Stand: 01.10.2010 15:39 Uhr

Als Greenpeace im Norden zu kämpfen begann

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Gruppenbild mit Gründern: Gerhard Wallmeyer ( 2. v. links) war von Anfang an dabei und arbeitet noch heute bei der Umweltschutzorganisation.

Es ist die erste Aktion von Greenpeace in Deutschland: Am 13. Oktober 1980 hindert eine Handvoll Umweltschützer das Verklappungsschiff "Kronos" in Nordenham an der Unterweser daran, in Richtung Nordsee auszulaufen. Dort sollte die "Kronos" im Auftrag deutscher und internationaler Chemiekonzerne giftige Dünnsäure in die Nordsee leiten - damals noch ein völlig legaler Vorgang, obwohl bekannt war, dass das Gift Fische und Plankton schwer schädigt.

Tote Fische vor das Chemiewerk gekippt

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Klein gegen Groß: Die Aktivisten banden sich mit Rettungsinseln an die Verklappungsschiffe und hinderten sie so am Auslaufen.

"Die Aktion planten wir gemeinsam mit den Elbfischern, die damals bis zu einem Drittel ihres Fangs über Bord schmeißen mussten, weil jeder sehen konnte, dass die Fische krank waren. Die Fischer waren wegen der Gifteinleitungen schon seit Langem auf den Barrikaden", erinnert sich Gerhard Wallmeyer, Gründungsmitglied von Greenpeace Deutschland und seither dabei. Am selben Tag kippen weitere Greenpeace-Aktivisten missgebildete tote Fische vor das Bayer-Chemiewerk in Brunsbüttel und das Hydrografische Institut in Hamburg. Über diese ersten zwei Aktionen berichten die Lokalzeitungen, auch bei Umweltgruppen gibt es einige Resonanz. Überregionale Medien beschäftigen sich aber zunächst nicht mit dem Thema.

Stichwort: Dünnsäure

Dünnsäure ist verdünnte Schwefelsäure. Sie entsteht unter anderem als Abfallprodukt bei der Herstrellung von Weißmachern und Farbstoffen und kann außerdem noch Eisen und Erzrückstände in hoher Konzentration sowie teils hochgiftige
Schwermetalle wie Arsen, Blei, Chrom, Kadmium, Kupfer, Nickel, Titan und Zink enthalten. Die Einleitung (Verklappung) von Dünnsäure in die Nordsee ist seit 1990 verboten.

Umweltschützer auf dem Schornstein

Das ändert sich mit der zweiten großen Greenpeace-Aktion in Deutschland: Zwei Aktivisten besetzen den Schlot der Chemiefabrik Boehringer in Hamburg-Billbrook und rollen ein Protest-Transparent aus, um auf den ungebremsten Ausstoß von Dioxin und anderen hochgiftigen Umweltgiften aufmerksam zu machen. Die Aktion sorgt für Furore: Mehrfach berichtet die Tagesschau darüber, Fotos der beiden Umweltschützer, die sich am Schornstein festgekettet haben, gehen durch die Zeitungen. "Danach war unser Leben als Bürgerinitiative ein völlig anderes. Wir kriegten plötzlich säckeweise Post", erinnert sich Wallmeyer. "In vielen Briefen war Geld oder ein Scheck, oder jemand wollte Mitglied werden. Wir mussten erstmals jemanden auf Teilzeit einstellen, um die Verwaltung und Buchführung zu übernehmen. Es ging rasant aufwärts, " erinnert sich Wallmeyer, der heute die Spendenabteilung der Organsation leitet.

"Wir trafen den Zeitgeist"

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Gerhard Wallmeyer an der Elbe im Hamburger Hafen - in den 80er-Jahren noch "eine dreckige, stinkige Gegend".

Die folgenden Greenpeace-Aktionen stoßen auf ein enormes Medienecho. Kein Zufall: Die Umweltschützer setzen auf die Macht der Bilder. Schlauchboote, die riesige Schiffe aufhalten, Schornsteinkletterer, die eine Chemiefabrik in Misskredit bringen - stets transportiert Greenpeace die Botschaft: Jeder Einzelne kann etwas bewirken, auch gegen die ganz Großen. "Unsere Idee löste eine enorme Begeisterung aus. Es traf genau den damaligen Zeitgeist, nicht nur auf Markplätzen zu demonstrieren, sondern direkte gewaltfreie Aktionen zu machen," sagt Wallmeyer.

Kampf für saubere Flüsse

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Das Greenpeace-Laborschiff "Beluga" kreuzte über Deutschlands Flüsse. Taucher machten die versteckten Einleitstellen unter Wasser ausfindig.

In den 80er-Jahren kämpft Greenpeace in Deutschland gegen die Verschmutzung der Flüsse, die regelrecht zu Kloaken verkommen sind. Ungehindert leitet die Industrie ihre giftigen Abwässer ein. "Ich bin damals häufig mit Journalisten mit dem Schlauchboot auf der Elbe durch den Hamburger Hafen gefahren und da konnte ich alle 200 bis 300 Meter ein Abwasserrohr zeigen, da kam es mal knallgelb raus, mal violett, mal heiß dampfend", so Wallmeyer. Die Einleitgenehmigungen waren geheim, sodass nur mittels Proben herauszufinden war, welche Abwässer die Firmen eigentlich in die Flüsse leiteten.

