Stand: 22.04.2015 08:12 Uhr

April 1945: Die letzten Kämpfe an der Elbe

von Ulrike Brandt
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Ludolf Stamer war 15 Jahre alt - eigentlich hätte auch er seine Heimatstadt verteidigen müssen. Doch er flüchtete.

Die Stadt Bleckede - 25 Kilometer östlich von Lüneburg - war lange Zeit vor den Gefechten des Zweiten Weltkriegs verschont geblieben. Doch das änderte sich innerhalb weniger Tage im April 1945: Mit ihrer Lage direkt an der Elbe hatte die Stadt sowohl für die deutsche Armee als auch für die westlichen Alliierten eine strategisch wichtige Funktion. Die Briten und Amerikaner wollten über die Elbe, um den Russen entgegenzugehen. Die Wehrmacht wollte das um jeden Preis verhindern. So kam es zu Gefechten, die zu den letzten an der Elbe in Norddeutschland zählen.

Schüler interviewen Zeitzeugen in Bleckede

Zum 70. Jahrestag des Kriegsendes in Bleckede am 22. April hat das Gymnasium Bleckede Zeitzeugen zu einer Veranstaltung eingeladen, die von Lehrern und Schülern der Schule gemeinsam organisiert wurde. Eine Gruppe von Schülern bereitete die Fragen zu diesem historischen Ereignis vor und interviewte die Bleckeder Zeitzeugen. Dieser Artikel fasst ihre Geschichten und Erinnerungen zusammen.   

Der Rat des Großvaters: abhauen

Ludolf Stamer war im April 1945 gerade einmal 15 Jahre alt. Eigentlich hätte auch er an die Front gemusst. "Ich war ja in der Hitlerjugend und wir sollten das Vaterland verteidigen und da hat mein Großvater gesagt: 'Jetzt ist Schluss'." Der Rat des Großvaters: abhauen. "Ich habe mir ein Brot aufs Fahrrad geklemmt und habe mich in einer Hütte versteckt, bis die Engländer kamen." Ludolf Stamer sieht von Weitem, wie die Kämpfe in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges auch in seine Heimatstadt Bleckede kommen: Im April 1945 versucht die deutsche Führung, eine letzte Front an der Elbe aufzubauen. Der Brückenkopf in Bleckede und damit die Fährstelle soll unter allen Umständen gehalten werden.

"Wir sind mit dem Pferdewagen ins Bleckeder Moor gefahren"

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Auch Dorathea Soetbeer kann sich noch gut an den Krieg erinnern. Sie spricht mit Schülern über ihre Erfahrungen.

Die heute 80-jährige Dorathea Soetbeer erinnert sich: "Wir haben in Bleckede gelebt und dann hörten wir schon, dass hier was passieren wird. Mein Vater ist mit uns mit dem Pferdewagen ins Bleckeder Moor gefahren. Und dann haben wir uns dort im Bunker versteckt." In Bleckede wird unterdessen der sogenannte Volkssturm mobilisiert; Straßensperren, Deckungslöcher und Beobachtungsposten werden gebaut. Etwa 500 deutsche Soldaten sollen die Stadt an der Elbe halten. Das Nachbardorf Breetze kapituliert am 20. April vor der vorrückenden britischen Armee. Nun sind es noch vier Kilometer bis Bleckede. Wer kann, flieht aus der Stadt - so auch Resi Röber und ihre Großeltern. "Mein Großvater hatte mitgekriegt, dass nebenan in Scheunen Munition verladen wurde. 'Wenn da ein Volltreffer reingeht, dann gehen wir alle flöten', hat er gesagt." Deshalb habe er beschlossen, am nächsten Morgen zu fliehen. "Wir waren noch nicht einmal halb zum Bleckeder Moor raus, da ging das Schießen los", erzählt Resi Röber. "Meine Großmutter hat dann Bettlaken genommen und sie immer hin und her geschwungen. Wir waren ja keine Feinde, wir wollten nur durch."

Fast 90 Tote und 180 Kriegsgefangene

Es ist der 21. April, sechs Uhr morgens, als die britische Armee ihren Angriff startet. Die ersten Häuser am Stadtrand werden eingenommen. Doch die Briten kommen nur langsam voran. Die Deutschen greifen sie aus den Wohnhäusern heraus an. In der Nacht gehen die Kämpfe weiter. Am Morgen zeigt sich dann: Die restlichen deutschen Soldaten haben sich auf die andere Seite der Elbe zurückgezogen; Bleckede wird von den Briten besetzt. Auf deutscher Seite fallen 57 Soldaten; rund 180 Menschen werden gefangen genommen; auf britischer Seite fallen 30 Soldaten, 130 werden verletzt. Ludolf Stamer kehrt aus seinem Versteck zurück. "Es hat mich beeindruckt, dass ich vier junge deutsche Soldaten gesehen habe. Die sind von den Engländern erschossen worden. Die hatten sich hinter einen Wagen verbarrikadiert, aber es hat ihnen nichts genutzt. Ich dachte, vielleicht kennst du die ja, die waren ja in meinem Alter."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Lüneburg | 22.04.2015 | 17:00 Uhr