Stand: 22.08.2017 12:33 Uhr

Rostock-Lichtenhagen: Verarbeitung in der Kunst

von Lenore Lötsch

Lichtenhagen - das ist in der Welt ein Symbol geworden: Hunderte griffen am Abend des 24. August 1992 das Sonnenblumenhaus an, Tausende klatschten Beifall und der Sprechchor "Deutschland den Deutschen, Ausländer raus" tönte von Rostock aus in die Welt. 25 Jahre danach hat sich NDR Kultur angeschaut, wie Rostock mit der Vergangenheit umgeht und Künstler besucht, die die Ereignisse von damals bearbeitet haben.

"21.35 Uhr. Unten beginnen sie, Balkone und Fenster zu erklimmen. Molotow-Cocktails fliegen in das Erdgeschoss. Irgendeiner brüllt: 'Diese Chaoten kommen. Sie stecken das Haus in Brand!' Von der Polizei immer noch keine Spur. Und wir sitzen in der Falle." Das war der Zeitpunkt, als Rostock-Lichtenhagen, das Sonnenblumenhaus, aufhörte, nur eine Ortsangabe zu sein. Es wurde zu einem Schattenort der jüngsten deutschen Geschichte. Und das Fernsehen berichtete live. Ein ZDF-Team war mit den 150 Vietnamesen eingeschlossen in dem brennenden Haus.

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"Die Schande der Stadt sind nicht die jugendlichen Attentäter aus Lichtenhagen und nicht ein unfähiger milieuverliebter Polizeichef, sondern die zuschauenden Rostocker", schrieb der Psychologe Olaf Reis Mitte der 90er-Jahre seiner Heimatstadt ins Stammbuch - in seinem Aufsatz "Rostock als geistige Lebensform". 25 Jahre nach den Ereignissen in Lichtenhagen bemüht die Stadt sich sichtlich, in der Erinnerungsarbeit alles richtig zu machen. Ein Archiv wird geschaffen, eine Erinnerungswoche initiiert, ein deutschlandweiter Kunstwettbewerb wurde ausgelobt. Doch als eine der fünf Stelen in Lichtenhagen aufgestellt wird, da schaut manch Rostocker zu, verschränkt die Arme und weicht zurück. Allerdings nicht, ohne den Wutbürger zu geben.

Zögerliche Kritik seitens der Kunst

Merkwürdig zögerlich haben Künstler auf Lichtenhagen reagiert. In der Literatur, zumal in der Belletristik, findet sich wenig. Lange gab es keinen Spielfilm. Vielleicht ist eine Ursache dafür die Übermacht der Fernsehbilder. Zu Lichtenhagen existiert eine Ton- und Bildspur. Der Regisseur Burhan Qurbani begann vor sieben Jahren mit der Recherche für seinen Lichtenhagen-Spielfilm: "Das populärste Bild aus der Zeit war 'der Pisser'. Der Mann mit dem Deutschlandshirt und der vollgepinkelten Jogginghose. Das war nicht die Art von Deutschland, die man so einfach aufarbeiten kann. Die schicken Uniformen der Nazis sind viel leichter zu erzählen. Ich glaube, dass die Kunstschaffenden, die Erzähler, die Filmemacher heute viel eher bereit sind, sich relativ schnell, manchmal zu schnell, auf Stoffe zu stürzen, die etwas mit der jüngeren bundesdeutschen Geschichte zu tun haben", sagt er.

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"Wir sind jung, wir sind stark" heißt der Spielfilm von Burhan Qurbani und Drehbuchautor Martin Behnke. Die beiden fuhren 2015 mit einer gehörigen Portion Angst zur Rostocker Uraufführung ihres Filmes. Er ist bis heute der zuschauerstärkste Film des Rostocker Programmkinos Liwu. Martin Behnke: "Der Unterschied zwischen dem Film und einer Stele ist: Natürlich kann man sich im Film entscheiden, will man da hingucken oder nicht. Bei einem Stein hast du keine Wahl. Er ist einfach da. Genauso wie dieses Sonnenblumenhaus. Das ist immer da. Man kann dieser Sache nicht aus dem Weg gehen."

Fragen und Probleme ernst nehmen

Alexandra Lotz ist Mitglied der Künstlergruppe, die die Stelen entworfen hat. Sie glaubt, dass sich die Aufarbeitung der Ereignisse vor 25 Jahren vor Ort nicht über Kunstprojekte regeln lassen wird: "Da können noch 50.000 Pflanzen gesetzt, noch 50.000 Kunstprojekte initiiert werden, an diesen Stellen. Man muss es schaffen, die Lichtenhäger in einen Diskurs zu bringen, der nicht auf Schuldzuweisung ausgelegt ist. Das musst jetzt passieren. Am besten wäre ein Mediator, der die Fragen und die Probleme wirklich ernstnimmt. Ich glaube, die Leute fühlen sich bis heute nicht ernst genommen."

Gelegenheiten zur Auseinandersetzung mit der Vergangenheit wird es während der Rostocker Lichtenhagen-Gedenkwoche geben, zum Beispiel in der Rostocker Marienkirche, bei einer Veranstaltung mit Romani Rose, dem Vorsitzenden des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma. Oder bei einer Diskussion über die Verantwortung der Medien und die Rolle der Polizei vor 25 Jahren, unter anderem mit dem Journalisten Stefan Niggemeier und Innenminister Lorenz Caffier. Auch Qurbani zeigt seinen Film noch einmal in Rostock. Mit dabei: Wolfgang Richter, der damals weinend bei der Polizei anrief und nach Hilfe für die Eingeschlossenen flehte. "Ich weiß, dass er jedes Mal extrem leidet, wenn er diesen Film anschaut. Ich habe ihn einmal gefragt: 'Wolfgang, wie oft willst du dir das noch antun?' Und er meinte: 'Burhan, bis ich nicht mehr weinen muss.' Das ist hart. Da merkt man auch, welche Verantwortung man als Filmemacher hat."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 22.08.2017 | 07:20 Uhr

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