Stand: 30.04.2008 12:17 Uhr

Der Siegeszug der Schallplatte

von Cornelia Wumkes
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Mit der Erfindung von Schallplatte und Grammophon ging ein alter Wunsch der Menschheit in Erfüllung: Sprache zu konservieren.

Jahrhundertelang haben Menschen davon geträumt, die Stimme oder andere Klänge aufzuzeichnen und wiederzugeben. Sie haben es geschafft. Doch bis zur Serienproduktion von Schallplatten war es ein sehr langer Weg. Ende des 16. Jahrhunderts denkt Giovanni Battista della Porta, ein italienischer Naturwissenschaftler, darüber nach, das gesprochene Wort zu konservieren, scheitert aber an den vorhandenen technischen Möglichkeiten.

Etwa 200 Jahre später, im Jahr 1777, erzählt der Dichter Gottfried August Bürger die Geschichte vom eingefrorenen Posthorn, das beim Auftauen in einer warmen Stube Töne abgibt, die der Postillion bei eisiger Kälte zuvor hineingeblasen hat. Doch auf die ersten Erfolge der Tonaufzeichnung muss die Menschheit noch etwa 100 Jahre warten.

"Hello" - der erste Schritt ist getan

Auf der Weltausstellung in Paris stellt der französische Dichter und Philosoph Charles Cros 1867 einen automatischen Telegrafen vor, der noch keine Töne aufzeichnen kann. Zehn Jahre später, am 18. Juli 1877, gelingt es Thomas Alva Edison zum ersten Mal, die menschliche Stimme aufzuzeichnen und wiederzugeben. Dafür benutzt er eine Membran, die mit einer Nadelspitze versehen ist, zieht sie über einen mit Paraffin überzogenen Papierstreifen und spricht dabei laut "Hello" in die Membran. Als er die Nadel wieder über den Papierstreifen zieht, kann er sein Wort leise hören.

Edison und Berliner forschen um die Wette

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Die Schallplatte, die Berliner 1887 erfand, bestand aus Zink.

Fast zeitgleich arbeitet der in die USA ausgewanderte Deutsche Emil Berliner daran, Töne aufzuzeichnen und wiederzugeben. Er baut ein Gerät, das Schallwellen in horizontale Bewegungen einer Nadel umsetzt. Die mechanischen Schwingungen lässt er in eine mit Ruß überzogene Glasplatte einritzen. Ist der Ruß hart geworden, stellt Berliner von der Platte ein Zink-Positiv und davon ein Zink-Negativ her. Dieses Negativ kann er als Stempel für die Pressung beliebig vieler Positive nutzen. Berliner lässt sich seine Idee 1887 patentieren.

Er ersetzt die rußbeschichtete Glasplatte durch eine Zink- oder Kupferplatte, die er mit Wachs überzieht. Und er entwickelt ein Gerät, um die Platte abzutasten und die Töne hörbar zu machen. Im Mai 1888 stellt er der Öffentlichkeit Schallplatte und Grammophon vor.

Die Puppenfabrik Kämmer und Reinhardt in Thüringen produziert 1890 die ersten handbetriebenen Plattenspieler in Deutschland. Emil Berliner experimentiert weiter und findet heraus, dass vulkanisiertes Hartgummi als Pressmaterial für die Platten am besten geeignet ist. Eine Serienproduktion scheint ihm in greifbarer Nähe. Doch bis es so weit ist, vergehen noch einige Jahre.

Schellack bringt den Durchbruch

Auch die Verwendung von Hartgummi für die Herstellung der Schallplatten gibt Berliner bald auf. Er steigt um auf eine in den USA hergestellte Pressmasse, die im wesentlichen aus Schellack besteht. Mit Hilfe von Schellack und verschiedenen Mineralsubstanzen lässt sich eine Materialmischung erzeugen, die leicht zu formen und haltbar ist. Etwas Ruß macht die schwarze Farbe.

Anlaufschwierigkeiten in den USA

Die von Emil Berliner 1889 gegründete American Gramophone Company bricht bald zusammen. Im April 1893 macht er mit den Brüdern Gaisberg einen zweiten Versuch und gründet die United States Gramophone Company. Sitz ist Washington. Die Firma produziert einige Schallplatten und Grammophone, gerät aber bald in finanzielle Schwierigkeiten. Es gelingt Berliner, Investoren aus Philadelphia von seinen Ideen überzeugen. So entsteht die Berliner Gramophone Company, an der Berliner selbst nur einige Anteile hält. Die Fertigung von Platten und Abspielgeräten kann endlich beginnen. Einige Quellen behaupten, dass bis zum Herbst 1894 etwa 25.000 Schallplatten und 1.000 Abspielgeräte die Fabrik verlassen.

1898 Gründung der Deutschen Grammophon

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In der Brühlstraße 27 in Hannover erinnert heute ein Schild an den ehemaligen Bewohner Joseph Berliner.

Am 6. November 1898 gründen Emil und sein Bruder Joseph Berliner in Hannover die Deutsche Grammophon GmbH. In der Kniestraße werden erstmals Schallplatten in Serie produziert. In Großbritannien schafft sich Emil Berliner ein zweites Standbein und beteiligt sich an der Gründung des Unternehmens The Grammophone and Typewriter Company Ltd. Die Gründe für den Gang nach Großbritannien sind nicht zweifelsfrei belegt. Offenbar bekamen Emil und Joseph Berliner bei Banken nicht genügend Geld zusammen. Jedenfalls wurde die britische Firma Muttergesellschaft der Deutschen Grammophon GmbH, die weiterhin Schallplatten produzierte.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | 20.05.2005 | 11:40 Uhr

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