Stand: 30.11.2009 14:38 Uhr

Das Ende der "Todesautomaten" in der DDR

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Außer Dienst: Eine Selbstschussanlage hängt in einer Ausstellung in Lübeck.

Es ist ein Ende auf Raten: Mehr als ein Jahr dauert der Abbau der "Todesautomaten", wie sie im Westen genannt werden. Am 30. November 1984 montiert die DDR die letzte Selbstschussanlage an der innerdeutschen Grenze ab, nördlich der Autobahn Hamburg-Berlin bei Gudow an der heutigen Landesgrenze von Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern. SED-Generalsekretär Erich Honecker hatte am 5. Oktober 1983 öffentlich den vollständigen Abbau der rund 60.000 Selbstschussanlagen angekündigt. Bis Ende des Jahres 1984 sollen sie entfernt sein.

Die DDR-Führung setzt mehr als eine Dekade lang auf die Selbstschussanlagen. Im Fachjargon heißt die Vorrichtung SM-70. Die Abkürzung SM steht für Splittermine, die Zahl 70 für das Einführungsjahr 1970. Ziel ist, "Grenzdurchbrüche" in die Bundesrepublik zu unterbinden. Die "Unverletzlichkeit der Grenze" stellt für die DDR-Führung eine vorrangige politische Aufgabe dar. Es gilt die Überzeugung, dass jeder erfolgreiche Fluchtversuch politischen Schaden für die DDR bringe.

An Rehen erprobt

Im Oktober 1970 gibt der Chef der Grenztruppen den Befehl, die Splittermine zu erproben. Diese "versuchsweise Einführung" erfolgt auf einer Länge von etwa 15 Kilometern. Als Versuchsobjekt dienen Tiere. Die Erprobung verläuft aus Sicht der DDR zufriedenstellend: Das von Splitterminen beschossene Wild erleidet zu 75 Prozent tödliche Verletzungen. Das Ministerium für Nationale Verteidigung schlussfolgert: Der mit SM-70 ausgebaute Sperrzaun habe sich "als wirksame Grenzsicherungsanlage erwiesen".

Nicht in Ortschaften

Besonders ausgebildete Pionier-Einheiten beginnen 1971, entlang der Grenze die neue Sperranlage 501 zu errichten - einen drei Meter hohen Streckmetallgitter-Zaun, an dem in drei verschiedenen Höhen Selbstschussanlagen angebracht werden. "Die Splitterminen wurden dort installiert, wo der Grenzverlauf für die Truppen unübersichtlich war oder dort, wo die Mannschaftsstärke nicht ausreichte, um einen bestimmten Grenzabschnitt zu sichern", erklärt Frank Stucke von der Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn im Gespräch mit NDR.de. Dabei habe es folgenden Grundsatz gegeben: "Die Splitterminen wurden niemals in Ortschaften oder in deren Nähe aufgestellt."

Honecker trifft die Entscheidung

Den Tod von Flüchtlingen durch die Selbstschussanlagen nimmt die DDR-Führung in Kauf. "Die kinetische Energie der Splittermine reicht aus, um mit Sicherheit Personen unschädlich zu machen, die versuchen, den Sperrbereich der SM-70 zu durchbrechen", heißt es in einem Schriftstück des Ministeriums für Nationale Verteidigung vom 17. August 1971. Aber es gibt auch Bedenken gegen die Splitterminen. Im Führungsgremium des DDR-Verteidigungsministeriums kommt im Dezember 1971 die Frage auf, ob die Minen nicht eine politisch ungünstige Reaktion des Westens hervorrufen können - und ob es unter diesem Gesichtspunkt nicht vorteilhafter sei, Minen mit einer verringerten Wirkung zu entwickeln und einzusetzen.

Verteidigungsminister Heinz Hoffmann schlägt vor, in dieser Frage Erich Honecker als Ersten Sekretär des SED-Zentralkomitees entscheiden zu lassen. Anfang Januar 1972 teilt Hoffmann dem Führungskreis die Antwort Honeckers mit: Die Splittermine soll wie gehabt aufgebaut werden.

100.000 DDR-Mark für einen Kilometer

Bis 1977 ist die Splittermine auf rund 270 Kilometer Länge montiert, 1983 erreichen die Sperranlagen mit den Selbstschussapparaten eine Gesamtlänge von mehr als 400 Kilometern. Die innerdeutsche Grenze hat insgesamt eine Länge von knapp 1.400 Kilometern. Die Installation der Splitterminen kostet nach DDR-Angaben je Kilometer Staatsgrenze etwa 100.000 DDR-Mark. An der Grenze rund um West-Berlin gibt es keine Selbstschussanlagen.

Wie funktioniert eine Selbstschussanlage?

Die Splitterminen sind stets auf DDR-Gebiet am Grenzzaun angebracht. Der Minenkörper besteht aus einem dünnwandigen Aluminium-Blechkegel, gefüllt mit dem Sprengstoff TNT und mindestens 100 Stahlgeschossen, die einen Durchmesser von gut vier Millimeter haben. An jeder SM-70 sind drei horizontale Drähte angebracht. Der obere und der untere sollen verhindern, dass Vögel den Mechanismus auslösen. Wird der mittlere Draht beim Versuch, sich dem Zaun zu nähern oder ihn zu übersteigen, berührt oder durchtrennt, schließt sich ein Stromkreis: Es kommt zur Explosion, die Stahlsplitter werden mit großer Wucht verschossen. Zugleich alarmiert ein Signal die Grenztruppen. Die Geschosse können bis zu 120 Meter weit fliegen. Auch Verletzungen an Armen oder Beinen können tödlich sein, da die Opfer verbluten.

Dieses Thema im Programm:

21.10.2009 | 19:30 Uhr

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