Stand: 25.06.2014 20:00 Uhr

"Dieser Staat - einfach nur noch ätzend"

von Kathrin Matern

Als die DDR-Führung am 7. Oktober 1989 auf das 40-jährige Bestehen der Republik anstößt, fühlen sich die Bürger vom Staat betrogen, verraten, entmündigt - und trauen sich endlich raus. Sie demonstrieren auf den Straßen. Mittendrin ist ein junger Mann aus Neubrandenburg: Torsten Teichert.

Das Bild des 22-Jährigen ist am nächsten Tag in der Westpresse. Dieser Staat sei für ihn einfach nur noch ätzend gewesen, erzählt Torsten Teichert. Was damals mit dem DDR-Volk passiert, war für ihn eine Welle, die ihn mitgetragen hat. Teichert ist damals Diakon-Schüler in Ostberlin. Steht als Sozialarbeiter unter besonderem Schutz seiner Kirche und kann sich deshalb ein Stück "Freiheit", wie er sagt, erlauben. 1989 sitzt er zweimal wegen "staatsfeindlicher Aktionen" im Gefängnis.

24 Stunden in Untersuchungshaft

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Die Westmedien filmen die Demonstrationen. Torsten Teicherts Mutter erkennt ihn - hier ganz links im Bild - in der "Tagesschau".

Am 7. Oktober 1989, als Honecker, Gorbatschow und Arafat im Republikpalast auf den 40. Geburtstag der Deutschen Demokratischen Republik anstoßen, tobt draußen das Volk. Singt die "Internationale" - auch Torsten Teichert. Er wird mit vielen anderen verhaftet - und in dieser Nacht das einzige Mal Angst um sein Leben haben. Denn die Polizei geht mit äußerster Härte vor, knüppelt den Protest brutal nieder. "An dem Punkt dachte ich: Hier kann man eigentlich kaum noch leben", erinnert sich Teichert. Für ihn ist die DDR endgültig gestorben. 24 Stunden ist der junge Mann in Untersuchungshaft. Noch in der gleichen Nacht wird das Urteil gesprochen: 1.000 DDR-Mark Ordnungsstrafe. Ohne zu wissen, woher er das Geld nehmen soll, geht es mit dem Zug nach Hause - nach Neubrandenburg.

Hilfe aus dem Klingelbeutel

Schnell spricht sich in der Stadt herum, dass der junge Diakon-Schüler in Berlin verhaftet und verurteilt worden ist. Zum ersten Friedensgebet am 11. Oktober 1989 in der Johanniskirche wird daher zum ersten und einzigen Mal Kollekte erhoben. 1.000 DDR-Mark kommen auf diese Weise zusammen, die Torsten Teichert übergeben werden. Er kann damit seine Ordnungsstrafe begleichen. Rückblickend glaubt, dass ihm nicht nur Gemeindemitglieder Geld gegeben hätten, sondern auch Menschen, die einfach die Nase voll hatten von dieser DDR und "die Kirche als Schutzraum für sich nutzen konnten".

Die Neubrandenburger demonstrieren

Im Herbst 1989 gehen die Neubrandenburger wöchentlich auf die Straße - für einen gerechten Sozialismus, für eine reformierte DDR. Höhepunkt ist die Demonstration am 25. Oktober auf dem Karl-Marx-Platz. Johannes Chemnitzer, damals Erster Sekretär der SED-Bezirksleitung, will den Menschen das Demonstrieren verbieten und erntet massiven Protest. Auch in Berlin demonstrieren am 25. Oktober Tausende gegen Egon Krenz als neuen Staatsratsvorsitzenden.

"Die Zeiten haben sich geändert"

Egon Krenz will sich beim Volk beliebt machen und verhängt eine Generalamnestie. Diese gilt auch für den am 7. Oktober verhafteten Torsten Teichert. "Ich habe ein Schreiben bekommen, dass ich mir jetzt das Geld wieder abholen könne." Der Richter, der Teichert die Ordnungsstrafe auferlegt hat, begrüßt ihn nun mit dem Satz: "Herr Teichert, die Zeiten haben sich geändert."

Ein Leben ohne 1989 - nicht denkbar

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Torsten Teichert lebt wieder in Neubrandenburg und arbeitet bei der Caritas. Ohne den Herbst 1989 wäre sein Leben für ihn undenkbar.

Knapp vier Wochen später fällt die Mauer. Torsten Teichert geht noch in der Nacht des 9. November in Berlin über die Bornholmer Brücke in den Westen. Er weiß nicht, ob die Öffnung nicht nur ein Mittel ist, um Oppositionelle loszuwerden. Bevor er die Grenze passiert, lässt er sich daher einen Stempel geben, um wieder zurückkommen zu können. Das erstattete Geld spendet er einem Friedenskreis. Heute lebt Torsten Teichert wieder in Neubrandenburg und arbeitet bei der Caritas. Ohne den Herbst 1989 wäre sein Leben auch 25 Jahre nach dem Mauerfall für ihn undenkbar.

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