Stand: 13.04.2015 14:15 Uhr

Die letzten Tage des KZ Bergen-Belsen

von Britta Probol

Richard Dimbleby berichtete während des Zweiten Weltkriegs für die BBC von der Front. Mit seinen "War Reports" hatte er den Radiohörern daheim schon das Geschehen an Schauplätzen wie Afrika, der Normandie, selbst an Bord von Kampfbombern der Royal Air Force nahe gebracht. Am 17. April 1945 begleitete er britische Soldaten in ein Konzentrationslager, das zwei Tage zuvor befreit worden war: Bergen-Belsen, 16 Kilometer nördlich von Celle in Niedersachsen.

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Als britische Truppen im April 1945 das KZ Bergen-Belsen erreichten, stießen sie auf Massengräber mit Hunderten Toten.

Dimbleby war ein geschätzter und routinierter Kriegsreporter - doch seinen Bericht aus dem Lager kassierte die BBC zunächst ein: Für die Sendeleitung klangen die Beschreibungen zu unglaublich, ja schlichtweg unglaubwürdig. Erst mit 24 Stunden Verzögerung - Dimbleby hatte inzwischen seine Kündigung angedroht - ging der Report schließlich doch über den Sender. Jenseits des Ärmelkanals wurde er zu einem der berühmtesten in der Rundfunkgeschichte. Der letzte Satz blieb haften im Ohr: "Dieser Tag in Belsen", so Dimbleby, "war der schrecklichste in meinem Leben."

Bilder aus Bergen-Belsen schockieren die Welt

Der Name Bergen-Belsen sollte für lange Zeit in der britischen Holocaust-Wahrnehmung weit vor Auschwitz rangieren. Denn das Konzentrationslager in Niedersachsen ist das einzige, das von britischen Truppen befreit wurde. Und es ist eines der wenigen, das die SS nicht zuvor evakuiert hatte. Was das Grauen von Bergen-Belsen noch heute so gegenwärtig macht, sind die Bilder und Tondokumente aus dem völlig überfüllten und verwahrlosten Lager, die britische Fotografen und Kamerateams nach der Befreiung eingefangen haben. Bilder von ausgemergelten Menschen in zerlumpter Häftlingskleidung, von lebenden Skeletten mit leerem Blick und von Leichnamen, nackt im Staub liegend oder zu Halden aufgestapelt - Bilder, die die Weltöffentlichkeit schockierten.

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Kampflose Übergabe

Am 15. April 1945, nachmittags um drei, erreichten britische Streitkräfte des 63. Panzerabwehrregiments unter Oberst Taylor das Konzentrationslager in der Südheide. Vorausgegangen war ein lokales Waffenstillstandsabkommen, eingefädelt auf Anordnung des Reichsführers SS Heinrich Himmler - ein bis dato einmaliges Ereignis im Kriegsverlauf. Eine Zone von 48 Quadratkilometern rund um das KZ wurde neutralisiert und die SS zog vereinbarungsgemäß drei Viertel des Personals ab: Rund 250 Wachleute machten sich unbehelligt aus dem Staub. Nur rund 50 Mann aus der Verwaltung und 30 Aufseherinnen blieben zurück, darunter der neue Lagerkommandant seit Dezember 1944, SS-Hauptsturmführer Josef Kramer. Sein vormaliger Wirkungsbereich war Auschwitz-Birkenau gewesen. Deutsche Infanterie und ein ungarisches Regiment ersetzten - mit weißen Armbinden versehen - die SS-Wachmannschaften. Laut dem Abkommen sollten diese Soldaten nach der Übergabe frei zu den deutschen Linien abziehen.

Unklar bleibt, was Himmler zum Befehl der kampflosen Übergabe bewogen hatte. Doch eine maßgebliche Rolle spielte offenbar die Seuchengefahr. Unter den entkräfteten Lagerinsassen grassierten Ruhr, Bauchtyphus und Tbc. Vor allem wütete seit rund zwei Monaten eine Fleckfieberepidemie, die täglich mehr Opfer forderte. Dadurch war weder an eine Verteidigung noch an eine Räumung des Lagers zu denken.

Zum Jubeln zu schwach

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Das kleine Krematorium von Bergen-Belsen reichte nicht aus, um die vielen Toten zu verbrennen.

Als Captain Derrick Sington, Führer einer britischen Propagandaeinheit, per Lautsprecherwagen im Lager dessen Übernahme durch die Engländer verkündete, war er zunächst auf Jubel eingestellt - und nicht auf "die nur halbgläubigen Hochrufe dieser fast verlorenen Männer". Doch "der größte Teil der am Leben gebliebenen Häftlinge", so erinnert sich die Jüdin Lola Fischel, "hat die lang ersehnte Befreiung nicht vernommen". Viele waren vor Hunger apathisch oder vom täglichen Grauen abgestumpft. "Wir hatten so lange von Dreck und Tod umgeben gelebt", erläutert Anita Lasker-Wallfisch, "dass wir es kaum noch merkten." Für die spätere Mitbegründerin des English Chamber Orchestra, die als Cellistin des Mädchenorchesters von Auschwitz überlebte, gehörten die aufgetürmten Leichen in Bergen-Belsen "sozusagen zur Landschaft". Erst wenige Tage vor dem Eintreffen der Briten hatte sie mit ihrer Schwester auf Kommando der SS Verstorbene quer durchs Lager in ein Massengrab zerren müssen.

Das große Sterben in Belsen hatte im Januar 1945 begonnen, da waren es 1.000, im Februar schon 7.000, im März dann weitere 18.000 Tote. Das kleine Krematorium reichte längst nicht mehr aus, um alle Leichen zu verbrennen.

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