Stand: 19.11.2017 06:45 Uhr

Vor 30 Jahren: Frieden für die Hafenstraße

Es beginnt völlig unspektakulär im Herbst 1981: Einige Hamburger Studenten und Autonome beschließen, leerstehende Wohnungen in der Hafen- und Bernhard-Nocht-Straße zu besetzen. Bisher waren sie dort normale Mieter, denn es bestand ein pauschaler Vertrag mit dem Studentenwerk. Doch jetzt plant die Stadt, die über die kommunale Wohnungsbaugesellschaft SAGA Eigentümer der Gebäude ist, den Abriss. Es ist der Auftakt zu einem jahrelangen Häuserkampf, der die Hamburger Hafenstraße bundesweit bekannt macht und immer wieder für Schlagzeilen sorgt.

Männer löschen ein Feuer in der Hamburger Hafenstraße. © Günter Zint Fotograf: Günter Zint

Hamburg damals: Die Hafenstraße

Hamburg Journal -

In den 80er-Jahren wird die Hafenstraße in Hamburg zum Brennpunkt. Hausbesetzer und Polizei liefern sich regelrechte Schlachten. Ein Blick zurück.

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Schleichende Besetzung

Der Konflikt dreht sich um insgesamt zwölf Häuser, gebaut um das Jahr 1900, mit schmucken Fassaden und Blick auf die Elbe. Allerdings sind die Gebäude, die am Hafen zwischen Reeperbahn und Landungsbrücken liegen, völlig heruntergekommen und sanierungsbedürftig. "Es begann damals ganz schleichend", erinnert sich Rasmus Gerlach, Dokumentarfilmer und Zaungast der Ereignisse. "Die wirkliche Besetzung fand erst im Zuge einer Silvesterfeier statt. Die bisherigen Bewohner beschlossen, ihren Anspruch auf das ganze Areal auszuweiten, weil absehbar war, dass es sonst abgerissen wird. Es ging darum, die Häuser zu retten."

Bewohner fordern Selbstverwaltung statt Abriss

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Die Bewohner sanieren die Häuser und fordern ein Recht auf Selbstverwaltung ein.

Bemerkt werden die illegalen Bewohner tatsächlich erst im Frühjahr 1982. Sofort stellt die SAGA Strafantrag und lässt die Häuser polizeilich räumen. Doch keine zwei Tage später werden die Bauten erneut "instandbesetzt". In einem offenen Brief an den damaligen Bausenator Volker Lange fordern die Besetzer das "Recht auf Selbstverwaltung“, um die Häuser zu erhalten. Ein offizielles Gutachten bestätigt, dass die Kosten für den Erhalt deutlich unter denen von Neubauten stehen, doch die Stadt will weiterhin einige der Häuser abreißen.

Es beginnt ein jahrelanges Tauziehen: Immer wieder will der Hamburger Senat die Häuser räumen und abreißen lassen, die Bewohner fordern dagegen einen Nutzungsvertrag für alle Häuser. Doch alle Verhandlungen scheitern zunächst. 1983 erhalten die Bewohner einen befristeten Nutzungsvertrag, doch die Konflikte halten an. Die Polizei lässt Wohnungen räumen, Solidaritätsdemos enden mit teils gewalttätigen Ausschreitungen.

"Chaos-Sightseeing" an der Hafenstraße

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Die bunt bemalten Häuser sind bald über die Stadtgrenzen hinaus bekannt - und finden sogar auf Hafenrundfahrten Erwähnung.

Über Jahre flammen die Streitigkeiten immer wieder neu auf. Für manchen Hamburger wirkt die Hafenstraße fast wie ein rechtsfreier Raum, der Angst macht: Man beobachtet sie aus sicherer Entfernung und schüttelt den Kopf. Hafenrundfahrten nehmen die Häuserzeile mit ins Touristen-Programm - "Chaos-Sightseeing" aus der Ferne. "Die Hafenstraße war eine Wunde in der Stadt", erinnert sich der damalige Bürgermeister der Hansestadt, Klaus von Dohnanyi (SPD).

Straßenschlachten und Abrissdrohungen

Diese "Wunde" macht deutschlandweit von sich reden, die Hafenstraße avanciert zur berühmtesten Häuserfassade der 80er-Jahre. Sie wird zum Anziehungspunkt für Punks, Alternative und Aussteiger. Die kreativ bemalten Häuser mit Symbolen wie der schwarz-rot-goldenen Banane als Persiflage auf den Staat, der schwarzen Katze auf rotem Stern und der Aufschrift "Keine Macht für Niemand" sollen den für Wunsch nach Freiheit symbolisieren. Doch die Hafenstraße steht auch für rohe Gewalt - sowohl von Seiten der Staats als auch der Bewohner: Straßenschlachten, Festnahmen, Hausdurchsuchungen, erneute Abrissdrohungen, Verdacht auf RAF-Verbindungen und Barrikaden-Kämpfe.

