"Alltag" in den Konzentrationslagern

von Andrej Reisin, NDR.de
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Die Baracken der Häftlinge waren überfüllt, die hygienischen Bedingungen katastrophal.

Das Leben in den Konzentrationslagern war ein andauerndes Martyrium für die Gefangenen. Der Tag begann je nach Jahreszeit zwischen vier und fünf Uhr am Morgen mit dem Wecken durch Trillerpfeifen. Dann hatten die Häftlinge eine halbe Stunde Zeit, ihre "Betten" (Strohsäcke oder mit Stroh bedeckte Pritschen) nach militärischer Art herzurichten, sich zu waschen und "Frühstück" zu fassen. Allerdings stand für viele Tausend Häftlinge oft nur ein Waschraum zur Verfügung, wenn überhaupt. In Auschwitz-Birkenau etwa gab es in keinem der Wohnblocks sanitäre Einrichtungen.

Das "Frühstück" bestand aus einem halben Liter ungesüßtem Kaffee-Ersatz oder Tee. Oft handelte es sich nur um "ein faulig riechendes, dunkles, blau-braunes Gebräu aus Kräutern", wie die Überlebende Kitty Hart berichtet. Morgens etwas zu essen hatte nur, wer von der mickrigen Brotration des Vorabends etwas übrig behalten hatte. Oft waren die Lebensmittel zudem alt oder verdorben.

Vernichtung durch "Arbeit"

Beim anschließenden Morgenappell gegen sechs Uhr mussten die Häftlinge in Zehnerreihen antreten und, nachdem die Anwesenheit aller Häftlinge festgestellt worden war, im Gleichschritt und im Takt der Musik des Lagerorchesters durch das Lagertor zu ihren Arbeitseinsätzen marschieren. Etwa elf Stunden lang mussten die Häftlinge schwerste Arbeiten wie Straßenbau verrichten, oft ohne oder nur mit primitivsten technischen Hilfsmitteln.

"Arbeit" im Konzentrationslager bedeutete "Terrorarbeit" unter unmenschlichen Bedingungen: in Fabriken, in Rüstungsbetrieben, in der Landwirtschaft oder beim Lagerbau selbst, der in der Regel bereits Tausende Häftlinge das Leben kostete. Die ausgemergelten Häftlinge mussten im Laufschritt Ziegelsteine schleppen oder Straßenwalzen wie ein Pferdegespann ziehen. Wer versuchte, sich auszuruhen, wurde entweder sofort totgeschlagen oder in eine Strafkompanie versetzt, was einem Todesurteil gleichkam.

Infolge der Schwerstarbeit und der völlig ungenügenden Ernährung magerten die Häftlinge in kurzer Zeit so stark ab, dass ihre Körper nur noch aus Haut und Knochen bestanden. Oft wogen sie keine 30 Kilo mehr. Diese dem Tod geweihten, vollkommen entkräfteten Menschen wurden im Lager "Muselmänner" genannt. Dass einige von ihnen in gebückter Haltung apathisch hin und her schwankten, rief offenbar Assoziationen an betende Muslime hervor.

Drakonische Strafen für jedes "Versäumnis"

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In Auschwitz wurden Häftlinge auch an der sogenannten Boger-Schaukel gefoltert. Kopfüber gefesselt schlug man sie blutig, um "Geständnisse" zu erpressen.

Nach der Rückkehr ins Lager diente der Abendappell offiziell dazu, die Häftlinge erneut zu zählen. Tatsächlich aber dauerten solche Appelle oft stundenlang, entweder weil tatsächlich jemand fehlte oder aber als Strafe für irgendwelche "Verstöße" gegen die Lagerordnung. Weil zwei Häftlinge fehlten, dauerte der Abendappell am 14. Dezember 1938 in Buchenwald 19 Stunden bei minus 15 Grad. Dabei erfroren über 70 Häftlinge, unzählige trugen bleibende Schäden davon. Die Appelle wurden auch oft genutzt, um Prügel- und andere Terrorstrafen gegen die Häftlinge zu vollziehen, wobei zur Abschreckung das gesamte Lager anwesend sein musste.

Die Strafen waren sadistisch und führten in vielen Fällen zum qualvollen Tod. Bei 25 Peitschenhieben auf das nackte Gesäß etwa wurde den Häftlinge zuweilen allein durch die Wucht der Schläge das Rückgrat gebrochen, die Nieren wurden offen gelegt oder die Hoden zerschlagen. Wer anschließend im Häftlingskrankenbau eine tödliche Phenolspritze ins Herz bekam, hatte aus Sicht der Mitgefangenen noch "Glück". Viele starben langsam in stundenlangen Qualen in der Baracke oder wurden einfach auf dem Appellplatz liegen gelassen.

Nach 21 Uhr durften die Baracken nicht mehr verlassen werden. Wer gegen diese "Blocksperre" verstieß, um beispielsweise seine Notdurft zu verrichten, musste damit rechnen, von den Wachen erschossen zu werden. Die Gefangenen schliefen auf dem Fußboden oder auf Strohsäcken, später wurden zwei- bis dreistöckige Liegen installiert. Die Baracken waren häufig völlig überbelegt, sodass sich bis zu 45 Häftlinge eine dreistöckige Pritsche teilen mussten, die für 15 Gefangene konzipiert war. Der kurze Schlaf war daher nur wenig erholsam: Man lag buchstäblich auf den Knochen der anderen Gefangenen.