Stand: 07.11.2014 11:23 Uhr

Angeordneter Terror: Die Reichspogromnacht

von Vivienne Schumacher

Am 9. November 1938 rufen die Nationalsozialisten zur Zerstörung jüdischer Geschäfte und Synagogen auf. In der darauf folgenden Nacht gehen zahlreiche Gotteshäuser in Deutschland in Flammen auf, jüdische Läden werden ausgeraubt und demoliert, Juden verschleppt oder ermordet. Die Judenverfolgung während der NS-Zeit erreicht mit der Reichspogromnacht eine neue Dimension. Auch in Norddeutschland eskaliert der nationalsozialistische Antisemitismus und führt zu Gewaltorgien.

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Hamburg damals: Reichspogromnacht

Hamburg Journal -

Im November 1938 zerstörten die Nazis Synagogen und jüdische Geschäfte. Die Reichspogromnacht war der Auftakt für die systematische Vernichtung der Juden in Deutschland.

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Gewalt und Verhaftungen in Hannover

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In Hannover brennt in der Pogromnacht die Synagoge in der Bergstraße bis auf die Grundmauern nieder.

In Hannover werden mehrere Hundert Menschen verhaftet und in Konzentrationslager verschleppt. 94 jüdische Geschäfte sowie 27 Häuser und Wohnungen werden demoliert und verwüstet. Das Kommando für die damalige Provinz Hannover hat SS-Obergruppenführer Friedrich Jeckeln. Er nimmt die Befehle aus München und Berlin entgegen und sendet etwa 500 SS-Männer zu jüdischen Geschäften und Wohnungen aus. Eine fertige Liste der Adressen liegt ihm vor. Zerstört wird unter anderem die Synagoge in der Bergstraße, die als "Perle Hannoverscher Architektur" bekannt war. Stundenlang steht sie in Flammen. SS-Männer sperren den gesamten Platz um das Gotteshaus ab. Die Feuerwehr darf erst mit den Löscharbeiten beginnen, als der Brand droht, auf benachbarte Wohnhäuser überzugreifen.

"Die schlagen da unten die Wohnung kaputt"

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Wo die Synagogen-Brandstifter später kamen

1938 haben Nazis auch die Synagoge von Stadthagen in Brand gesteckt - allerdings erst zwei Tage nach der Pogromnacht. Historiker rätseln, warum. Der Bau wird nun saniert. mehr

Eine Zeitzeugin erinnert sich in einem Gespräch mit dem NDR Hörfunk im Jahr 1978 an den 10. November 1938 in Hannover: "Wir hörten in unserer Wohnung draußen einen Tumult und ahnten nicht, was da war. Mein Junge lief natürlich gleich runter, um zu sehen, was da los war. Er kam zurück und sagte: 'Die schlagen da unten die Wohnung kaputt, die SA.' Wir guckten aus dem Fenster und sahen, dass sie mit schweren Gegenständen tatsächlich die Parterrewohnung verwüsteten, Fenster einschlugen. Wir sahen, wie sie auch den Küchenschrank zerschlugen. Wir wussten nicht, dass da eine jüdische Familie wohnte, aber das erfuhren wir dann."

Zerstörung und Verfolgung in Mecklenburg-Vorpommern

Auch in den Städten Mecklenburg-Vorpommerns stehen mehrere Synagogen in Flammen, werden jüdische Friedhöfe geschändet, Geschäfte beschädigt und geplündert. Augenzeugen berichten, wie in zivil gekleidete Nazis die Synagoge in Alt-Strelitz stürmen und die Thora-Rollen sowie die gesamte Einrichtung zerstören, mit Benzin übergießen und anzünden. Beim Brand in der Neubrandenburger Synagoge hat die Feuerwehr lediglich den Auftrag, ein nebenstehendes Wohnhaus zu schützen.

Der Vorwand

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Ebenso in Rostock: Am frühen Morgen des 10. November brennt die Synagoge in der Augustenstraße vollständig aus, während die Feuerwehr nur die benachbarten Gebäude schützt. Eine Geschäftsfrau aus Rostock erzählt in einem Gespräch mit dem NDR Hörfunk im Jahr 1978: "Da stand eine ganze Reihe Leute, und die Feuerwehr stand da, sozusagen Gewehr bei Fuß, und hatte eigentlich nur die Aufgabe, dass sie die Nachbarhäuser beschützen sollte. Aber die Synagoge war schon drei Viertel runtergebrannt. Die hat man die Nacht über brennen lassen." Am Vormittag ziehen die Nazis weiter durch die Hansestadt und demolieren circa 50 Wohnungen und Geschäfte. 64 jüdische Männer werden verhaftet.

Das "verspätete" Pogrom in Hamburg

In Hamburg geht aus den wenigen Akten, die nach dem Krieg nicht vernichtet oder "bereinigt" worden sind, hervor, dass es in der Nacht vom 9. auf den 10. November Probleme mit der Alarmierung der Allgemeinen SS gab. Die SS-Männer seien nachts telefonisch nicht erreicht worden, die SA hingegen kann benachrichtigt werden: Augenzeugen berichten, dass sich in den frühen Morgenstunden des 10. November SA-Männer in Uniform und in Zivil auf dem Rathausmarkt versammelt hätten. In kleinen Gruppen seien sie in verschiedene Richtungen losmarschiert und hätten damit begonnen, Fensterscheiben zu zertrümmern.