Stand: 25.03.2009 20:23 Uhr

"Albrecht wir kommen!" Gorleben-Protest in Hannover

von Bettina Meier
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Zehntausende Demonstranten zogen im März 1979 durch Hannover.

"Guten Abend meine Damen und Herren. Die bisher größte Demonstration gegen Kernenergie in der Bundesrepublik fand heute in Hannover statt. Atomkraftgegner aus dem In- und Ausland protestierten gegen den geplanten Bau des atomaren Entsorgungszentrums in Gorleben." Mit diesen Worten begann am 31. März 1979 die Tagesschau. Friedlich und ohne Zwischenfälle zogen mehrere Zehntausend Menschen durch die Landeshauptstadt Niedersachsens zu einer Kundgebung auf dem Klagesmarkt.

Über die genaue Zahl der Teilnehmer gibt es bis heute unterschiedliche Meinungen, laut Polizei sollen es 40.000 gewesen sein, laut Organisatoren über 120.000. Doch unabhängig von der exakten Teilnehmerzahl war die Massenkundgebung ein Erfolg der deutschen Anti-Atomkraftbewegung - wie sich wenige Wochen später herausstellen sollte.

Bauernprotest gegen geplantes Atommüll-Lager in Gorleben 1979 © dpa

März 1979: Gorleben-Treck nach Hannover

NDR 1 Niedersachsen -

Nach einem Störfall im US-amerikanischen Atomkraftwerk Harrisburg demonstrieren Tausende Menschen in Hannover gegen die geplante Wiederaufbereitungsanlage in Gorleben.

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Traktoren-Sternfahrt nach Hannover 

Zu der Aktion hatten Bürgerinitiativen wie die Bäuerliche Notgemeinschaft Lüchow-Dannenberg aus dem Raum Gorleben aufgerufen. Bauern und Bürgerprotestler waren eine Woche zuvor, am 25. März, mit mehr als 100 Traktoren aus dem Wendland zu einer Sternfahrt nach Hannover gestartet.

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Bauern kamen mit ihren Traktoren in einer Sternfahrt in die Landeshauptstadt.

Ausgestattet mit Protestplakaten und jeder Menge Wut im Bauch wollten sie in der Landeshauptstadt dem niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht ihre Meinung kundtun - ihr Motto: "Albrecht wir kommen". Als besonderes Geschenk hatten sie einen tonnenschweren Findling dabei - den "Gorleben-Stolperstein" für den Vorplatz der Staatskanzlei mit der Aufschrift "Gorleben ist überall - Treck 1979". 

Der Zeitpunkt war mit Bedacht gewählt. In Hannover fand vom 28. März bis zum 3. April das sogenannte Gorleben-Hearing statt, zu dem Albrecht geladen hatte. Mehr als 60 nationale und internationale Wissenschaftler diskutierten öffentlich über die Sicherheit von nuklearen Entsorgungsanlagen, um nach Ansicht von Ministerpräsident Albrecht Klarheit über das Vorhaben in Gorleben zu bekommen.

Reaktor-Störfall in den USA fördert Widerstand 

In Hannover wurde der Bauern-Treck von Zehntausenden begeistert empfangen. Dass die Protestaktion der Wendländischen Bauern und Bürger zu einer Massenbewegung mit Atomkraftgegnern aus ganz Deutschland und dem Ausland wurde, lag allerdings auch am ersten atomaren Störfall in einem Kernkraftwerk, der sich am 28. März in den USA zutrug. Im Atomkraftwerk Harrisburg kam es zu einer teilweisen Kernschmelze des Atomreaktors. Zwei verschlossene Ventile, ein klemmendes Überdruckventil und die eine oder andere falsche Reaktion des Reaktorpersonals hatten dazu geführt, dass fast zwei Drittel des Reaktorkerns über mehrere Stunden freilagen und sich zudem eine Wasserstoffblase gebildet hatte. Es bestand Explosions-Gefahr. Das Gebiet um den Reaktor sollte evakuiert werden - vorsorglich. Es kam nicht zur befürchteten Katastrophe.

Doch weltweit wurde den Menschen zum ersten Mal vor Augen geführt, dass die Technik der Atomkraft nicht hundertprozentig beherrschbar ist - auch wenn Politiker und Experten das in den vergangenen Jahren behauptet hatten. Die Zweifel der Atomkraftgegner schienen berechtigt. Auch deswegen schlossen sich am 31. März sehr viel mehr Bürger dem Demonstrationszug gegen das nukleare Entsorgungszentrum in Gorleben an als erwartet.     

Zwei Jahre Widerstand 

Ziemlich genau zwei Jahre zuvor, am 22. Februar 1977, hatte Ernst Albrecht erklärt, dass in Gorleben ein Endlager für Atommüll und eine atomare Wiederaufarbeitungsanlage entstehen soll. Noch am gleichen Tag begann der Widerstand der örtlichen Bevölkerung. Deutlich wurde die fehlende Unterstützung vieler Landwirte, als das für das Entsorgungszentrum notwendige Gebiet von einer extra gegründeten Gesellschaft aufgekauft werden sollte. 62 Grundbesitzern gehörte das betroffene Land. Nicht jeder wollte verkaufen, auch nicht für das zehnfache des Verkehrswertes.

Niedersachsens Ministerpräsident Ernst Albrecht zeigt 1977 auf einer Landkarte, wo Gorleben liegt. © dpa - Bildarchiv Fotograf: Wolfgang Weihs

Die Standortentscheidung Gorleben

Panorama -

Zu Beginn des Jahres 1977 stand die Entscheidung noch aus, wo ein atomares Endlager gebaut werden sollte. Der Druck, schnelle eine Entscheidung zu fällen, war groß.

Vor allem einer weigerte sich: Andreas Graf von Bernstorff. Ihm gehörte der größte Teil des betroffenen Gebietes. Der damals 35-Jährige erklärte gegenüber dem NDR, dass er zutiefst erschüttert sei, dass diese Region "zum Ruhrgebiet der Atomindustrie werden soll". Er ließ sich weder durch den Druck der Politiker noch der Atomindustrie beeindrucken und ist bis heute standhaft geblieben. Die ansässigen Bauern nahmen den Widerstand in die eigene Hand und gründeten noch 1977 die Initiative Bäuerliche Notgemeinschaft Lüchow-Dannenberg, die bis heute mit ihren Traktoren gegen das Endlager Gorleben auf die Straße geht.   

Teilrückzug des Ministerpräsidenten 

Damals, am 31. Mai 1979, stellte sich Albrecht den Fragen der Demonstranten - in einer Schulhalle. Einer der Wortführer der Bauern, Heinrich Pothmer, erklärte unter lautem Applaus: "Hergekommen sind wir, um Ihnen ganz klar zu sagen: Wir werden es nicht hinnehmen, dass Sie die Anlage bei uns bauen." 

Wenige Wochen nach der Großkundgebung in Hannover, am 16. Mai 1979, verkündete Albrecht im Bundestag, dass "die politischen Voraussetzungen zur Errichtung einer Wiederaufarbeitungsanlage, zurzeit wenigstens, nicht gegeben sind." Dieser Teilrückzug überraschte selbst die Bundesregierung. Ein Erfolg der Proteste? Die Frage des Endlagers ist bis heute nicht geklärt.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | 31.03.2004 | 11:20 Uhr

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