Stand: 24.04.2013 16:42 Uhr  | Archiv

Der Skandal um Hitlers "Tagebücher"

von Helene Heise
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"Stern"-Reporter Gerd Heidemann vermittelte dem Magazin die gefälschten Tagebücher.

"F.H.! Was soll das denn heißen? Führer Hitler? Führers Hund? Führer Hauptquartier? Fritze Hitler hat er ja wohl nicht geheißen!" Regisseur Helmut Dietl konnte 1991 für die Dialoge in seinen Film "Schtonk" aus dem Vollen schöpfen: Kaum ein Medienskandal bietet derart viel komödiantisches Potenzial wie die gefälschten Hitler-Tagebücher, die das Hamburger Nachrichtenmagazin "Stern" 1983 veröffentlichte. Da waren nicht nur die falschen Initialen auf den vermeintlichen Tagebüchern, auch die übrigen Zutaten stimmen: Ein Redakteur mit Spürnase und fatalem Hang zum Nazi-Kult, ein schillernder Fälscher und eine Verlagsleitung, die so sehr an den ganz großen Coup glauben wollte, dass sie die wohl größte Lachnummer in der bundesdeutschen Mediengeschichte produzierte.

Schaukasten "Hitler-Tagebücher" im Polizeimuseum Hamburg © NDR Fotograf: Nina Hansen

Hamburg damals: Die Hitler-Tagebücher

Hamburg Journal -

1983 sorgten die falschen Hitler-Tagebücher für Aufsehen. Damals fiel der "Stern" auf den Betrüger Konrad Kujau rein und löste einen der größten Medienskandale aus.

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Gier auf vielen Seiten

Dass auch ganz private Gier die Beteiligten antrieb, schildert Michael Seufert in seinem 2008 erschienenen Buch über den Skandal: "Beim Geheimprojekt Hitlertagebücher steht im Verlag Gruner + Jahr von Anfang an die Welt auf dem Kopf. Und bei den Beteiligten geht es um Karrieren, Macht und vor allem um viel Geld." Seufert, nach dem Skandal von "Stern"-Gründer Henri Nannen mit der Aufklärung betraut, rekonstruierte nach 25 Jahren die abenteuerliche Geschichte.

Den Tagebüchern auf der Spur

Die Details sind ebenso unglaublich wie streckenweise unfreiwillig komisch: "Stern"-Reporter und "Spürnase" Gerd Heidemann beschäftigte sich seit Beginn der 70er-Jahre mit der NS-Zeit. Über befreundete Sammler kommt er 1980 in Kontakt mit dem Fälscher Konrad Kujau, der gegenüber Heidemann unter dem Pseudonym Konrad Fischer auftritt. Der berichtet Heidemann von den Hitler-Tagebüchern: In den letzten Kriegstagen seien persönliche Aufzeichnungen Adolf Hitlers bei einem Flugzeugabsturz verschollen. Doch die Fracht sei an der Absturzstelle auf DDR-Gebiet aufgetaucht, er könne den Schmuggel über die innerdeutsche Grenze mithilfe von Verwandten organisieren - immerhin sei sein Schwager Museumsdirektor, sein Bruder NVA-Offizier im Osten.

Die Verlagsleitung stimmt zu

Heidemann weiht den Leiter des Ressorts Zeitgeschichte beim "Stern", Dr. Thomas Walde, in die vermeintliche Sensationsstory ein. Gemeinsam umgehen beide die Chefredaktion des Magazins und wenden sich direkt an die Verlagsleitung, denn sie benötigen viel Geld, um die Tagebücher zu beschaffen. Die lässt sich von den beiden Journalisten überzeugen: Heidemann und Walde erhalten grünes Licht für ihr Geheimprojekt.

Glaube an die Sensation überdeckt Zweifel

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Kinofilm "Schtonk!": Stolz präsentiert Willié (Götz George, m) seinem Ressortleiter Kummer (Harald Juhnke) die "heißen" Dokumente.

Fast drei Jahre lang fließen insgesamt 9,34 Millionen Mark an Heidemann und Kujau. Zahlreiche Hinweise auf eine Fälschung ignoriert nicht nur der angebliche Top-Rechercheur des "Stern", der inzwischen wohl schon lange eigene finanzielle Interessen verfolgt. Auch Ressortleiter Walde, Chefredaktion und Verlagsleitung verschließen Augen und Ohren, als immer neue Hinweise von Zeitzeugen und Experten auftauchen, dass sie einem Betrüger aufsitzen könnten. So erinnert sich etwa ein ehemaliger Angehöriger der "Leibstandarte Adolf Hitler" ganz anders an einige Fakten. Aus Fachkreisen wird vor Fälschungen aus dubiosen Quellen gewarnt, und schon vor der Veröffentlichung gibt es Indizien, dass die Tagebücher auf Nachkriegspapier geschrieben wurden. Auch dass aus den ursprünglich angekündigten 27 Tagebüchern, die Hitler verfasst haben soll, inzwischen 60 geworden sind und ihr Preis kontinuierlich steigt, lässt beim "Stern" niemanden stutzen.

Kontrollen werden vermieden

Fatal ist der Vertrag der beiden Journalisten mit der Verlagsleitung: Ihnen wird darin nicht nur eine Gewinnbeteiligung bei Veröffentlichung und Rechteverkauf ins Ausland garantiert. Zusätzlich sichert der Vertrag ihnen das exklusive Recht, die Dokumente auszuwerten, und befreit Reporter Heidemann darüber hinaus von der Pflicht, seine Quelle offenzulegen. Alle redaktionellen Kontrollmechanismen sind damit ausgeschaltet, denn Verlagsleitung und Reporter wollen fest an den ganz großen Sensationsfund - und mit ihm das ganz große Geschäft - glauben.