Stand: 12.11.2010 12:24 Uhr

Andy Warhol bringt die Pop-Art nach Lübeck

von Kathrin Otto, NDR.de

Der 13. November 1980 ist ein trüber Herbsttag in Lübeck. Es nieselt, als Heiner Reese in sein Auto steigt, um zum Hamburger Flughafen zu fahren. Der gelernte Tischler will dort "hohen Besuch" abholen: Andy Warhol kommt den weiten Weg von New York nach Norddeutschland, um an diesem Abend in Lübeck eine Ausstellung seiner Werke zu eröffnen. Begleitet wird der Künstler und Pop-Art-Mitbegründer von Christopher Makos, einem US-Fotografen, mit dem er eng zusammenarbeitet. Von Makos stammen viele der Fotografien, die Warhol mit seiner speziellen Siebdrucktechnik bearbeitet und verfremdet.

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Die "Campbell's Soup Cans" gehören zu Andy Warhols bekanntesten Bildern.

Andy Warhol, 1928 in Pittsburgh geboren, entschloss sich nach einer bereits sehr erfolgreichen Karriere als Werbegrafiker und Illustrator Anfang der 1960er Jahre, in die Kunstszene zu wechseln. Er experimentiert mit dem bis dahin als eher unkünstlerisch geltenden Siebdruckverfahren und Acrylfarben und produziert erste - und heute weltbekannte - Serien wie die "Campbell's Soup Cans", die "Coca Cola Bottles" oder die "Dollar Bills".

Warhol bringt also alltägliche Gegenstände in die Kunst, schreckt aber auch nicht davor zurück, Pressefotos mit Szenen wie Autounfällen oder Flugzeugabstürzen in seinen Bildern zu verarbeiten. Mitte der 1960er Jahre produziert er zahlreiche Porträtserien berühmter Personen wie Marilyn Monroe, Elvis Presley oder Mao Tse Tung.

Kunst im Einrichtungshaus

An diesem Abend im November werden Andy Warhol und Christopher Makos zunächst im Lübecker Rathaus empfangen - wo sie zur Begrüßung Marzipan und Lübecker Rotspon erhalten. Anschließend fährt Heiner Reese mit den beiden zu einem Essen in die Lübecker Schiffergesellschaft. An diesen Besuch kann sich der heute 78-Jährige noch gut erinnern - vor allen Dingen an das Dessert und Andy Warhols große Begeisterung: "Der anwesende Reporter von den Lübecker Nachrichten musste früher los, um seinen Artikel zu schreiben. Und kaum hatten Christopher Makos und Andy Warhol mitbekommen, dass die Presse weg war, schnappten sie sich die Dessertschale vom Tisch und löffelten sie leer", erinnert er sich lachend.

Das "Holstentor" schuf Warhol speziell für die Lübecker Schau, heute ist es im Besitz der Museen für Kunst und Kulturgeschichte.

Im Anschluss an das Essen geht es zur Vernissage. Die findet allerdings nicht in einem Museum oder einer großen Galerie, sondern dem Möbelhaus von Heiner Reese statt. Andy Warhol betritt die rund 2.000 Quadratmeter großen Verkaufsräume, begutachtet kurz seine rund 150 Arbeiten an den Wänden und nickt zustimmend.

Dann macht er das, was er oft macht, wenn ihm der Trubel um seine Person zu groß ist: Er setzt seine Kopfhörer auf und lässt die Veranstaltung einfach über sich ergehen. Unter seinen Bildern sind neben bereits bekannten Serien wie "Flowers", "Marilyn Monroe" oder "Joseph Beuys" auch vier ganz neue Werke, die Serie "Holstentor". Diese vier Bilder waren anlässlich der Ausstellung nach Fotos von Christopher Makos entstanden.

Deutsche Gemäuer als Pop-Art-Kunst

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Andy Warhol mit Wolfgang Tschechne (M.), dem damaligen Leiter der Kulturredaktion der Lübecker Nachrichten, und Heiner Reese.

Für Heiner Reese ist es nicht die erste Ausstellung in seinem Einrichtungshaus. Um die edlen Möbel dort angemessen zu präsentieren, kauft er Zeichnungen und Bilder von Salvador Dalí und anderen bekannten Künstlern. Damit immer wieder neue Werke an den Wänden seiner Verkaufsräume hängen, fängt er an, die Bilder mit Galeristen auszutauschen. Auf diesem Wege lernt er Mitte der 1970er-Jahre auch den Bonner Galeristen Hermann Wünsche kennen, der eng mit Andy Warhol zusammenarbeitet. Wünsche schlägt dem Lübecker Kunstliebhaber eine Warhol-Ausstellung vor, stellt jedoch eine Bedingung. "Ein Bild musste damals gekauft werden", erklärt Reese. Der Rentner lehnt sich zurück und zuckt mit den Schultern. "Also hab ich gesagt: Gut, kein Problem, ich kauf eines."

Die Ausstellung wird gemeinschaftlich geplant und das "Holstentor" bei dem Pop-Art-Künstler in Auftrag gegeben. Vier unterschiedliche Versionen davon werden am 13. November erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Sie gehören zu der Reihe "Monumenta Germaniae", die Andy Warhol auf Anregung Hermann Wünsches von deutschen Bauwerken fertigt. Zu ihr gehören der Kölner Dom, der Berliner Reichstag, der Hamburger Michel und die Vorburg der Drachenburg im Siebengebirge. Die vier "Holstentore" sind farblich sehr unterschiedlich, eine Variante ist Pink, eine andere hat die Farbe von Backstein. Heiner Reese muss sich entscheiden, welches der Bilder er kaufen möchte und wählt die Version in Pink.

Ein Stück Warhol bleibt in Lübeck

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Andy Warhol vor seiner Version vom Hamburger Michel.

Andy Warhol verbringt die Nacht in der Hansestadt und bleibt noch ein paar Tage in Norddeutschland, unter anderem eröffnet er eine Ausstellung in Hamburg. Sein "Holstentor" geht zunächst in den Besitz von Heiner Reese über, später zieht der sich aus dem Kunstgeschäft zurück und verkauft es. Mit Hilfe einer Stiftung geht das Bild in den Besitz der Museen für Kunst und Kulturgeschichte über und schmückt bis heute eine Wand in der Lübecker Kunsthalle St. Annen.

Sogar die - zumindest hierzulande - vor allem durch Andy Warhols Bilder berühmt gewordenen Campbell's Dosen haben ihren Weg in die Hansestadt gefunden. Das Unternehmen aus den USA hat seine Deutschland-Zentrale seit 2002 in Lübeck. Auch dadurch ist der berühmte Pop-Art-Künstler, der 1987 überraschend nach einer Operation an der Gallenblase verstarb, in gewisser Weise bis heute in Lübeck existent.

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Schleswig-Holstein Magazin | 19.07.2015 | 19:30 Uhr

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