Stand: 06.08.2015 15:34 Uhr  | Archiv

Vor 40 Jahren: Die Heide brennt

von Janine Kühl, NDR.de

Die bisher größte Brandkatastrophe in der Geschichte der Bundesrepublik beginnt an einem schönen Sommertag. Anfang August 1975 ist es in Niedersachsen ungewöhnlich heiß und trocken. Etwa zwei Monate hat es vielerorts nicht mehr geregnet, die Temperaturen liegen konstant über 30 Grad. Statt der gewöhnlichen 80 beträgt die Luftfeuchtigkeit lediglich 20 Prozent. Zudem weht ein starker Wind. Am 8. August bricht in Stüde im Landkreis Gifhorn ein Brand aus. Weitere Brände in der Südheide entstehen am 9. und 10. August bei Gifhorn und Celle. Bei den vorherrschenden Bedingungen breiten sie sich schnell aus und drohen außer Kontrolle zu geraten.

Brand in der Lüneburger Heide 1975. © dpa

Als die Heide brannte

Ausschnitte der Dokumentation mit Originalaufnahmen vom August 1975 und Zeitzeugenberichten.

4,44 bei 16 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Freiwillige Feuerwehr im Dauereinsatz

Bei so vielen Brandherden ist es schwierig, genügend Personal und Tanklöschfahrzeuge zu jedem einzelnen Feuer zu bringen. Dieter Witt, damals Gruppenführer der Freiwilligen Feuerwehr Unterlüß bei Celle, erinnert sich an den 10. August: "Die Freiwillige Feuerwehr Unterlüß hat acht Mann nach Eschede geschickt. Es war so heiß, dass die Tanklöschfahrzeuge auf dem Asphalt Spuren hinterlassen haben." In den ausgedehnten Kiefer-Monokulturen, aber auch im Bruchholz, das von einem Orkan im Jahr 1972 liegen geblieben ist, finden die Flammen Nahrung. Der Wind facht das Feuer zusätzlich an und lässt bis zu 40 Meter hohe Feuerwände entstehen.

Fünf Feuerwehrleute kommen in den Flammen um

Bild vergrößern
An die Verstorbenen erinnert ein Gedenkstein bei Meinersen.

Witt ist mit einem Löschfahrzeug bei Queloh im Einsatz und kämpft dort mit Kollegen gegen die Flammen: "Das Feuer kam übers Stoppelfeld. Mit einer einfachen Pumpe haben wir von einer Zisterne Wasser gepumpt. Da bin ich allein über brennende Teerstraßen gefahren. Das war teilweise lebensgefährlich, aber wir kannten uns gut aus." Auch bei Meinersen im Kreis Gifhorn kämpfen Feuerwehrleute gegen die Flammen. Durch den drehenden Wind wird das Feuer in eine andere Richtung getragen - und schneidet fünf von ihnen den Fluchtweg ab. Die Männer aus Fallersleben und Hohenhameln werden von der Feuerwalze überrollt und kommen ums Leben.

Kreisdirektor verkennt die Gefahr

Nach dieser Tragödie wird die Kritik an den Verantwortlichen auf Kreisebene immer lauter. Doch sie beharren lange darauf, die Feuer allein bekämpfen zu können. "Es wurde damals nicht so ernst genommen. Und es hieß wie so oft: Dat is us Füer (Das ist unser Feuer)!“, blickt Hans-Erich Ahrens, damals Feuerwehrmann in Hermannsburg, zurück. Der Celler Oberkreisdirektor Axel Bruns, der das Ausmaß der Katastrophe zu spät erkannt hat, muss nach dem Brand seinen Posten räumen. Am Montag, dem 10. August, erklärt der Lüneburger Regierungspräsident Hans-Rainer Frede schließlich den Katastrophenfall und bittet die anderen Bundesländer um sofortige Hilfe.

Hilfe aus dem gesamten Bundesgebiet

In den folgenden Tagen kämpfen Tausende Menschen aus dem gesamten Bundesgebiet gegen die verheerenden Feuer. Feuerwehren aus Hamburg, Bremen und Frankfurt eilen zur Hilfe. Bundesgrenzschutz, Zoll und Mitglieder der Forstverwaltung sind im Einsatz. Das Deutsche Rote Kreuz, der Malteser Hilfsdienst und andere Hilfsorganisationen kümmern sich um die Versorgung der Feuerwehrleute sowie um die Evakuierten. Auch britische und niederländische Einheiten, die in der Lüneburger Heide stationiert sind, beteiligen sich. Als problematisch erweist sich allerdings die Kommunikation: Unterschiedliche Funkkanäle und überlastete Telefonleitungen erschweren die Absprachen.