im Genfer Hotel "Beau Rivage". Einen Tag später hätte der 43-Jährige vor einem Untersuchungsausschuss aussagen sollen - kurz zuvor war er als Ministerpräsident von Schleswig-Holstein zurückgetreten. "Stern"-Reporter Sebastian Knauer entdeckt damals die Leiche in der Badewanne des Hotelzimmers. Gestorben ist Barschel an einem Mix aus Medikamenten. War es Selbstmord - oder gar Mord? Die Schweizer Polizei geht von einem Suizid aus - doch die Ermittler machen Fehler, wie sich herausstellt. Auch die Anstrengungen der deutschen Behörden führen zu keinem Ergebnis; sie stellen 1998 ihre Ermittlungen ein. Unter welchen Umständen der CDU-Politiker ums Leben kam, bleibt ungeklärt. Bis heute ranken sich zahlreiche Spekulationen um den Fall. Mehrere Zeitzeugen lieferten im Laufe der Jahre Erklärungsversuche, die sich aber bisher aufgrund fehlender Beweise nicht erhärten ließen.

Heinrich Breloer im Interview.

30 Jahre danach: Breloer über die Barschel-Affäre

Schleswig-Holstein Magazin -

Am 11. Oktober 1987 wurde Uwe Barschel tot in der Badewanne eines Genfer Hotels gefunden, bis heute ist vieles an dem Fall rätselhaft. Filmemacher Heinrich Breloer blickt zurück.

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Mossad-Agenten als Barschel-Mörder?

Der ehemalige Mossad-Agent Victor Ostrovsky behauptet in seinem Buch "Geheimakte Mossad", dass der israelische Geheimdienst Barschel getötet habe. Bei der Operation "Hannibal" sei es um geheime Waffengeschäfte zwischen dem Iran und Israel gegangen, die über Schleswig-Holstein gelaufen seien. Barschel habe sich der Abwicklung von Geschäften widersetzen wollen. Gestützt wird diese These vom ehemaligen iranischen Staatspräsidenten Abolhassan Bani-Sadr. Nach dessen Angaben sei Barschel im Iran in Waffengeschäfte mit Ahmad Chomeini, Sohn des Ajatollahs Chomeini, involviert gewesen.

Zeitzeuge

"Barschel wurde ermordet"

Nach Angaben des ehemaligen iranischen Regierungschefs Abolhassan Bani-Sadr war Uwe Barschel in illegale Waffengeschäfte verwickelt und wurde ermordet. Beweise hat er nicht. mehr

Ostrovskys Schilderung des Mordes an dem CDU-Politiker deckt sich zudem mit den toxikologischen Erkenntnissen des Schweizer Chemikers Klaus Brandenberger. Die Angehörigen Barschels hatten Brandenberger 1994 mit den Untersuchungen beauftragt. Er kam zu dem Ergebnis, dass Barschel zunächst durch die Verabreichung mehrerer Medikamente betäubt wurde, bevor ihm die tödliche Dosis eines Schlafmittels verabreicht wurde.

BND-Agent zufällig in Genf?

Eine weitere Spur führt zu Werner Mauss. Der BND-Agent hatte vom 10. auf den 11. Oktober 1987 ein Zimmer im "Beau Rivage" angemietet. Allerdings verbrachte er die Nacht nach eigenen Angaben nicht dort, sondern im Hotel "Richmond". Mauss gab an, sich wegen Verhandlungen im Zusammenhang mit einer Geiselnahme im Libanon in Genf aufgehalten zu haben. Dagegen erklärte der Schweizer Privatdetektiv Jean-Jacques Griessen, er habe in Mauss' Auftrag Zimmer im "Beau Rivage" mit Wanzen und Kameras präpariert. Griessen starb am 9. November 1992 an Herzversagen während des Besuchs bei einer Prostituierten. Nur wenige Stunden zuvor hatte er Journalisten gegenüber angekündigt, dass er sich mit Vertretern des Mossad und des BKA treffen wolle - und dass er um sein Leben fürchte, wie später der "Spiegel" berichtet.

Spielte die Stasi eine Rolle?

Ende der 1980er-Jahre kamen Spekulationen auf, das Ministerium für Staatssicherheit der DDR habe etwas mit Barschels Tod zu tun. Auch hier gab es Hinweise auf eine Verstrickung in Waffen- und Embargogeschäfte, die aber nie bewiesen werden konnten. Fest steht lediglich, dass Barschel Reisen in die DDR unternommen hat und Kontakte zu Stasi-Mitarbeitern pflegte. Insbesondere hielt er sich häufig in Rostock und Warnemünde auf, wie seine Fahrer bestätigten.