Ende 1986: Die Lage eskaliert

Ende 1986 erreicht die Konfrontation zwischen Polizei und Besetzern einen vorläufigen Höhepunkt. Nach mehreren Straßenschlachten ziehen am 20. Dezember 12.000 Menschen durch die Hamburger Innenstadt. "Solidarität mit der Hafenstraße. Keine Räumung, kein Abriss. Schluss mit dem Polizeiterror" lauten die Parolen der Stunde. Hunderte schwarz vermummte Autonome stehen Hundertschaften einsatzbereiter, mit Helm und Schlagstock ausgerüsteter Polizisten gegenüber.

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1986 bekunden 12.000 Menschen ihre Solidarität mit der Hafenstraße.

Die Situation eskaliert, es kommt zu schweren Auseinandersetzungen und vielen Verletzten. Der NDR konstatiert am 22. Dezember in Hamburg Aktuell: "Eine Schlagstock-Attacke und Reizgas der Polizei zu einem Zeitpunkt, als auch der potenziell militante Teil der Demonstration friedlich war. Das wurde von allen Teilnehmern als Bruch der Absprachen empfunden."

Senat droht mit Räumung

"Wir alle hatten das Gefühl: Es gibt Tote, wenn sie jetzt räumen", erinnert sich Gerlach. Es ist eine brandgefährliche Patt-Situation zwischen Hausbesetzern und Staatsmacht. 1987 schwelt der Konflikt weiter, ein Angebot des Mäzens und Sozialhistorikers Jan Philipp Reemtsma, die Häuser für den symbolischen Kaufpreis von einer Mark zu übernehmen und so die Stadt aus dem Konflikt herauszuholen, lehnt der Senat im Mai ab. Als der damalige SPD-Fraktionschef Henning Voscherau im November 1987 die Verhandlungen über einen Pachtvertrag für gescheitert erklärt und erneut mit Räumung droht, machen sich die Bewohner für den Häuserkampf bereit: Sie bauen Stahltüren ein, verbarrikadieren Fenster, sichern die Dächer mit Nato-Draht ab. Der Piratensender "Radio Hafenstraße" heizt die Stimmung zusätzlich an und ruft dazu auf, den Stadtteil und die Innenstadt zu besetzen.

Dohnanyi "verpfändet" sein Amt

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Gegen den Willen der eigene Partei forciert Klaus von Dohnanyi (Mitte) eine friedliche Lösung.

Innensenator Alfons Pawelczyk lässt im Gegenzug Tausende Polizisten zusammenziehen. Eine friedliche Lösung scheint kaum noch mehr erreichbar. Da beschreitet Hamburgs Erster Bürgermeister Klaus von Dohnanyi - auch gegen den Willen der eigenen Partei - einen ungewöhnlichen Weg: Am 17. November 1987 "verpfändet" er sein Amt und gibt sein "politisches Ehrenwort", dass es eine vertragliche Lösung für die Bewohner geben werde, wenn die illegalen Straßensperren abgebaut werden - mit Erfolg: Nach einem 24-stündigen Ultimatum fallen die Barrikaden. Die Räumung der Hafenstraße bleibt aus. Am 19. November unterschreiben Stadt und Bewohner einen 22-seitigen Pachtvertrag zur Nutzung der Häuser. Für diesen "beispielhaften Beitrag zur Befriedung und Konfliktbewältigung" wird Dohnanyi mit der Theodor-Heuss-Medaille geehrt.

1995: Gründung einer Genossenschaft

Danach kommt es immer wieder zu kleineren Reibereien, doch eine größere Eskalation zwischen Bewohnern und Stadt bleibt aus. 1995 verkauft die Stadt Hamburg die Häuser schließlich an eine eigens gegründete Genossenschaft "Alternativen am Elbufer". In den Folgejahren übernehmen die Bewohner einen großen Teil der notwendigen Sanierungsarbeiten. Inzwischen ist es ruhig geworden um die Hafenstraße, laut Gerlach "dem einzigen Utopieversuch der bundesrepublikanischen Linken, der bis heute überlebt hat." Die Häuser gelten nun vor allem als besonders buntes und alternatives Quartier des Szene-Stadtteils St. Pauli. Ohne die Besetzung 1981 wäre davon nichts mehr übrig.


20.11.2017 14:45 Uhr

Hinweis der Redaktion: In einer vorherigen Version des Artikels wurde als Bausenator fälschlicherweise Rolf Lange statt Volker Lange genannt. Rolf Lange war ab 1984 bis 1986 Hamburger Innensenator.

Der Streit um die Hafenstraße

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Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 05.05.2012 | 19:30 Uhr

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