Stand: 01.03.2012 11:17 Uhr

Als der RAF-Terror nach Hamburg kam

von Axel Franz, NDR.de

Aus heutiger Sicht erscheint die Aktion leichtsinnig: Hamburg, 2. März 1972. Die Polizei jagt mit einer Sonderkommission Mitglieder der sogenannten Baader-Meinhof-Bande, einer Terrorgruppe. Ein Hinweis führt die Beamten in den Stadtteil Rotherbaum, eine gute Gegend in der Nähe der Universität mit Villen aus der Gründerzeit. In der Heimhuder Straße 82 soll es eine verdächtige Wohnung geben. Der Leiter der Soko, Kriminalhauptkommissar Hans Eckhardt, führt den Einsatz persönlich an.

Schüsse im Treppenhaus

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Die RAF-Terroristen Wolfgang Grundmann (l.) und Manfred Grashof wurden nach der Schießerei in Hamburg festgenommen.

Die Ermittler dringen in das Appartement ein, treffen aber niemanden an. Mehrere Beamte legen sich auf die Lauer, warten hinter der geschlossenen Wohnungstür. Gegen 22.45 Uhr fährt ein VW-Bus vor, zwei Männer steigen aus und betreten das Haus. Als sie die Wohnung im zweiten Stock aufschließen, stehen sie Polizisten mit gezogenen Pistolen gegenüber. Während einer der Verdächtigen dem Ruf "Hände hoch, Polizei!" folgt, greift der andere zu seiner Waffe und schießt. Die Kugeln treffen Hauptkommissar Eckhardt in Brust und Bauch. Er bricht zusammen.

Der Verdacht bestätigt sich

Die Beamten erwidern das Feuer, treffen den Schützen, der flüchten will, aber im Treppenhaus verletzt aufgeben muss. Der zweite Mann lässt sich widerstandslos festnehmen.

Stichwort: RAF

Die Rote Armee Fraktion (RAF) gründet sich im Frühjahr 1970 um Andreas Baader, Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin. Einige Medien bezeichnen die Gruppe zunächst als "Baader-Meinhof-Bande". Die Wurzeln der RAF reichen in die Studentenbewegung der späten 60er-Jahre, ihre exakte Verbindung ist jedoch unter Historikern umstritten.
Ein zentraler Begriff im Selbstverständnis der Gruppe ist "Stadtguerilla" in Anlehnung an revolutionäre Vereinigungen in Lateinamerika. Ihr gemeinsames Ziel: Veränderung des politischen Systems durch eine kleine Gruppe - auch mit Gewalt.
Einer Serie von Raubüberfällen folgt im Mai 1972 der erste Bombenanschlag der RAF auf das Hauptquartier der US-Armee in Frankfurt am Main. Kurz danach gibt es weitere Anschläge; unter anderem auf das Gebäude des Axel-Springer-Verlages in Hamburg. Innerhalb weniger Monate nehmen die Ermittler nahezu alle Mitglieder der RAF fest.

Während den Anführern der Gruppe 1975 in Stuttgart-Stammheim der Prozess gemacht wird, verübt die "Zweite Generation" der RAF immer brutalere Anschläge. Seinen Höhepunkt erreicht der Terror 1977 während des sogenannten Deutschen Herbstes, der mit der Entführung des Arbeitgeber-Präsidenten Hanns Martin Schleyer am 5. September beginnt. Wochenlang halten die Terroristen das Land in Atem. Am 19. Oktober 1977 wird Schleyer ermordet aufgefunden. Er ist einer von 34 Toten, die auf das Konto der RAF gehen. Einen Tag zuvor hatten sich die drei führenden RAF-Mitglieder Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe in ihren Zellen im Hochsicherheitsgefängnis Stuttgart-Stammheim offenbar selbst getötet.
Eine "Dritte Generation" ändert Anfang der 80er-Jahre die Strategie und will die RAF internationalisieren. Das Morden geht dabei weiter. Erst 1998 erklärt sich die RAF für aufgelöst.

Während sich Sanitäter um die Verletzten kümmern, beginnen die Ermittlungen. Wer sind die Männer? Schnell wird klar, dass Manfred Grashof die Waffe gezogen hat. Der 25-Jährige wird zum harten Kern der Rote Armee Fraktion (RAF) gerechnet. Er soll bereits gut ein Jahr zuvor in Frankfurt am Main an einem Schusswechsel mit der Polizei beteiligt gewesen und entkommen sein. Innerhalb der Terrorgruppe gilt der gebürtige Kieler mit dem Decknamen "Carlos" als Spezialist für gefälschte Ausweispapiere. Tatsächlich finden die Ermittler in dem Hamburger Haus eine gut ausgestattete Fälscherwerkstatt.

Auch Grashofs Begleiter ist der Polizei kein Unbekannter: Wolfgang Grundmann. Der 23 Jahre alte Student aus Marburg wird im Zusammenhang mit einem Banküberfall in Kaiserslautern gesucht, bei dem ein Polizist erschossen und rund 130.000 Mark geraubt worden waren.

Mediziner kämpfen um das Leben des Ermittlers

Während die Beamten ermitteln, ringen die Ärzte in der Universitätsklinik Eppendorf um das Leben des angeschossenen Polizisten. Trotz schwerer Verletzungen scheint er nach einigen Tagen auf dem Weg der Besserung. Doch das Blatt wendet sich: 20 Tage nach der Schießerei in der Heimhuder Straße stirbt Kriminalhauptkommissar Hans Eckhardt auf der Intensivstation. Er ist das zweite Opfer der RAF in Hamburg. Bereits am 22. Oktober 1971, rund ein halbes Jahr zuvor, war ein Kriminalbeamter vor einem Einkaufszentrum bei einer gescheiterten Festnahme erschossen worden.

Haftstrafen für die Terroristen

Ein Gericht verurteilt Manfred Grashof 1977 in Kaiserslautern wegen Mordes zu lebenslanger Haft. Auf den Tag genau 17 Jahre nach den Schüssen in Hamburg - am 2. März 1989 - wird er aus dem Gefängnis entlassen. Der damalige Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, Bernhard Vogel (CDU), hatte ihn begnadigt. Wolfgang Grundmann muss wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung vier Jahre in Haft.

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Das Bundeskriminalamt fahndet auch heute noch nach ehemaligen RAF-Mitgliedern.

Die Fahnder glauben, ihnen sei mit der Festnahme der Gesuchten ein wichtiger Schlag gegen die RAF gelungen. Doch noch stehen zahlreiche weitere Verdächtige auf der Fahndungsliste, darunter Andreas Baader und Ulrike Meinhof. Sie werden erst einige Monate später verhaftet - nach einer Serie von Bombenanschlägen und Raubüberfällen in ganz Deutschland. Doch auch damit endet der Terror der Rote Armee Fraktion nicht, im Gegenteil. Seinen Höhepunkt erreicht er erst im "Deutschen Herbst" von 1977 mit der Entführung und Ermordung von Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer sowie der Entführung der der Lufthansa-Maschine "Landshut" nach Mogadischu. Staatsschützer ermitteln bis heute gegen Mitglieder des Netzwerks. Noch immer sind nicht alle Taten aufgeklärt.

Karte: Der Tatort
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