Zeitzeuge

Rätselhafte Fahrten in die DDR

Norbert Gansel, der ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete und Rüstungsexperte seiner Partei, spricht über seine Vermutungen zum Tod von Uwe Barschel. mehr

CIA: Angst vor Enthüllungen?

Die Aussage des südafrikanischen Waffenhändlers Dirk Stoffberg führte 1994 auf die Spur des US-amerikanischen Auslandsnachrichtendienstes CIA. Deren Direktor, der spätere US-amerikanische Verteidigungsminister Robert Gates, habe Barschel laut Stoffberg in Genf treffen wollen. Dabei sei es um Barschels Drohung gegangen, Waffengeschäfte auffliegen zu lassen. Kurz bevor er eine eidesstattliche Erklärung abgeben wollte, beging Stoffberg nach offiziellen Angaben Selbstmord. Der Lufthansa-Pilot, der zunächst bestätigte, dass Gates als Passagier nach Genf geflogen sei, verweigert inzwischen jegliche Aussage.

Selbstmord mit oder ohne Beihilfe?

Die Ermittler hielten zunächst eine Selbsttötung Barschels für wahrscheinlich. Später zogen sie auch in Erwägung, dass Barschel mit Hilfe einer weiteren Person Suizid verübt hat. Der Medikamentencocktail, an dem der Politiker starb, entspricht in weiten Teilen den Empfehlungen von Sterbehilfe-Organisationen. Ein möglicher Sterbehelfer könnte auch das Whisky-Fläschchen ausgespült haben, das die Spurensicherung ausgeleert und gesäubert im Hotelzimmer fand. Beweise fanden die Ermittler auch für diese These nicht.

Zeitzeuge
00:34

"Jemand hat Barschel geholfen"

Für den damaligen "Spiegel"-Redakteur Hans Leyendecker deuten die Indizien im Fall Barschel darauf hin, dass jemand dem Politiker dabei geholfen hat, Selbstmord zu begehen. Video (00:34 min)

Ermittler finden DNA-Spuren

Im Juli 2012 wurde bekannt, dass die Lübecker Staatsanwaltschaft Kleidungsstücke des Politikers mit aktuellsten Methoden auf DNA-Spuren untersuchen ließ. Dabei stellten Spezialisten des Kieler Landeskriminalamtes fest, dass Barschel vor seinem Tod von mindestens einer anderen Person berührt worden sein muss. Allerdings sei das Material "zu schwach" für weitere Ermittlungen, hieß es von Seiten der Staatsanwaltschaft. Es reiche nicht aus, um es mit Informationen in der DNA-Datenbank des Bundeskriminalamtes abzugleichen.

Buch zum 30. Todestag

Zum 30. Todestag legt sich ein weiteres Buch auf Mord fest. Der Titel: "Im Spinnennetz der Geheimdienste. Warum wurden Olof Palme, Uwe Barschel und William Colby ermordet?" Die Autoren sind der Kieler Journalist Patrik Baab und der amerikanische Politologe Robert E. Harkavy. Sie bringen Barschels Fall mit dem Tod des früheren schwedischen Ministerpräsidenten und eines Ex-CIA-Chefs in Zusammenhang. "Heute ist klar: Uwe Barschel hatte Kontakt zum US-Geheimdienst", heißt es in dem Buch, das unzählige Hintergründe und Details über Barschel bündelt.

Hintergrund

Der Fall Barschel: Polit-Skandal und Tod

Einen Tag vor der Schleswig-Holstein-Wahl am 13. September 1987 platzt die Bombe: SPD-Kandidat Engholm wurde im Wahlkampf ausspioniert. Wusste Ministerpräsident Barschel davon? mehr

mit Video

Vor 30 Jahren: Barschel-Affäre erschüttert die Republik

Am 12. September 1987 platzt die Bombe: SPD-Spitzenkandidat Engholm wurde im Kieler Wahlkampf bespitzelt. Sein CDU-Kontrahent Barschel beteuert, davon nichts gewusst zu haben. mehr

Barschel-Tod: Keine Aufklärung durch DNA-Spuren

Mit modernen Analysemethoden versuchten Behörden, der Wahrheit über Uwe Barschels Tod näher zu kommen. Doch auch neue DNA-Spuren bringen 2012 kein Licht in den Fall. mehr

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Barschel-Affäre: Beteiligte erinnern sich

06.09.2012 06:49 Uhr
NDR Info

Die Barschel-Affäre gibt auch ein Vierteljahrhundert später Rätsel auf. Menschen, die damals in Kiel in Presse und Politik aktiv waren, erinnern sich. Audio (03:00 min)

Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 08.10.2017 | 19:30 Uhr

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