Von Spendengeldern erwerben die Umweltschützer ein ausrangiertes Feuerschiff, das sie mit Helfern in ein schwimmendes Labor umwandeln. Mit der "Beluga" untersuchen sie Wasserproben aus Elbe, Weser und Rhein direkt an den Einleitstellen. "Wir waren die Einzigen, die Laborschiffe in Fahrt hatten. Wir waren besser ausgerüstet als alle Behörden", erinnert sich Wallmeyer nicht ohne Stolz.

"Das Bewusstsein der Menschen hat sich verändert"

Greenpeace deckt einen Umweltskandal nach dem anderen auf, die Medien und die gesamte Öffentlichkeit schenken den Greenpeace-Aktionen besondere Aufmerksamkeit. Damit hat die Organisation ein wichtiges Ziel erreicht: Sie hat das Problem der Umweltverschmutzung in die Öffentlichkeit gebracht und Sensibilität dafür geweckt. "Ich glaube, das ist sogar die wichtigste Funktion von Greenpeace. Das Bewusstsein der Menschen hat sich verändert. Wir haben Leute dazu gebracht, über die Umweltverschmutzung nachzudenken. Man kann alle möglichen konkreten Erfolge aufzählen, wie etwa mit der Dünnsäure, aber wichtiger ist, dass viele Menschen ihre persönliche Einstellung geändert haben", so Wallmeyer.

Greenpeace-Aktivisten protestieren gegen die genveränderte Kartoffel Amflora. © Greenpeace Fotograf: Bente Stachowske

Hamburg damals: 30 Jahre Greenpeace

Hamburg Journal -

Greenpeace feiert in Hamburg seinen 30. Geburtstag und blickt zurück. Die ersten Aktivisten aus Kanada kämpften gegen Atomtests und später für den Schutz der Wale.

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Doch Greenpeace macht nicht nur auf Probleme aufmerksam, sondern sucht auch nach Lösungen. In den 90er-Jahren entwickelt die Organisation gemeinsam mit einer sächsischen Firma den ersten FCKW-freien Kühlschrank. Die großen Hersteller laufen zunächst Sturm gegen die Erfindung. Doch die Verbraucher wollen das umweltfreundliche Gerät und kaufen es. Schon bald hat sich der FCKW-freie Kühlschrank bei allen Herstellern durchgesetzt. Ähnlich erfolgreich ist eine Greenpeace-Kampagne für chlorfrei hergestelltes Papier - der Verbraucher beginnt, seine Macht gegenüber den Unternehmen zugunsten des Umweltschutzes zu nutzen.

Die Macht des Verbrauchers und ein PR-Desaster

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Die Besetzung der Ölplattform "Brent Spar" war eine der spektakulärsten Aktionen. Mit Wasserkanonen versuchte der Ölkonzern, die Aktivisten fernzuhalten.

Das funktioniert auch bei einer weiteren spektakulären Greenpeace-Aktion: 1995 besetzen Aktivisten die Öllager- und Verladeplattform Brent Spar, die der Shelll-Konzern in der Nordsee versenken will. Mehrere Wochen zieht sich die Auseinandersetzung zwischen Umweltschützern und Ölkonzern hin. Greenpeace ruft die Vebraucher zu einem Boykott von Shell-Tankstellen auf, die Umsätze brechen um bis zu 50 Prozent ein. Schließlich lenkt der Konzern ein und entsorgt die Plattform an Land. Doch für Greenpeace endet die Aktion in einem PR-Desaster: Es stellt sich heraus, dass die giftigen Ölrückstände im Tank der Plattform viel geringer sind, als die Umweltschützer behauptet haben und weitgehend den Angaben des Ölkonzerns entsprechen. Die Umweltschutzorganisation entschuldigt sich bei Konzern und Öffentlichkeit, doch die Glaubwürdigkeit von Greenpeace ist - zumindest vorübergehend - beschädigt.

Ein globales Netzwerk

2009 stellte Greenpeace Deutschland einen neuen Spendenrekord in Höhe von 46 Millionen Euro auf - Geld, das ausschließlich von Privatleuten stammt, denn Greenpeace nimmt keine Spenden von Regierungen, Parteien oder der Industrie an. Eine enorme Summe angesichts der Wirtschaftskrise.

Das Geld kann die Organisation gut gebrauchen. Denn auch im neuen Jahrtausend gehen Greenpeace die Arbeitsfelder nicht aus: Klimaschutz, Gentechnik und Energie heißen heute die großen Themen in Deutschland. Ganz oben auf der Agenda: der Kampf gegen die Atomkraft. Erst Ende September 2010 machte Greenpeace wieder mit einer Aktion gegen die geplante Laufzeitverlängerung von sich reden.

Neue Arbeitsschwerpunkte

Ein weiterer Schwerpunkt der Umweltschutzorganisation ist die internationale Arbeit. "Wir müssen viel stärker als früher mit unseren Kollegen in anderen Ländern zusammenarbeiten und sie unterstützen", erklärt Wallmeyer. Die jahrzehntelangen Erfahrungen aus der Arbeit in Deutschland könnten hierbei helfen. So etwa in China, wo es als Folge der boomenden Textilindustrie ein enormes Problem mit der Verschmutzung der Flüsse gebe. "Dort machen die Kollegen gerade etwas Ähnliches durch wie wir in den 80er-Jahren. Nur die Aufgabe ist gigantisch viel größer und die Arbeitsbedingungen schwieriger, schließlich ist China eine Diktatur." Doch Greenpeace und sein Netzwerk wachsen in China momentan rasant.

Dieses Thema im Programm:

NDR Fernsehen | NDR aktuell | 28.09.2010 | 14:00 Uhr

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