Stand: 09.05.2016 14:33 Uhr

Mai 1933: Nazis verbrennen Bücher

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Die Bücherverbrennungen hatten einen festgelegten Ablauf, was ihnen den Charakter eines Rituals verlieh.

10. Mai 1933: In zahlreichen deutschen Universitätsstädten karren die Nazis Tausende Bücher aus öffentlichen und privaten Bibliotheken zusammen und verbrennen sie auf öffentlichen Plätzen. Es sind Werke bekannter Autoren wie Erich Kästner, Kurt Tucholsky, Carl von Ossietzky oder Heinrich Mann, darunter viele jüdische Schriftsteller. Insgesamt sind Bücher von mehr als 300 Philosophen, Wissenschaftlern, Lyrikern, Romanciers und politischen Autoren betroffen - ein "Holocaust of Books", wie die amerikanische Illustrierte "Newsweek" damals schreibt.

Feuersprüche begleiten die Verbrennungen

Beteiligt an den Bücherverbrennungen am 10. Mai sind neben einfachen Bürgern vor allem Studenten, aber auch Rektoren und Professoren der Universitäten. Man versammelt sich am Berliner Opernplatz (dem heutigen Bebelplatz), am Wilhelmsplatz in Kiel, am Greifswalder Marktplatz, an der Bismarcksäule in Hannover und in weiteren Universitätsstädten. In Hamburg findet die Verbrennung wegen starken Regens erst am 15. Mai am Kaiser-Friedrich-Ufer statt. Bis in den Juni hinein dauern die Aktionen an, die von sogenannten Feuersprüchen begleitet werden, in denen nacheinander jeweils ein Rufer einzelne Autoren verunglimpft.

Sammelaktionen verfehmter Bücher

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Die Bücher wurden auf Wagen gesammelt und danach auf Scheiterhaufen verbrannt.

In Berlin ist am 10. Mai Reichspropagandaminister Joseph Goebbels selbst anwesend und erklärt das "Zeitalter eines überspitzten jüdischen Intellektualismus" für beendet. Der studierte Germanist Goebbels, der seine Doktorarbeit bei einem jüdischen Professor schrieb, gibt damit den Weg für die Vernichtung Hunderter "undeutscher" literarischer Werke frei. Weit mehr als 20.000 Bücher kommen allein in Berlin bei den Sammelaktionen zur Bücherverbrennung zusammen.

Mit Erich Kästner wagt sich auch einer der betroffenen Autoren an die Scheiterhaufen: "Ich stand vor der Universität eingekeilt zwischen Studenten in SA-Uniform, sah unsere Bücher in die zuckenden Flammen fliegen und hörte die schmalzigen Tiraden des kleinen abgefeimten Lügners. Begräbniswetter hing über der Stadt. (...) Es war widerlich."

"Gleichschaltung" der Literatur

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Mehrere Rufer nannten in ihren "Feuersprüchen" die jeweiligen Autoren, dessen Werke sie in die Flammen warfen.

Die Bücherverbrennungen sind ein erster Triumph der Politik der "Gleichschaltung" und Unterdrückung der freien Meinung. Zugleich sind sie Höhepunkt der Kampagne "Wider den undeutschen Geist" mit der die vom NS-Studentenbund dominierte Deutsche Studentenschaft ab März 1933 begann, jüdische und politisch missliebige Schriftsteller zu verfolgen - viele dieser Autoren prägen heute unser Bild von der Literatur der Weimarer Republik.

Heinrich Heine, dessen Schriften die Nationalsozialisten ebenfalls verbieten ließen, legte bereits 1820 seinem Protagonisten Hassan in dem Trauerspiel "Almansor" eine düstere Prophezeiung in den Mund: "Das war ein Vorspiel nur. Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen." Diese Worte sollten sich in Deutschland wenige Jahre nach 1933 bewahrheiten.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 10.05.2013 | 06:53 Uhr

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