Stand: 21.08.2014 10:01 Uhr

Vom dänischen Dorf zum Hamburger Szeneviertel

von Dirk Hempel, NDR.de
Bild vergrößern
Altona ist eine weltoffene Stadt, wie schon das geöffnete Tor auf dem Stadtwappen von 1664 zeigt.

Eine armselige Ansammlung von Bauernhöfen, Fischerkaten und Wirtshäusern mit 2.500 Einwohnern. So sieht Altona - ein Dorf vor den Toren Hamburgs - Mitte des 17. Jahrhunderts aus. Als der dänische König Friedrich III. Altona am 23. August 1664 das Stadtrecht verleiht, ändert sich das. Ungewöhnliche Privilegien wie Zuzugs-, Religions- und Gewerbefreiheit machen sie binnen kurzem zu einer der liberalsten Städte Europas. Das neue Stadtwappen zeigt - anders als das der mächtigen Nachbarin Hamburg - ein geöffnetes Tor. Mit königlicher Erlaubnis dürfen die Kaufleute die im Altonaer Hafen umgeschlagenen Waren unverzollt stapeln. Damit entsteht einer der ersten Freihäfen Europas. Ein klarer Wettbewerbsvorteil gegenüber der bislang konkurrenzlosen Nachbarstadt. Die Hamburger Ratsherren sind beunruhigt.

Hamburger betrachten den Nachbarn mit Argwohn

Überhaupt ist ihnen die kleine Siedlung vor der Stadtmauer schon immer ein Dorn im Auge gewesen. Eine um 1536 eröffnete Fischerkneipe mit zweifelhaftem Ruf, zwischen heutiger Breiter Straße und Pepermölenbek gelegen, hat dem Ort der Legende nach den Namen gegeben. Die Schankwirtschaft befindet sich für die Hamburger Stadtoberen "all to nah" (allzu nah) an der Grenze zu Hamburg.

Da Altona mit seinen damals rund 50 Einwohnern aber zum Gebiet des Grafen von Schauenburg gehört, der Grafschaft Pinneberg, die bis an die Elbe reicht, können die Hamburger eine weitere Ansiedlung von Bauern, Fischern und Handwerkern nicht verhindern.

Glaubensflüchtlinge finden eine neue Heimat

Bild vergrößern
Seit 1611 existiert der Jüdische Friedhof an der Königstraße in Altona.

Religiöse Toleranz hat von Anfang an eine besondere Bedeutung in Altona. Verfolgte Protestanten aus den spanischen Niederlanden werden aufgenommen, auch Mennoniten sowie deutsche und portugiesische Juden. Davon zeugt noch heute der Jüdische Friedhof an der Königstraße.

Im Dreißigjährigen Krieg wird Altona zunächst von dänischen Truppen besetzt. Dann von Wallensteins kaiserlichen Soldaten, die monatelang brandschatzen, foltern, vergewaltigen und morden. Viele Einwohner fliehen. Zahlreiche Häuser stehen leer. Wer nicht erschlagen wird, den rafft die Pest dahin.

Altona wird dänisch

Als 1640 der letzte Schauenburger Landesherr stirbt, nutzt der dänische König Christian IV. die Gunst der Stunde und besetzt die Grafschaft Pinneberg, und damit auch Altona. Der Ort gehört fortan zum Herzogtum Holstein, das dem dänischen König ebenfalls untersteht. Die benachbarte Handelsmetropole Hamburg, auf die Dänemark seit Jahrzehnten Anspruch erhebt, soll von hier in ihre Schranken gewiesen, vielleicht sogar erobert werden.

Bild vergrößern
Zeichnung der Stadt Altona. Im Nordischen Krieg wird sie 1713 von schwedischen Truppen niedergebrannt.

Allerdings ist Altona noch immer verwüstet. Zahlreiche Häuser stehen leer, in den Buden am Hafen hausen zwielichtige Gestalten, so dass der Amtsvogt an den König melden muss, dass "gar zu oft Mord, Totschlag und andere Exzesse vorgehen". Erst Stadtrecht und Privilegien verbessern nach 1664 die Situation. Die Steuern sind niedriger, die Lebensmittelpreise ebenfalls. Auch Hamburger Bürger ziehen nun nach Altona. Mit 12.000 Einwohnern ist es 1710 nach Kopenhagen die zweitgrößte dänische Stadt. Drei Jahre später brennen schwedische Truppen die meisten Häuser nieder.